Die Westküste von Alaska und die russische Tschuktschen-Halbinsel sind nur durch die Behringstraße getrennt, eine 85 Kilometer breite arktische Meerenge. Ähnlich eng, aber alles andere als frostig war das Gipfeltreffen zwischen Donald Trump und dem russischen Machthaber Wladimir Putin. Die beiden Weltreichherrscher trafen sich am Freitagabend in Anchorage, der größten Stadt des Bundesstaates. Beide schüttelten sich herzlichst die Hände auf dem roten Teppich, beobachtet von der Weltpresse, die in Hundertschaften eingeflogen war. Putin wurde mit militärischen Ehren empfangen; ein B-2 Bomber flog über beide hinweg, woraufhin die Staatschefs in die gepanzerte Limousine des US-Präsidenten stiegen.
Der Gipfel im Liveticker
Nach dem Treffen informierte Trump informierte den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj und europäische Staats- und Regierungschefs in einem Telefonat über sein Treffen. „Wir haben das Ziel noch nicht erreicht“, so Trump, „aber die Chancen stehen sehr gut, dass wir es erreichen.“ Eine sofortige Waffenruhe schloss Trump dezidiert aus. Eine Einigung hänge nun von Ukraine-Präsident Selenskyj ab.
Kommentar
Putin sagte, der Gipfel könne hoffentlich ein Ausgangspunkt sein, um den Ukraine-Konflikt beizulegen und die Beziehungen zwischen den USA und Russland wiederherzustellen. Von der Ukraine und den Europäern erwarte er, dass sie das Ergebnis des Treffens akzeptierten. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj reist am Montag zu Gesprächen mit US-Präsident Donald Trump nach Washington. Das kündigte er nach einem Telefonat mit Trump am Samstag bei Telegram an.
Gipfeltreffen endete im Flachwasser
Gut zwei Stunden später endete das mit Spannung erwartete Gipfeltreffen im lauen Flachwasser, schneller als geplant. Es sei ein gutes und sehr produktives Gespräch gewesen, wie so oft in den letzten Jahren, aber es gebe keinen Deal, sagte Trump, als er mit dem russischen Präsidenten vor die Presse trat. „Wir haben es nicht geschafft, aber wir werden es bald geschafft haben.“ Insbesondere gab es keinen Deal über einen Waffenstillstand oder Frieden im Ukrainekrieg. Es war nicht klar, ob darüber überhaupt gesprochen wurde. Putin, der einer wirtschaftlichen Zusammenarbeit mit den USA entgegensieht, hatte mehrere russische Geschäftsleute mitgebracht. Seit er Präsident sei, wolle jeder mit Amerika Geschäfte machen, scherzte Trump.
Putin sprach von einem sehr „nachbarlichen Treffen“ zwischen zwei Ländern mit einer gemeinsamen Geschichte an einem symbolischen Ort. Er nutzte die große Bühne, um die USA an die langjährige Waffenbrüderschaft mit Russland zu erinnern. Im Zweiten Weltkrieg habe Alaska den Amerikanern als Brücke in die Sowjetunion gedient, um Waffen an die Rote Armee zu liefern. An diesen gemeinsamen Kampf unter den härtesten Bedingungen werde sich Russland immer erinnern.
Ukraine ein „Bruderstaat mit gleichen Wurzeln“
Die Ukraine sei ein Bruderstaat mit gleichen Wurzeln wie Russland, fuhr Putin fort. Der Konflikt gehe letztlich nur auf Russlands Sicherheitsinteressen zurück, die von der Ukraine bedroht würden — die alte Position des Kreml. Er, Trump und dessen Berater Steve Witcoff seien stets miteinander in Kontakt, betonte Putin. Witkoff ist ein Immobilienentwickler aus der Bronx, der dafür eintritt, die Ostukraine Russland zu überlassen. Er war ebenfalls bei den Treffen dabei, desgleichen Außenminister Marco Rubio. Wenn Trump sage, mit ihm als Präsident hätte es keinen Ukrainekrieg gegeben, habe er recht, fügte Putin hinzu, während Trump wohlwollend lächelte.
Trump sagte, das Treffen sei produktiv gewesen und habe Fortschritte erbracht. Nun liege es am ukrainischen Präsidenten Wolodymir Zelinsky, daraus etwas zu machen. Er werde bei der NATO und den europäischen Verbündeten anrufen, sagte Trump, und Putin: Die würden hoffentlich keinen Sand ins Getriebe werfen. Trump sagte, er habe immer eine fantastische Beziehung zu Putin gehabt, trotz des „Russia Hoax“, der Vermutung, dass sich Russland in den Wahlkampf zu seinen Gunsten eingemischt habe. Das sei falsch, sagte Trump, und Putin stimmte ihm zu.
Nächstes Treffen in Moskau
Das Gipfeltreffen war mit hohen Erwartungen befrachtet gewesen, zumal der — von den USA nicht anerkannte — Internationale Strafgerichtshof Putin als Kriegsverbrecher sieht. Die USA stehen im Krieg gegen die Ukraine offiziell auf der Seite des überfallenen Landes, auch die republikanischen Außenpolitiker im Senat. Das gilt nicht unbedingt für Trump selbst, der Putin ausgesucht freundlich behandelt. Hingegen stauchte er Anfang des Jahres Selenskyj vor laufender Kamera zusammen, weil der für die amerikanische Waffenhilfe nicht dankbar genug sei.
Ein weiteres Treffen wird erwartet, vielleicht diesmal sogar mit Selenskyj, sagte Trump. Putin verabschiedete sich mit der Bemerkung: „Das nächste Mal in Moskau“. Daraufhin Trump: „Ich werde dafür wohl Ärger kriegen, aber ich kann mir vorstellen, dass das passiert“. Am Ende schüttelten sich beide nochmals die Hände, nahmen aber keine Fragen der schon fast hysterisch schreienden Presse entgegen. Es wäre nicht das erste Mal, dass Trump Moskau besucht. Bereits 1987 hat die Trump Organisation versucht, dort ein Hochhaus zu bauen, was letztlich an der Finanzierung scheiterte.
Enttäuschendes Treffen ein „Nothingburger“
Trump hatte im Wahlkampf versprochen, er werde den Ukrainekrieg am ersten Tag mit einem Telefonanruf bei Putin beenden. Das hat niemand geglaubt. Dass es aber gar kein Ergebnis gab, finden viele enttäuschend. John Sullivan, der frühere US-Botschafter in Moskau nannte das Treffen einen „Nothingburger“, eine Nichtigkeit. Allerdings nur für die USA. Putin kann nicht nur das Gespräch in Alaska als Sieg verbuchen, das ihn auf die gleiche Ebene wie den amerikanischen Präsidenten hob. Trump sprach auch nicht mehr von weiteren Sanktionen gegen Russland und auch nicht gegen Staaten wie China oder Indien, die russisches Öl kaufen.
In den lange zurückgehenden Spannungen zwischen der Ukraine und Russland waren Trump und seine Mannen stets auf der Seite der moskautreuen alten Garde gewesen, mit denen etwa sein Wahlkampagnenchef Paul Manafort lange Jahre Geschäfte gemacht hat. Hingegen war Hunter Biden, der Sohn des demokratischen Präsidenten, den Reformern der orangen Revolution wirtschaftlich verbunden.