Auf meiner morgendlichen Fahrradrunde durch Moskau gibt es einen Ort, an dem es plötzlich ganz still wird: die Uferpromenade an der Moskwa, direkt gegenüber einem imposanten Stalin-Bau aus den 1930er-Jahren. Am Dach des achtstöckigen Gebäudes weht, über einem Wappen der Sowjetunion, die Russlandflagge. Es ist das Verteidigungsministerium. Still wird es wegen der Störsender, die an dem Gebäude angebracht sind: Sie trennen meine Bluetooth-Kopfhörer vom Handy, und die Musik in meinen Ohren verstummt. Was eigentlich ein Schutz sein soll gegen Abhör-Attacken und Drohnen-Angriffe, wird im Alltag zu einem Moment der stillen Andacht an einen Krieg, der in diesem Land nicht einmal so heißen darf und der von Moskau weit entfernt scheint.

Ein symbolischer Rückschlag

Jedes Mal frage ich mich, was im Inneren dieses Gebäudes vor sich geht. Viel dringt nicht nach außen. Lediglich die täglichen Video-Updates des Armeesprechers Igor Konaschenkow, der die angeblichen Erfolge der russischen Streitkräfte maschinengewehrartig herunterrattert. Doch auch er klingt in den letzten Tagen anders als sonst: "Die Verlegung russischer Truppen auf das linke Ufer des Dnipro ist abgeschlossen", sagt er gestern. Übersetzt heißt das: Die russische Armee hat sich aus Cherson zurückgezogen (siehe links). Es ist ein symbolischer Rückschlag für Putins "Spezialoperation", die offensichtlich schon lange nicht mehr "nach Plan" läuft.

Die vom Kreml kontrollierten Staatsmedien sind bemüht, das militärische Scheitern kleinzureden. Von einer "harten, aber tapferen Entscheidung" ist die Rede. Ziel sei es nur, die Leben der russischen Soldaten zu beschützen – diese könnten nämlich in der Stadt nicht mehr versorgt werden.

"Ein Monat Verschnaufpause"

Die Probleme mit der Versorgung der Armee dürften bestehen bleiben. Sogar in Russland selbst. Die im September ausgerufene Mobilmachung sorgte für einen Ansturm auf Militärartikelgeschäfte. Schutzwesten, Uniformen, Schlafsäcke – all das mussten sich die Mobilisierten in etlichen Regionen selbst organisieren. Angehörige sammelten Socken und warme Kleidung für den Winter an der Front. Fälle wie diese häufen sich in ganz Russland, und sie gewähren Einblick in die Zustände der Armee. Dass die Mobilmachung inzwischen offiziell für beendet erklärt wurde, sorgt für etwas Entspannung in der russischen Bevölkerung. Drei meiner Bekannten, Männer im wehrfähigen Alter, entgingen nur knapp dem Kampfeinsatz: Zwei Tage, nachdem ihnen der Einberufungsbefehl zugestellt wurde, wurde die Mobilmachung eingestellt. Aber die Unsicherheit bleibt. "Ein Monat Verschnaufpause, dann geht es wieder los", schrieb mir einer von ihnen.

Trotz Mobilmachung und Rückschlägen an der Front – die Kritik am Regime ist weitgehend verstummt. Präsident Putin sitzt fest im Sattel, genießt den Rückhalt von Militär, Geheimdiensten und Sicherheitsapparat. Ex-Präsident Dmitri Medwedew sieht den Verlust von Cherson erstaunlich gelassen. "Alles wird nach Hause zurückkehren", schreibt er in seinem Telegram-Kanal. "In die Russische Föderation." Die nächsten Monate werden zeigen, wer recht behält.