Bitte warten - Ihr Zugang wird eingerichtet.

Brexit-PaktGroßbritannien und EU: Der Blick in die "Scheidungspapiere"

Weniger als eine Woche vor Ablauf der Brexit-Übergangsphase haben Großbritannien und die EU ihren mühsam ausgehandelten Handelspakt für die Zeit danach veröffentlicht.

Boris Johnson © AFP
 

Beide Seiten stellten am Morgen des zweiten Weihnachtstages das rund 1.250 Seiten starke Dokument auf ihren Webseiten online (hier ist der Link dazu). Der Vertrag soll unter anderem Fragen zum Handel, der Zusammenarbeit von Polizei und Justiz und dem Krankenversicherungsschutz Reisender bei Notfällen regeln. London und Brüssel hatten am 24. Dezember einen Durchbruch bei den Gesprächen über einen gemeinsamen Handelspakt verkündet. Mit dem Jahreswechsel verlässt das Vereinigte Königreich endgültig die Strukturen der Europäischen Union nach fast 40 Jahren Mitgliedschaft. Die schlimmsten Folgen der Scheidung sind damit abgewendet.

Der britische Premierminister Boris Johnson hatte seinen Landsleuten das Vertragswerk zuvor bereits als Weihnachtslektüre empfohlen. Wer in diesem "schläfrigen Moment nach dem Weihnachtsmahl" etwas lesen wolle, dem empfehle er die Lektüre des Handelspakts, sagte er in einer auf Twitter ausgestrahlten Video-Weihnachtsbotschaft.

Dass Johnson es selbst gelesen hat, darf bezweifelt werden. Denn der Premier sagte, es werde keine non-tarifären Handelshemmnisse geben. Genau darauf müssen sich Unternehmen zu beiden Seiten des Ärmelkanals nun aber innerhalb weniger Tage vorbereiten. Gemeint sind damit beispielsweise unterschiedliche Standards bei der Produktsicherheit und der Lebensmittelsicherheit. Noch sind die Regeln auf beiden Seiten gleich, aber dennoch werden britische Unternehmen künftig die Einhaltung europäischer Standards nachweisen müssen.

Keine Zölle, aber Nachweise

Ab Jänner 2021 müssten außerdem Zollformalitäten eingehalten werden, betonte der Germany Trade and Invest (GTAI), ein bundeseigenes Unternehmen, das unter anderem Informationen über ausländische Märkte bereitstellt. Da Großbritannien Binnenmarkt und Zollunion verlasse, trete faktisch eine neue Zollgrenze in Kraft, sagte Stefanie Eich, Zoll-Expertin bei GTAI. Bei für den britischen Markt bestimmten Waren aus der EU müsse künftig nachgewiesen werden, dass sie auch tatsächlich aus der EU kämen. "Die Ursprungsregeln für einzelne Waren werden im Abkommen festgelegt. Deren Einhaltung muss dementsprechend nachgewiesen werden", so die Expertin.

Auf europäischer Seite bleibt bis zum 31. Dezember nun nicht mehr genug Zeit, um den Last-Minute-Deal noch rechtzeitig zu ratifizieren. Deshalb kann der Vertrag zunächst nur vorläufig angewendet werden. Dafür braucht es jedoch noch die Zustimmung der 27 EU-Staaten. Die EU-Botschafter sollen in den kommenden Tagen darüber abstimmen, ein Treffen ist für Montag angesetzt. Das EU-Parlament muss das Abkommen dann nachträglich im Jänner prüfen. In London soll das Parlament hingegen noch am 30. Dezember im Schnellverfahren ein Gesetz durchwinken, um dem Abkommen Wirksamkeit zu verschaffen. Da die oppositionelle britische Labour-Partei angekündigt hat, dem Deal zuzustimmen, gilt die Abstimmung in London als Formsache.

"Der richtige Deal" für Großbritannien

Premier Johnson versuchte über die Feiertage dennoch, die erzkonservativen Brexiteers in den eigenen Reihen, die mit einer Rebellion drohen, auf Linie zu bringen. Der Vertrag sei "der richtige Deal für Großbritannien", sagte er der Nachrichtenagentur PA zufolge in WhatsApp-Nachrichten an seine Parteifreunde. Es sei dem Land damit möglich, seine Brexit-Versprechen einzulösen und die Kontrolle über die eigenen Grenzen, Gesetze und Gelder zurückzuerlangen. Außerdem sei das Abkommen eine Grundlage für eine langfristige, freundschaftliche Beziehung mit der EU als souveräner, gleichwertiger Partner.

Dem britischen Staatsminister Michael Gove zufolge ermöglicht der Handelspakt eine "besondere Beziehung" Großbritanniens mit der EU. Man könne nun den schwierigen und "manchmal hässlichen" Brexit-Prozess hinter sich lassen und in eine neue, hoffnungsvollere Ära aufbrechen, schrieb Gove in einem Gastbeitrag in der "Times" (Samstag).

Kommentare (4)
Kommentieren
argus13
0
3
Lesenswert?

Brexit

Eigentlich hätte sich BoJo einen harten Brexit verdient, so wie seine Frisur ist auch sein Trump nachempfundenes Gehabe. V.a. wollte er mit einem Gesetz Vereinbarungen aushebeln, mit solchen paktunfähigen Leuten sollte man eigentlich nicht verhandeln. Er hat bis zuletzt gepokert, koste es was es wolle, um seine Karriere zu retten.

Civium
2
11
Lesenswert?

Die Briten sind schuldig

geschieden worden, sie haben den Ehebruch begangen!!

der alte M.
2
0
Lesenswert?

Ehebruch?

Mit wem?

marobeda
3
11
Lesenswert?

Ich vermute es handelt sich hier

um den Rahmenvertrag wo die einzelnen Punkte erst ausgehandelt werden müssen. Interessant ist ja der vollständig ausgehandelte Vertrag den der Teufel liegt im Detail und im Kleingedruckten.