„Drr Dschämm.“ Vielleicht können andere das noch besser — also schwäbischer — sagen als Cem Özdemir selbst. Ganz sicher aber weiß die Republik außerhalb von Bad Urach nur von ihm, wie es klingt, wenn ein türkischer Vorname verschmilzt mit einem urdeutschen Dialekt. Nicht dem allerbeliebtesten zwischen Nordsee und Alpen. Aber das passt zu dem Mann, der ihn ein- und ausschalten kann, je nach Bedarf und Anlass.

Nicht bloß das unterscheidet Cem Özdemir, 60, von Markus Söder, 59. Der kann, erstens, nicht einen Satz sagen, ohne dass sein Fränkisch durchbricht. Zweitens aber ist Söder schon längst, was Özdemir werden will: Ministerpräsident eines Bundeslandes, dem die Neider eine mindestens leicht überhebliche Selbstverliebtheit nachsagen.

Özdemir holt auf

Drr Dschämm also will fortan Baden-Württemberg regieren, als Nachfolger seines Parteifreundes und bislang einzigen grünen MP überhaupt, Winfried Kretschmann. Die seit zwei Legislaturen koalierende CDU will, nach 15 Jahren, endlich ihr Ländle zurück; die gängige Verkleinerungsform ist eher scherzhaft gemeint. Der Kanzlerpartei nämlich ist es bitterernst. Sie hat Manuel Hagel aufgestellt, 37; er würde, im Fall des Falles, Deutschlands jüngster Länder-Chef. So wie die Umfrage-Dinge liegen, holt Özdemir gerade auf.

Als Landwirtschaftsminister 2022 auf Tuchfühlung
Als Landwirtschaftsminister 2022 auf Tuchfühlung © IMAGO/Thomas Trutschel

Von Bad Urach auf der schwäbischen Alb — wo der kleine Cem als einziges Kind von Abdullah und Nihal Özdemir geboren wurde und aufwuchs, er Fabrikarbeiter, sie selbstständige Änderungsschneiderin — wissen in Deutschland die wenigsten. Aber dass der erwachsene Cem Bundesminister gewesen ist, in der ungeliebten Ampel. Für Landwirtschaft — ein Terrain, das seines nicht war. In das er sich jedoch hineinschaffte, wie schon in vieles: Realschule, Ausbildung zum Erzieher, Fachabitur, Sozialpädagogikstudium, Diplom. Und, natürlich, die Politik. Mit 15 trat Cem Özdemir bei den Grünen ein, mit 29 saß er im Bundestag. Als erster Mann mit türkischen Wurzeln. Mit 42 war er Co-Parteivorsitzender.

Özdemir erzählt das oft. Er erzählt überhaupt gerne Geschichten aus seinem Leben. Jetzt im Wahlkampf erst recht, auf den sprichwörtlichen Marktplätzen genauso wie in Interviews. Mit der „Zeit“, der linksliberalen Wochenzeitung, ist er besonders großzügig. Mit der „taz“, dem grünen Leib- und Magenblatt, natürlich auch.

„Gnadenlose grüne Mittepolitik“

Letztere hat ihm gerade vorgehalten, er stehe „für gnadenlose grüne Mittepolitik“. Und er hat gekontert, gnadenlos seien ja wohl „eher die Verhältnisse, in denen viele Kinder noch immer großwerden müssen. Als Kind aus einer migrantischen Arbeiterfamilie weiß ich, was es heißt, mit 1,60 Mark fürs Mittagessen auskommen zu müssen.“ Der „Zeit“ hat er im Oktober die Schlagzeile gegönnt: „Die Prognose war, dass ich nie richtig Deutsch lernen werde.“ Am Ende geht aber alles immer gut aus, mindestens.

Wer so viele Geschichten selber erzählt, verhindert natürlich zuallererst, dass das andere tun. Ganz nebenbei lässt Özdemir seinen schärfsten Konkurrenten blass aussehen. Manuel Hagel, gelernter Bankkaufmann, diplomierter Bankbetriebswirt, Landespartei- und Fraktionsvorsitzender, Typ Schwiegermuttertraum, null Glamourfaktor. Für die AfD kandidiert Markus Frohnmaier, einstiger Jus-Student ohne Abschluss, Bundestagsabgeordneter mit offen guten Beziehungen sowohl nach Moskau wie zur MAGA-Bewegung in den USA. Frohnmaier will entweder in die Staatskanzlei — oder er bleibt in Berlin. Es sieht nach Letzterem aus.

Kann man mit Klima noch Wahlen gewinnen? Özdemir will es beweisen
Kann man mit Klima noch Wahlen gewinnen? Özdemir will es beweisen © IMAGO/dts Nachrichtenagentur

Özdemir hingegen hat sich für Stuttgart entschieden, so — oder so. Für den Bundestag hat er 2025 nicht mehr kandidiert, im Landtag noch kein Mandat: Er kann wahlkämpfen auf Teufel komm raus. In Berlin glauben manche, das tue er auch.

Drei Wochen vor der Wahl, am Valentinstag hat Özdemir zum zweiten Mal geheiratet, die Juristin Flavia Zaka aus Kanada; eingepreist waren die Wow!- und Bäh!-Effekte. Getraut wurden die beiden von Boris Palmer, Oberbürgermeister in Tübingen, dazu parteiloser, im Streit geschiedener Ex-Grüner mit fettem Provokationspotenzial. In Berlin gilt er nicht wenigen als politischer Gott-sei-bei-uns. Özdemir macht mit Palmer Wahlkampf — und denkt nicht daran, ihn für ein Ministeramt auszuschließen. Manches, was Palmer sagt, würde in der CDU sofort unterschrieben, und nicht nur da, wo sie mittig ist.

Doppelt so stark

In Berlin, wo die Grünen noch immer nicht wissen, wo es nach der Ampel mit ihnen hingehen soll und wie wieder nach oben, wollen sie das allenfalls hinter vorgehaltener Hand kommentieren. Hier pochen sie auf den Klimaschutz, in BaWü wirbt Özdemir mit „Wir können Auto!“ und meint auch den Verbrennermotor. Im Bund stagnieren die Grünen auf maximal elf Prozent, im Ländle kommt Özdemir aufs Doppelte, Tendenz steigend. Die allerletzten Umfragen sehen ihn maximal ein Prozent hinter Hagel — so dass wohl sicher ist, dass Grün und Schwarz weiter regieren werden, nicht aber, wer die Koalition anführen wird.

Vielleicht entscheidet es am Ende drr Dschämm.