Auf einmal ging alles ganz schnell. Das Repräsentantenhaus stimmte am Dienstagnachmittag mit überwältigender Mehrheit dafür, die Akten über den toten Sexualstraftäter Jeffrey Epstein freizugeben. Die einzige Gegenstimme kam von Clay Higgins, einem hart-rechten Republikaner aus Louisiana. Kurz vor Mitternacht zog der Senat nach. Die Republikaner hatten unter der Führung von Mike Johnson und US-Präsident Donald Trump lange gegen eine Abstimmung gekämpft. Es gab allerdings eine Minderheit, die die Akten offenlegen wollte, allen voran Marjorie Taylor Greene, MAGA der ersten Stunde und eine Art Marine Le Pen von Amerika. Trump hatte sie und andere Wortführer mehrmals angerufen, um Druck auszuüben. Nun sagte Johnson, aus Imagegründen habe man nicht dagegen stimmen können.

Trump zeigt sich genervt

Trump wird den Beschluss noch heute auf seinem Schreibtisch haben. Er hat bereits zuvor angekündigt, er werde die Freigabe unterzeichnen. Wann das Justizministerium die Akten veröffentlicht, ist unklar. Trump ist inzwischen hochgenervt: Er sagte zu einer Reporterin, die ihn wegen Epstein befragte: „Halt die Klappe, Schweinchen“.

Tiefe Zerwürfnisse

Der monatelange Streit um Epstein hat tiefe Zerwürfnisse in der MAGA-Bewegung aufgeworfen, die Trump ins Amt gebracht hat. Trump nennt Taylor Greene nun Marjorie Traitor (Verräterin) Greene. Die gab gestern eine Pressekonferenz auf den Stufen des Kapitols, umringt von Epstein-Opfern. Sie sagte, ihre Wähler, normale Amerikaner, keine mächtigen Eliten, drängten auf Offenlegung.

In den Akten soll es heißen, der russische Präsident Wladimir Putin könnte anzügliche Fotos von Trump mit „Bubba“ haben. Bubba ist der Spitzname von Bill Clinton. Epsteins Bruder hat inzwischen versichert, Clinton sei nicht gemeint.

Aber auch bei den Demokraten hat Epstein Flurschaden verursacht. So kündigte Lawrence Summers an, er werde seine Ämter bei der Harvard University niederlegen. Summers hat eine intensive Korrespondenz mit Epstein bis zu dessen Festnahme gepflegt. Der frühere Präsident von Harvard war unter Clinton Finanzminister gewesen. Derweil kündigte die New York Times Summers Autorenvertrag.

Der lange Schatten von Epstein

Jeffrey Epstein brachte sich im August 2019 in seiner Gefängniszelle in Manhattan um, nur 500 Meter Luftlinie vom Trump Tower an der Wall Street entfernt, den Trump vor dreißig Jahren gekauft hatte. Das war auch die Zeit, als sich Epstein anschickte, die Insel Little Saint James in der Karibik zu erwerben. Epstein verwaltete damals das Vermögen von Leslie Wexner, dem die Dessouskette Victoria‘s Secret gehörte. Er lud zu Partys mit Victoria‘s Secret-Models in seiner Stadtvilla am Central Park ein. Dabei reichte er Fotobände von jungen Mädchen zum Aussuchen herum.

Auf Little Saint James ließ Epstein junge, zu junge Mädchen einfliegen, denen er Geld versprach, aber er bedrohte und erpresste sie auch. Die Liste der Celebrities, die Epstein und seine Freundin Ghislaine Maxwell kannten – die Tochter des britischen Zeitungskönigs und Mossad-Spions Robert Maxwell – ist lang. In der Villa, auf der Insel oder anderswo mit Epstein waren der britische Prinz Andrew, der nun seinen royalen Titel los ist, Harvey Weinstein, Bill Gates, Mark Zuckerberg, Elon Musk, Jeff Bezos, Stephen Hawking, die Google Gründer Sergey Brin und Larry Page, der israelische Premierminister Ehud Barak, Clinton – der elfmal mit Epsteins Flugzeug, dem „Lolita-Express“ geflogen ist – Trump-Berater Steve Bannon, und natürlich, Trump. Lange schaffte es Epstein, sich die Ermittler vom Hals zu halten. Im Juli 2019 wurde er verhaftet; einen Monat später brachte er sich in einer Zelle um, wo er eigentlich rund um die Uhr bewacht werden sollte. Seine Bewacher schliefen.

Gespaltene Republikaner

Die Republikaner sind gespalten. Da sind die Trumptreuen wie Johnson und Higgins, die den Versicherungen des Präsidenten glauben, er habe längst mit Epstein gebrochen. Dann die Parteipartisanen, die darauf hinweisen, dass Clinton genauso, wenn nicht mehr mit Epstein unterwegs war. Und eben die enttäuschten MAGA-Anhänger um Taylor-Greene. Dass manche Demokraten nun Taylor-Greene in ihr Lager holen wollen, hat ein gewisses Geschmäckle. Die Abgeordnete aus Georgia machte 2018 Schlagzeilen, als sie sagte, die kalifornischen Waldbrände würden von Lasern im Weltraum verursacht, die von den Rothschilds finanziert würden.

Es sind nicht die einzigen Brüche bei den Republikanern. Vor ein paar Wochen ist Nick Fuentes bei dem Podcast des konservativen Meinungsführers Tucker Carlson aufgetreten. Fuentes ist ein weißer Supremacist, von dem sich Trump inzwischen distanziert hat, während Tucker einmal versehentlich in ein offenes Mikro gesagt hat, er hasse Trump und könne es kaum abwarten, bis der verschwinde.

Fuentes sagte zu Carlson, er habe die sklavische Ergebenheit vieler republikanischer Politiker zu Israel satt, die Kriege, die Militärhilfe, die Holocaust-Propaganda, und christlichen Zionisten wie George W. Bush, den texanischen Senator Ted Cruz und Mike Huckabee, Trumps Botschafter in Israel. Wie Taylor Greene, kämpften auch Carlson und Fuentes lange dafür, die Epstein-Akten zu veröffentlichen.