Zur Präsentation seines neuen Buchs lud Peter Pilz in die Wiener Vorstadt, und zwar in die „Kulisse“, wo sich normalerweise politische Kabarettisten die Klinke in die Hand geben. Der Saal war voll, und der ehemalige Politiker inszenierte den Abend wie eine Krimi-Nacht, eine kurzweilige Netflix-Doku mit einem Cliffhanger nach dem anderen. In die Rolle des Conferenciers schlüpfte der bekannte Aufdecker-Journalist und nunmehrige Podcaster Michael Nikbakhsh.

War es Mord?

An dem Abend – und auf knapp 240 Seiten - widmet sich Pilz einer einzigen Nacht, jener vom 19. auf den 20. Oktober 2023, in der Christian Pilnacek starb. Der einst mächtige, nicht unumstrittene Sektionschef war am Vorabend im betrunkenen Zustand als Geisterfahrer von der Polizei aufgehalten worden, in den Morgenstunden wurde er in einem Seitenarm der Donau tot aufgefunden. Für Pilz bestehen keine Zweifel:  „Ein Suizid ist extrem unwahrscheinlich, und auch ein Unfall ist extrem unwahrscheinlich.“ Was dann? War es Mord?

Zweifel am Obduktionsbericht

Pilz nimmt dieses Wort nie in den Mund, versucht aber anhand von Ungereimtheiten, Widersprüchlichkeiten, Schlampigkeiten, die die Ermittlungen am Tatort und in den Tagen danach kennzeichnen, mosaiksteinartig ein Puzzle zusammenzustellen, das genau in diese Richtung deutet. Minutiös geht Pilz auf der Bühne die denkwürdige Nacht durch, liest Passagen aus den ausführlichen Stellungnahmen zweier Gerichtsmediziner vor, die den offiziellen Obduktionsbericht, insbesondere dessen Schlussfolgerungen auseinandernehmen, wirft Bilder vom möglichen Tatort an die Wand, fragt sich, warum weder das Handy noch die Smartuhr noch der Laptop des Toten je systematisch ausgewertet wurden.

„Kein Interesse an einer Aufklärung“

Pilz hat einen starken Verdacht: dass maßgebliche Leute in der ÖVP und im Innenministerium nie Interesse an einer lückenlosen Aufklärung hatten, weil Pilnacek zu viel wusste, und deshalb die Suizid-Version die angenehmste Variante ist. „Ich will nicht in einem Land leben, in dem ein mächtiger Justiz-Sektionschef plötzlich tot ist und es keine ordentlichen Ermittlungen dazu gibt“, meint Pilz, der Applaus ist ihm sicher.

Nach der Veranstaltung formiert sich die eine oder andere Gruppe vor dem Lokal, wo eine einzige Frage gestellt wird: „Was hältst du von dem Ganzen?“ Erinnert wird daran, dass Pilz in der Vergangenheit sehr oft die offizielle Version von Todesfällen im politischen Umfeld (Lütgendorf, Amri, Apfalter) angezweifelt hat. Ob Pilz in der Causa-Pilnacek das Puzzle richtig zusammengesetzt hat oder bei den Schlussfolgerungen einer Verschwörungstheorie aufgesessen ist, darüber gehen die Meinungen nach dem Abend komplett auseinander.