Die 30. Parade, der von Viktor Orbán und seiner Fidesz verbotene Demo-Zug 2025, ja, sie sollte die größte Pride Budapests werden. So viel stand für die LGBTQ-Gemeinde Ungarns schon vorher fest. Abgeordnete der EU und nationaler Parlamente Europas wollten dazu mit eigenen Delegationen beitragen. Die Züge aus Wien waren zudem voll mit Studierenden, Privatpersonen, die auch ein Zeichen unter dem Regenbogen setzen wollten.
Der Samstag in der Hauptstadt war ausgerufen als der Tag des Kräftemessens zwischen Orbán und seinem Kurs gegen queere Menschen in der Gesellschaft und Budapests grünem Bürgermeister Gergely Karácsony. Der hatte die Pride als städtische Veranstaltung angesetzt, um das Demo-Verbot zu umgehen. Das Kräftemessen auf der Straße ging eindeutig aus: Es war nicht ein Marsch der Zigtausenden, es war wohl eine deutlich sechsstellige Menschenmenge, die farbenfroh und friedlich zu Disco-Beats, die von den Demo-Wagen schallten, vom Rathausplatz über die Donau zog.
Darunter war auch der Exil-Ungar Csaba Gloner (54), der seit fünf Jahren in Österreich lebt: „Ich bin damals nicht wegen der politischen Situation gegangen, aber ich bin deswegen dann nicht mehr zurückgekehrt“. Das Klima gegen Homosexuelle, gegen queere Menschen habe sich in seiner Heimat massiv verschlechtert: „Es sind wieder Menschen auf der Flucht aus Ungarn.“ Weil Orbáns Hetze gegen Homosexuelle im Volk, vor allem am Land verfangen habe: „Ich bin hier als Privilegierter, um die LGBTQ-Gemeinde in Ungarn zu unterstützen. Aber ich habe vor der Pride das erste Mal in meiner Heimat Angst.“ Keiner könne wissen, ob die Lage nicht eskaliert.
Rechter Gegenprotest überschaubar
Doch die Sorge scheint unbegründet. Die Massen ziehen durch die Straßen, die Polizei sperrt den Verkehr und lenkt den Zug in geordnete Bahnen. Der Gegenprotest der Rechten ist überschaubar: Zwei Dutzend Männer mit Kappen und Sonnenbrille halten ein Transparent: „Stopp LGBTQ!“ „Diese Pride ist ein Problem, LGBTQ bedeutet Gefahr für unsere Kinder“, sagt der Demonstrant zur Kleinen Zeitung. Er ist auf Orbán-Kurs, der die „Schwulen-Propaganda“ aus Gründen des Kinderschutzes verbieten ließ.
Ein Gegendemonstrant stellt sich vor den ersten Pride-Wagen, stoppt den Zug. Die Polizei greift rasch ein und zieht ihn aus der Menge. Die Pride darf stolz weiterziehen, die Exekutive macht einen souveränen, ruhigen Job. Orbán wollte Bilder der Gewalt verhindern, das ist gelungen. Er hat auch angekündigt, die Polizei könne die Demonstration natürlich unterbinden und Strafen bis zu 500 Euro verhängen. Dass tatsächlich gestraft wird, davon ist hier nichts zu sehen.
Auch das österreichische Außenministerium warnte Teilnehmerinnen und Teilnehmer vor Gesetzen, mit dem öffentliche LGBTIQ+-Veranstaltungen wie Pride-Märsche behördlich verboten werden können: „Teilnehmende an nicht genehmigten derartigen Veranstaltungen können mit elektronischer Gesichtserkennung identifiziert und mit einer Strafe von bis zu 200.000 HUF (ca. 500 EUR) bestraft werden.“
Budapests Bürgermeister Karácsony umjubelt
Von den Marschteilnehmern bejubelt: Bürgermeister Karácsony, der mit politischen Mitstreitern und ausländischen Gästen eine Kolonne im ersten Teil der Demonstration anführt. Sie tragen einen, auf dem in ungarischer und englischer Sprache „Freiheit und Liebe können nicht verboten werden“ steht. Abgeordnete aus der EU und nationaler Parlamente Europas ziehen in dem Zug mit. Darunter EU-Mandatarin Lena Schilling von den Grünen, die Neos, auch der steirische Nationalratsmandatar Mario Lindner (SPÖ). Er sieht in Budapest das erhoffte Zeichen: „Die Leute, die Orbán jetzt applaudieren, sollten weiterdenken. Welche Freiheiten werden als nächstes eingeschränkt? Frauenrechte, das Streikrecht der Gewerkschaft?“
Auch Szabó Bálint Gábor ist ein Gesicht der Pride, der sie auch als Bühne nützt. Immer wieder steht er da mit seiner Trompete an neuralgischen Punkten und bläst Orbán den Marsch: „Mir geht es gar nicht so sehr um Homosexualität. Es geht hier um mehr, um die Freiheit, um die Demokratie.“
Nicht schrill, nicht freizügig, nicht sexy-provokant
Die Budapest Pride ist ein Zeichen, dass die Menschen in der Hauptstadt das auch so sehen. Sie ist längst nicht so schrill, sexy, freizügig und provokant, wie diese Paraden sonst so sind. Dragqueens sind kaum zu sehen. Andere Paradiesvögel? Nur eine Handvoll! Der Zug wirkt wie eine friedliche Machtdemonstration, die zeigt, dass manchmal Verbote die richtige Maßnahme sind, um ein Volk aufrütteln. Zumindest in der grünen Hauptstadt, mit dem Bürgermeister als Orbán-Herausforderer, meint der Exil-Ungar Gloner. In Graz ist er den „Rosalila PantherInnen“ beigetreten, um für die Community etwas zu tun: „Am Land herrscht in Ungarn ein anderes Klima.“ Wie die Pride daher in Pécs, der Partnerstadt von Graz, im Herbst trotz Verbots stattfinden kann, ist ihm noch ein Rätsel: „Denn da gibt es keinen liberalen Ortschef.“