Spätestens im Herbst muss, diesen Druck hat sich die Bundesregierung selbst auferlegt, die Reformpartnerschaft aus Bund, Ländern und Gemeinden herzeigbare Reformergebnisse bei Gesundheit, Bildung, Energie und Verwaltung auf den Tisch legen. Es gilt, die Zuständigkeiten neu zu ordnen. In dieser kritischen Phase rückt nun der Tiroler Anton Mattle für sechs Monate an die Spitze der Landeshauptleutekonferenz.

Der 62-jährige ÖVP-Politiker ist außerhalb seines Heimatlandes nach wie vor ein weitgehend unbeschriebenes Blatt geblieben. Starke Sprüche gegen „die in Wien“ sind von ihm bisher kaum überliefert. Auch sonst tritt er nicht als Polterer auf, diese Rolle überlässt der dreifache Familienvater lieber anderen Kolleginnen und Kollegen. Dass er das kürzlich angestellte Gedankenspiel des pinken Staatssekretärs Josef Schellhorn, wonach Österreich auch mit drei Bundesländern das Auslangen finden könnte, als „Provokation“ geißelte und von den Neos insgesamt „mehr Respekt für die Bundesländer“ einforderte, war diesbezüglich fast schon das Maximum – und selbst das wirkte mehr wie eine Pflichtübung.

Ein politischer Vollprofi

Unterschätzen sollte man Mattle jedoch nicht. Der gelernte Elektroinstallateur ist ein politischer Vollprofi mit jahrzehntelanger Erfahrung. Aufgewachsen als zweites von vier Kindern auf dem elterlichen Hof in Galtür stieg er 1986 für den Bauernbund in die Gemeindepolitik ein – von 1992 bis 2021 sogar als Bürgermeister. Damit fiel auch das Lawinenunglück von 1999 in seine Amtszeit, mit 38 Todesopfern eine der größten Katastrophen Österreichs.

2003 wurde Mattle als 30-Jähriger erstmals in den Tiroler Landtag gewählt, 2018 sogar mit dem landesweit besten Vorzugsstimmenergebnis. 2021 holte ihn Landeshauptmann Günther Platter als Wirtschaftslandesrat in die Landesregierung. Als Platter 2022 wenige Monate vor der Landtagswahl angesichts katastrophaler Umfragewerte für die ÖVP seinen Rücktritt erklärte, präsentierte er Mattle als seinen Wunschnachfolger. In einem ganz auf ihn als Person zugeschnittenen Wahlkampf, rettete der ruhige Galtürer trotz herber Verluste recht souverän Platz eins mit 34,7 Prozent für die Volkspartei und ging eine Koalition mit der SPÖ unter deren damaligen Chef Georg Dornauer ein.

Den meisten Ländern steht das Wasser bis zum Hals

In den kommenden Monaten wird Mattle mehr Zeit in Wien verbringen müssen, als ihm selbst wohl lieb sein wird. Den meisten Ländern steht mit Blick auf die öffentlichen Finanzen das Wasser bis zum Hals. Mitschuld daran tragen die verworrenen Zuständigkeiten, die Veränderung bisher blockierten, was wiederum den Länderchefs ihren Einfluss auf die Bundespolitik sicherte. Nun jedoch sind Reformen unerlässlich, doch derzeit sind sich nicht einmal die neun Länder untereinander einig, wie diese aussehen sollen.

Am ruhigen Sachpolitiker wird es liegen, hier zu vermitteln und gleichzeitig die Gestaltungskraft der Länder zu erhalten. Immerhin beim eigenen Budget ist Mattle mit gutem Beispiel vorangegangen: Als einziges Bundesland will Tirol 2026 und 2027 ohne neue Schulden auskommen.