AnalyseWarum die Abschiebungen nach Afghanistan so umstritten sind

Aktuell stehen Straftäter im Mittelpunkt der Diskussion über Abschiebungen nach Afghanistan. Doch die Mehrzahl jener Asylwerber, die in die Heimat abgeschoben werden, hat sich keiner Verfehlungen schuldig gemacht und in Afghanistan wenig Chancen auf ein sicheres Leben.

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Asylwerber aus Afghanistan, der in Innsbruck eine Friseurlehre machte: Auf junge Menschen wie ihn wartet in Afghanistan der sichere Tod
Asylwerber aus Afghanistan, der in Innsbruck eine Friseurlehre machte: Auf junge Menschen wie ihn wartet in Afghanistan der sichere Tod © APA/HELMUT FOHRINGER
 

Deutschland und die Niederlande schieben vorerst keine Menschen mehr nach Afghanistan ab. "Der Bundesinnenminister hat aufgrund der aktuellen Entwicklungen der Sicherheitslage entschieden, Abschiebungen nach Afghanistan zunächst auszusetzen", sagte ein Sprecher des deutschen Innenministeriums

Die USA und die NATO zogen die internationalen Truppen aus Afghanistan ab. Das Land droht in ein Chaos zu stürzen. Die Taliban erobern eine Bastion nach der anderen zurück. Zuletzt haben sie in der Großstadt Kunduz im Norden Afghanistans - bereits die neunte Provinzhauptstadt, die in ihre Hände fiel - nun auch den Flughafen und eine große Militärbasis erobert.

Für die nach Afghanistan zurückgeschickten Flüchtlinge aus Europa wird die Lage noch brisanter als sie es bisher schon war. Es handelt sich um die zweitgrößte Gruppe von Asylantragstellern in Österreich. Die Liste jener, denen Asyl oder ein subsidiärer Schutzstatus gewährt wird, sowie die Liste der offenen Asylverfahren führen sie an. Die jüngste Idee: Die Türkei zum sicheren Drittland zu erklären und Flüchtlingen damit die Weiterreise zu verwehren.

Die Perspektive für Rückkehrer ist wenig erfolgversprechend. Das Land ist nicht sicher. Den Abgeschobenen droht der Tod. Zuletzt hatte die Diakonie darauf aufmerksam gemacht. Die Deutsche Friederike Stahlmann, langjährige Gutachterin für Afghanistan, auch für die Österreichischen Gerichte, erstellte 2021 eine Studie, die schon vor der jüngsten Verschärfung belegte, dass abgeschobenen Afghanen Gefahr für Leib und Leben, Verelendung und Verfolgung droht.

Unter anderem werde ihnen insbesondere auch wegen ihrer Flucht nach Europa "Verrat, Verwestlichung, unmoralisches Verhalten und die Abkehr vom Islam" vorgeworfen. Auch die Familien von Europa-Rückkehrern seien gefährdet.

Kein Familienanschluss

Betroffene Familien versuchen entweder sich zu schützen, indem sie den Kontakt mit den Rückkehrern verweigern, oder Abgeschobene müssen versteckt bleiben. Dieser soziale Ausschluss aufgrund der spezifischen Sicherheitsrisiken macht eine Reintegration oder eine Existenzgründung für Abgeschobene auch unabhängig von der derzeitigen Eskalation der Not nahezu unmöglich. 

Den Rückkehrern fehle deshalb vielfach das überlebenswichtige familiäre Netz. Viele von ihnen haben schon lange keine Familie mehr in Afghanistan, weil diese seit Jahren und Jahrzehnten in Nachbarländern wie dem Iran lebe. In Afghanistan machen sich in diesen Tagen indes viele Angehörige schiitischer Minderheiten wie der Hazara neuerlich auf die Flucht.

Neuerliche Flucht oder Tod

Die Studie von Friederike Stahlmann dokumentiert die Erfahrungen von 113 der 908 zwischen Dezember 2016 und März 2020 aus Deutschland abgeschobenen Afghanen. Bis auf einen Betroffenen haben alle bekannten Abgeschobenen das Land wieder verlassen oder planen dies. Zwei  haben Suizid begangen.

Die Diakonie fordert: „Wir gefährden sehenden Auges das Leben dieser Menschen durch Abschiebungen nach Afghanistan und setzen sie der Gefahr lebensbedrohlicher Verletzungen und Verelendung aus. Dies ist mit der Europäischen Menschenrechtskonvention unvereinbar. Wir fordern, dass auch Österreich endlich auf die desaströse Sicherheitslage in Afghanistan reagiert und sämtliche Abschiebungen dorthin stoppt. Bereits in Schubhaft befindliche Betroffene müssen umgehend freigelassen werden."

Kommentare (22)
mahue
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Manfred Hütter: Aufenthalt in Österreich

Wir haben nicht wenige Personen (Asylwerber) in Österreich aus Ländern, die einen rechtmäßigen Aufenthalt bei der österreichischen Botschaft im Heimatland (natürlich nur unter Angabe der Gründe, warum er beantragt wird) stellen hätten können. Erfolg ungewiss, daher persönliche Papiere vernichten und illegal über mehrere Grenzen sich schleppen lassen, um dann nach Europa zu kommen. Frage mich nur, woher haben diese Personen ihre tausende Euro dafür, die Armen müssen zu Hause bleiben oder im Grenzgebiet der Nachbarländer ausharren, weil spanisch gesagt die/das "dineros" fehlen.

Klgfter
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kommt da jetzt die mitleidsmasche ?

hatten die vier auch mitleid mit dem mädchen ?

wo bleiben die kerzerlmärsche diverser parteien und ngo‘s für die 13jöhrige - aso sorry es geht ja nicht um irgendwelche armen verfolgten traumatisierten unbegleitete ‚minderjährige‘ war ja a einheimische da braucht man nicht kerzerl und taferltragen ……… die war ja spät abends ohne aufsicht unterwegs und aus schwierigen verhältnissen ……….

UHBP
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@Kl..

Ich Frage mich wo die ganzen türkisen sind, die ständig "Unschuldsvermutung" schreien.
Ach ja, das war ja eine andere Vorlage. Unschuldsvermutung für die einen. Einsperren ohne Rechtsgrundlage für die anderen. Hatten wir vor fast 100 Jahren auch schon mal.
Das funktioniert halt immer, wenn man eine einfache Gefolgschaft hat.

Mein Graz
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@Klgfter

So ein Unsinn tut schon fast weh.

Kein Mensch hat Mitleid mit solchen Verbrechern (obwohl natürlich auch für diese Personen die USV gilt).
Dass sich die Eltern unangenehmen Fragen stellen müssen ist dem Alter des so grausam ums Leben gekommen Mädchens geschuldet und auch völlig richtig.

Was du hier betreibst ist politische Effekthascherei und Populismus auf tiefstem Niveau.
Du solltest dich schämen.

mrbeem02
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DIE SOLLEN HINAUS

Österreich ist ein Land, wo wir Österreicher, und vor allem auch die Österreicherinnen in Frieden leben wollen. Wenn nun Vertreter dieses Volkes diesen Frieden laufend massiv stören, wird man dem am Besten Herr, indem man sie alle aus dem Land bringt. Leider ist halt für die Guten unter den Afghanen der Spruch Mitgefangen ist Mitgehangen - aber primär müssen wir auf uns Österreicher schauen.

future4you
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Auch wenn es viele Aufschreie geben wird:

Zu glauben, dass Gene und Muster von Menschen, die von Kindesbeinen an in einer frauenfeindlichen, gewaltbereiten, religionsfanatischen oder kriegsführenden Umgebung aufgewachsen sind, mit ein paar Sprach- und Integrationskursen verändert sind, ist ein Irrglaube.
Man braucht kein Spezialist zu sein, um zu erahnen, welch ein Gefährdungspotential bei Menschen gegeben ist, die in so einem Umfeld aufgewachsen sind. Hinzu kommt noch, dass sich bei uns die soziale Schere bei vielen Flüchtlingen aufgrund ihrer mangelnden Bildungsmöglichkeit noch viel deutlicher auftun wird, als sie es in ihren Herkunftsländern erlebten.
Wenn wir nicht auf einer tickenden Zeitbombe sitzen bleiben wollen, bedarf es deutlich verstärkte Begleitmaßnahmen für all jene, die bereits hier sind und rigorose Maßnahmen für neuen Zuzug.

Mein Graz
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@future4you

Die Gene haben mit dem Umfeld wohl wenig zu tun.

BernddasBrot
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Art. 33 FlüchtlingsKonvention

...u.a. keine Ausweisung in denen sein Leben oder Freiheit wegen Religon , Rasse, Staatsangehörigkeit bedroht sein würde...
auf die Vergünstigungen kann er sich nicht berufen , der aus schwer wiegenden Gründen als eine Gefahr für die Sicherheit des Landes anzusehen ist , in dem er sich befindet...oder eine Gefahr für die Allgemeinheit des Staates bedeutet, weil er wegen Verbrechens rechtskräftig verurteilt wurde........ ( nur zur Information , wie der status quo aussieht ).....

zweigerl
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Das "Jack Unterweger"-Syndrom

Dieser ganze Apparat der Flüchtlingshelfer verhält sich augenblicksverhaftet und stigmatisierend. So beteuern derzeit alle Betreuer der inkriminierten Afghanen, dass diese keinerlei "Anzeichen" gezeigt hätten, zu solchen Grausamkeiten fähig und willens zu sein. Genau hier liegt ein methodischer Beurteilungsfehler mit bgravierenden Folgen auch für die Flüchtlinge, denn: a) ist jeder Mensch eine "blackbox", in die niemand hineinschauen kann (was prinzipiell psychologische Gutachten entwertet) und b) ist der äußerliche Unschuldsbonus sofort eine schwere Hypothek für alle unauffälligen Migranten, die nun latent ebenfalls als möglicherweise vergewaltigende Schwerstverbrecher angesehen werden könnten. Ich würde das als das "Jack Unterweger"-Syndrom bezeichnen, der auch als Unschuldslamm aufgetreten ist und von der intellektuellen Schickeria sofort das Etikett "genialer und optimal resozialisiertes Trauma-Opfer" angeklebt bekommen hat. Ab da konnte sich der Frauenmörder die tollsten Frauen aussuchen.

Ragnar Lodbrok
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Wer sich benimmt und unsere Gesetze einhält - ist willkommen.

Wer das nicht tut - soll nach Afghanistan zurückgeschickt werden. Ohne wenn und aber! Null Toleranz und kein Mitleid!
Wie kommen abertausende Asylsuchende dazu - mit Verbrechern, Mördern und Vergewaltigern in einen Topf geschmissen zu werden!

mtttt
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Benehmen allein ist zuwenig

Wir brauchen eine Einwanderungskultur, die Leistungs- und Ausbildungs- und Integrationswilligen als zukünftige Stützen der Gesellschaft alle Möglichkeiten bietet. Bewusste Sozialsystemausbeuter haben wir selber genug. Diese Kultur gilt es zu entwickeln, und Kurz muss sich da von der Kickl'schen Geisteshaltung lösen. Die Roten müssten ungeflektierte Willkommenskultur aufgeben und die Gewerkschaft überzeugen daß die Menschen Zugang zu Arbeitsmarkt und lebenswürdigen Umständen brauchen. Das Wegsperren in irgendwelche Heime züchtet nur Kriminalität.

campanile
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Die welt retten

Weder EU und schon gar nicht österreich können die probleme im nahen und fernen osten lösen. Schon gar nicht durch aufnahme junger männer. Junge Burschen aus österreich sind in den 30er jahren auch nicht in massen geflüchtet.

melahide
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Komisch

Gegen den Klimawandel sollen wir auch nichts tun, weil wir in Österreich "ja sowieso nichts ausrichten können". OK. Seh nix, hör nix, sag nix .. hauptsache unsere Berge sind schön :)

Zum Glück haben die Amis, Engländer, Franzosen, Russen und was weiß ich noch, damals im 2. Weltkrieg nicht so gedacht ... sonst wären wir heute noch eine Diktatur.

UHBP
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@mel...

".. sonst wären wir heute noch eine Diktatur."
Manche hier würde da wahrscheinlich gar nicht stören.

SoundofThunder
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So etwas ähnliches habe ich gestern geschrieben und wurde prompt gelöscht

Wenn die USA abzieht kollabiert die Regierung in Afghanistan (die sich ja nur durch den Schutz der US-Armee halten konnte) und die Taliban übernehmen die Macht. Was das bedeutet weiß jeder.

Hausverstand100
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Nachdem

Offensichtlich die Taliban aber gar keinen kleinen Rückhalt in der Bevölkerung genießen, sollte das ein Problem sein, dass die afghanische Bevölkerung intern lösen soll, wo ist da unsere Verantwortung?
Sind wir als nicht einmal annähernd Nachbarn wirklich zuständig für die Situation dort oder wo immer es auf der Welt gerade unangenehm ist?

zweigerl
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Das Menetekel "Taliban"

Dass die ganze Welt nicht mit einer ursprünglich als glaubensfundamentalistische Studentenguerilla gegründeten Bande von Banditen nicht fertig wird, lässt Schlimmes befürchten, falls - und das wird bald sein - eine globale Bedrohung die Anstrengung aller herausfordern wird und es um mehr gehen wird als um diesen fallierten Staat, der sich nicht zu helfen weiß.

Vem03
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Warum

flüchten dann nur junge Männer ? Da sind dann Frauen Kinder und Alte anscheinend wesentlich mutiger

Energized
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Doch die Mehrzahl jener Asylwerber, die in die Heimat abgeschoben werden, hat sich keiner Verfehlungen schuldig gemacht und in Afghanistan wenig Chancen auf ein sicheres Leben.

Ich glaub ich lese nicht Richtg ... Jene die sich hier in Österrreich strafbar machen haben hier keine Rechte mehr ...

UHBP
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@eng...

Und ich glaube, du verstehst den Text nicht richtig. Als Fussballspieler warst du sicher rechtsaußen, oder?

lendlb
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Ich glaube, ich verstehe Sie nicht richtig.

Der Satz sagt, dass die meisten, die nach Afghanistan abgeschoben werden in Österreich nicht straffällig geworden sind. Das hat nichts mit den Rechten von denen zu tun, die bei uns straffällig sind.

SoundofThunder
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🤔

Richtig. Jene die sich Strafbar machen haben hier keine Rechte mehr. Aber man ist ja gewillt alle in einen Topf zu werfen. Sind eh alle Kriminell.