Tote leben länger: Am Sonntag vor sechs Jahren wurde Jeffrey Epstein tot in seiner Zelle im Untersuchungsgefängnis von Manhattan aufgefunden. Aber der Sexualstraftäter scheint heute lebendiger zu sein denn je zuvor. Er schafft es, die Basis von Donald Trump gegen den Präsidenten aufzubringen, er löste einen kleinen Aufstand beim FBI aus und brachte die Karriere von Generalstaatsanwältin Pam Bondi ins Wanken.

Und das Drama ist noch nicht vorbei. Im April dieses Jahres hat sich Virginia Giuffre umgebracht, Kronzeugin gegen ihn und den britischen Prinzen Andrew, ebenfalls ein Epstein-Klient. Epsteins Freundin Ghislaine Maxwell kämpft inzwischen aus ihrer Zelle dagegen an, dass Bondi die „Epstein Files“, die Akten über den Fall, freigibt, was das US-Repräsentantenhaus erzwingen will. Und noch immer streiten sich Demokraten und Republikaner, welche Politiker wann auf Epsteins berühmter privater Insel in der Karibik waren, wo Männern alle Wünsche erfüllt wurden, legale und nicht so legale.

Von Bannon bis Zuckerberg

Epstein kannte die Reichen und Mächtigen. Auf seinen Partys waren nicht nur Trump und sein Berater Steve Bannon, sondern auch Bill und Hillary Clinton, Wirtschaftskapitäne wie Mark Zuckerberg, Jeff Bezos, Bill Gates und der Google Co-Gründer Sergej Brin; Michael Jackson, Woody Allen und Harvey Weinstein und auch der im Rollstuhl sitzende Wissenschaftler Stephen Hawking.

Das glamouröse Leben wurde Epstein nicht in die Wiege gelegt. Der Mann, der heute 72 Jahre alt wäre, stammt aus Sea Gate, einer konservativ-jüdisch geprägten Wohnsiedlung in Coney Island, Brooklyn. Sein Vater war städtischer Gärtner, seine Mutter Lehrerin. Hier wollte der hochbegabte, ehrgeizige Junge nicht bleiben. Er sprintete durch Schule und College. Mit 21 bot ihm Alan Greenberg, der Vorstand der Investmentbank Bear Stearns, den ersten Job an. Bald handelte er für Kunden wie Ed Bronfman, den Präsidenten des Getränkekonzerns Seagram. Nach vier Jahren machte Greenberg ihn zum Partner, feuerte ihn aber, als er gegen Vorschriften verstieß.

Der Waffen-Milliardär

Epstein, der inzwischen in einer mehrstöckigen Villa an New Yorks feiner Upper East Side lebte, arbeitete nun auf eigene Rechnung. Einer seiner Klienten war der saudische Milliardär Adnan Khashoggi, der bei der Iran-Contra-Affäre die Fäden zwischen Israel und dem Iran zog. Dann heuerte er bei einer israelischen Sicherheitsfirma an und soll – so ein früherer Mossad-Agent – für den israelischen Geheimdienst spioniert haben. Der angehende Milliardär war für eine Wall-Street-Bank tätig, die Konzerne ausschlachtete und spendete fleißig an beide Parteien. 1991 wurde er von Lesley Wexner angeheuert, Chef der Reizwäschefirma Victoria’s Secret. Epstein verlegte die Firma ins Steuerparadies U.S. Virgin Islands. Hier begann sein neues Leben, auf seiner eigenen Insel, Little Saint James.

Drogen und Gewalt

Auf diese Insel wurden die minderjährigen Mädchen gebracht, die Epstein anwarb, mit Geschenken, Drogen, und Gewalt. Die Einheimischen nannten sein Flugzeug „Lolita Express“. Dabei half ihm Maxwell, die Tochter des britisch-israelischen Pressebarons Robert Maxwell, der eines Nachts von seinem Boot über Bord gegangen war — Selbstmord, hieß es auch hier. Die Räume auf Epsteins Insel waren überwacht, aber die Aufnahmen von den Sicherheitskameras sind noch nicht aufgetaucht. Epstein wollte wohl auch kompromittierende Bilder von Politikern sammeln.

Fotos von nackten Frauen

2004 wurde schließlich die Polizei in Palm Beach, Florida, auf ihn aufmerksam, aber die Staatsanwälte ließen den Fall schleifen. Erst am 6. Juli 2019 wurde er in New York verhaftet. Sein Haus wurde durchsucht, tausende von Fotos von nackten Frauen und Mädchen wurden gefunden, dazu Geldbündel, Diamanten und ein falscher österreichischer Pass. Unzählige Frauen, darunter auch Giuffre, sagten gegen ihn aus. Fünf Wochen später erhängte sich Epstein in seiner Zelle.

Elon Musks Tweet

Die Wachen hatten geschlafen, die Sicherheitskameras funktionierten nicht. Deshalb fragten sich schon damals viele, ob es wirklich Selbstmord war. Als Trump das zweite Mal Präsident wurde, versprach er, alles offenzulegen. Bald aber wurde klar, dass damit auch seine eigene Vergangenheit zur Debatte stand. Fotos zirkulieren, die Trump mit einem lachenden Epstein zeigen. Der sagte, er sei nie auf Epsteins Insel gewesen und habe den Mädchenhändler aus Mar-A-Lago ausgeladen. Dann tweetete der in Ungnade gefallene Elon Musk: Der Präsident sei in den Akten genannt.

Maga verlangt Akten

Seitdem verlangen empörte Trump-Anhänger Aufklärung, und die Demokraten schlossen sich an. US-Justizministerin Bondi stellte sich zunächst quer, aber der stellvertretende FBI-Direktor setzte sie unter Druck. Nun aber sollen die Akten vorliegen; am 19. August heißt es.

Wird es wirklich so kommen? Ghislaine Maxwell hat über ihre Anwälte Widerspruch einlegen lassen, die Veröffentlichung verletze ihre Rechte, sagen sie. Der Geist von Epstein ist noch lebendig.