Landeshauptmann-WechselWie sich das Burgenland vom Armenhaus zum Vorzeigeland entwickelt hat

Nach 18 Jahren bekommt das Burgenland einen neuen Chef. Die EU verhalf der Region zu nie gekanntem Glanz, doch mehr als ein Drittel pendelt in andere Bundesländer.

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Schloss Esterhazy
Schloss Esterhazy © APA/ROBERT JAEGER
 

Staffelübergabe im Burgenland. Nach 18 Jahren und zwei Monaten im Amt übergibt Landeshauptmann Hans Niessl (SPÖ) heute die Landesagenden an seinen Nachfolger, Ex-Minister Hans Peter Doskozil. Dieser übernimmt damit nicht nur die Führung einer rot-blauen Koalition, sondern auch ein Bundesland, das sich im Laufe der letzten 20 Jahre vom Armenhaus der Republik zum Vorzeigeland gemausert hat.

Platz eins bei den Maturantenzahlen, Schlusslicht in der Kriminalitätsstatistik und vorn dabei, wenn es um Innovationen geht – dem östlichsten Bundesland ist eine bemerkenswerte Imageumkehr gelungen. Heute gilt es weit über die eigenen Grenzen hinaus als Genussregion, Obst und Gemüse werden vom Rest des Landes ebenso geschätzt wie die Thermenlandschaft.

Vor allem, wenn es um Wein geht, können sich die Burgenländer auf die Schulter klopfen. Mit seinem mehr als 13.100 Hektar umfassenden Anbaugebiet liegt das Bundesland auf Platz zwei hinter Niederösterreich (28.145 Hektar) und kann mit Winzern aufwarten, die mit ihren edlen Tropfen aus den Bestenlisten des Landes nicht mehr wegzudenken sind. Im Rekordjahr 2018 wurden knapp 785.000 Hektoliter und damit sieben Prozent mehr Wein als im Vorjahr produziert.

EU-Gelder machen's möglich

Möglich gemacht hat den rasanten Aufschwung des Bundeslandes der Beitritt der Republik zur Europäischen Union im Jahr 1995. Das am Rande Österreichs und damit am ehemaligen Eisernen Vorhang gelegene Burgenland, das den anderen Bundesländern damals wirtschaftlich klar unterlegen war, wurde in die höchste EU-Strukturförderungskategorie gehoben, welche die abstrakte Bezeichnung Ziel-1-Gebiet trägt. In Gebieten mit diesem „Stempel“ liegt der Wohlstand unter 75 Prozent des europäischen Durchschnittes. Und für das Burgenland, das erst seit dem Jahr 1921 zu Österreich gehört, bedeutete das in den darauffolgenden Jahren einen wahren Millionenregen.

In der ersten Förderperiode bis 1999 flossen 174 Millionen ins Land der Burgen, in der zweiten bis 2006 konnte man sich über rund 270 Millionen freuen. Allein in der Förderperiode 2007 bis 2013, wo die EU 177 Millionen Euro ins Burgenland geschickt hatte, entstanden laut Regionalmanagement Burgenland 9260 Arbeitsplätze, gut die Hälfte davon in subventionierten Betrieben. Seit dem EU-Beitritt flossen damit 1,5 Milliarden Euro in das einwohnertechnisch kleinste Bundesland Österreichs, welche Gesamtinvestitionen in Höhe von vier Milliarden Euro auslösten.

Mehr als ein Drittel pendelt

Trotz wirtschaftlichem Aufschwung wird im Burgenland gependelt wie in keinem anderen Bundesland. 50.000 Personen und damit mehr als ein Drittel aller Erwerbstätigen im Land pendeln in andere Bundesländer wie Wien und Niederösterreich. Auf kleine Städte wie Andau, unweit der ungarischen Grenze, hat das gravierende Auswirkungen – sie verkommen zu Geisterstädten. Tagsüber findet man menschenleere Straßen und Häuser vor. Kaffeehäuser sperren nur noch in den frühen Morgenstunden auf, um den Pendlern ein Frühstück zum Mitnehmen anzubieten, Restaurants sperren ganz zu, weil die vom Tag erschöpfte Kundschaft lieber zu Hause bleibt. „Wir sind die Stadt der heruntergelassenen Rollläden“, ätzt so mancher Einwohner.

Einiges los ist hingegen in den Kulturstätten des Landes. Obwohl hier nur ein Prozent des Gesamtbudgets auf die Kulturförderung fällt (21 Millionen Euro), locken die Seefestspiele Mörbisch und das Schloss Esterházy jedes Jahr Tausende Besucher an. Neue Projekte wie ein Kulturzentrum in Mattersburg sollen weitere Regionen des Landes kulturell beleben. Einen Wermutstropfen lieferten jedoch die Tourismuszahlen 2018. Das Burgenland musste als einziges Bundesland Österreichs einen Rückgang bei den Nächtigungen beklagen.

Der schon 20 Jahre andauernde Aufstieg des selbst ernannten Sonnenlandes könnte monetär jedoch bald ein Ende finden. Denn eigentlich ist geplant, dass die EU dem florierenden Burgenland 2020 den aktuellen Status als Österreichs einzige „Übergangsregion“ aberkennen wird. Damit käme die europäische Geldquelle zum Versiegen. Damit es nicht so weit kommt, verhandelt die Politspitze des Landes aktuell mit Brüssel über eine Fortsetzung der beliebten Förderung bis zum Jahr 2027.

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