Der russische Präsident Wladimir Putin will 300.000 Reservisten in die Ukraine schicken. Lange galt eine (teilweise) Mobilmachung für den Krieg, der in Russland nicht als solcher bezeichnet werden darf, als Tabu. Dieses wurde nun gebrochen, die Rede Putins dazu sendet Signale nach Innen und an den Westen.  

Kaum militärischer Wert

Doch womit muss die Ukraine bei der Verteidigung ihres Landes rechnen? Der österreichische Militärstratege Gerald Karner misst der Maßnahme des Kremls militärisch weniger Bedeutung zu als in der Symbolik: "Das ist eine Zahl, die im Verhältnis zur gesamten Stärke der Möglichkeiten der russischen Streitkräfte gering ist. Und die Maßnahme kommt zu spät. Aus meiner Sicht ist eine halbherzige Maßnahme, ein Kompromiss, der es allen recht machen soll." Einen militärischen Wert habe die aktuelle Teilmobilmachung kaum.

Man wolle damit zum einen die Hardliner besänftigen, die in Anbetracht der russischen Rückschläge am Schlachtfeld ein härteres Vorgehen fordern. Zum anderen würde eine generelle Mobilmachung einen gewaltigen Eingriff in das öffentliche Leben und die Wirtschaft Russlands bedeuten, meint Karner. 

Der österreichische Militärstratege Gerald Karner
© Juergen Fuchs

Weiterhin Versorgungsprobleme, lange Trainings nötig

Mit dem personellen Aufstocken seiner Streitkräfte hat Russland dessen organisatorischen und logistischen Probleme freilich nicht gelöst. Die Angriffsfähigkeit und die Möglichkeit, diese wieder herzustellen, bleibe gering, so Karner. Nicht zuletzt aufgrund des Mangels an modernen Waffensystemen und dem Fehlen von Ersatzteilen. Wenn überhaupt, würden diese 300.000 Mann relativ altes Kriegsmaterial erhalten. Karner: "Wir reden hier von Kampfpanzern aus den 1960er-Jahren, die den Anforderungen des modernen Schlachtfelds kaum genügen." 

Dazu kommt, dass es sich bei den Reservisten keineswegs, wie von Verteidigungsminister Schoigu behauptet, um kampferfahrene und gut ausgebildete Profis handelt, auch wenn sie eine militärische Ausbildung haben. 

Bis die 300.000 Mann einsatzbereit (trainiert, ausgerüstet, eingekleidet, bewaffnet) sind, könnte es mehrere Monate dauern, meint Karner. Würde man sie gleich an die Front schicken, wären sie "Kanonenfutter", was man in Russland wohl nicht in Kauf nehmen würde.

Weitere Offensive der Ukraine 

Karner glaub nicht, dass sich die Strategie der Ukraine aufgrund der Mobilmachung in Russland ändert, es dürfte sehr wahrscheinlich weitere Gegenangriffe geben.

Möglicherweise könnte sie aber wegen der Hoffnung auf eine baldige Ablöse der Moral von schon erschöpften russischen Truppen dienen. Das Potenzial der Russen am Schlachtfeld werde sich nach der Einschätzung des Militärexperten aber nicht ändern. 

Was steckt hinter der Nuklear-Rhetorik?

In der Erwähnung von nuklearen Bedrohungsszenarien von Putin sieht Gerald Karner mehr als psychologische Maßnahme denn als militärische Möglichkeit: "Es ist wiederum ein verstärktes Erpressungssignal, um den Westen zu bewegen, die Ukraine zu überzeugen, dass eine Kapitulation bzw. ein Friede mit teilweise besetzten ukrainischem Territorium besser sei, als mit Atomwaffen bekämpft zu werden." 

Es sei jedenfalls nicht davon auszugehen, dass Putin das wirklich realisieren würde. Die Ziele, die mit taktischen Nuklearwaffen erreicht werden können, könnten mit konventionellen Waffen auch erreicht werden. Zudem würde der Einsatz solcher Waffen Russland weiter isolieren: "Es würde sich Indien abwenden, es würde sich China abwenden. Putin wäre der Paria der Staatengemeinschaft", so Karner.