Dass Deutschland auch 35 Jahre nach dem Fall der Mauer ein gewaltiger Graben durchzieht, zeigt die Wahlkreiskarte überdeutlich. Im Westen ist bis auf ein paar rote und grüne Einsprengsel und einem blauen Fleck bei Kaiserslautern alles schwarz eingefärbt, die Union aus CDU und CSU holte hier in mehr als 90 Prozent der Wahlkreise die meisten Stimmen. Das Gebiet der früheren DDR ist dagegen tiefblau, nur im Großraum Berlin und Leipzig gibt es vereinzelte Wahlkreise, die die AfD nicht gewonnen hat.
In welchem Ausmaß die Rechtspopulisten ihren bundesweit zweiten Platz dem Osten zu verdanken haben, zeigen auch die Länderergebnisse. In Sachsen, dem einwohnerstärksten Bundesland, kommt die AfD auf 38,5 Prozent, und liegt damit fast 15 Prozent vor der zweitplatzierten CDU. In Thüringen, wo knapp halb so viele Menschen leben, fällt der Vorsprung mit 20 Prozent sogar noch deutlicher aus.
Dass im Osten anders gewählt wird als im Westen, ist nicht neu. Ein allgemeines Gefühl der Benachteiligung gegenüber den alten Bundesländern sorgte seit den Wendejahren für ein konstantes Reservoir aus Proteststimmen, viele Wähler im Osten suchten ein Ventil für ihre Unzufriedenheit mit hoher Arbeitslosigkeit, maroder Infrastruktur und verödenden Landstrichen.
AfD keine Protestpartei mehr
Wirtschaftlich hinkt der Osten aber mittlerweile dem Westen nicht mehr so stark hinterher, wie das oft gefühlt wird. In Sachsen ist ein deutsches Silicon Valley mit vielen gut bezahlten Jobs entstanden und durch die umfassenden Transferzahlungen ist die Infrastruktur im Osten heute oft in einem besseren Zustand als in den alten Bundesländern.
Nach der Ansicht von Politikwissenschaftler wie Marcel Lewandowsky ist die AfD aber auch längst keine reine Protestpartei mehr. „Diese Wähler wählen die AfD, weil sie mit ihren Positionen übereinstimmen, vor allem mit der Migrations- und Gesellschaftspolitik“, sagte Lewandowsky gegenüber der dpa. Bei der Bundestagswahl am Sonntag gaben 38 Prozent der AfD-Wähler an, das Thema Zuwanderung sei der wichtigste Grund gewesen, um für die Partei zu stimmen. Zweitwichtigstes Motiv war demnach das Thema innere Sicherheit, die Wirtschaft spielte nur eine untergeordnete Rolle.
Dass die Partei von den deutschen Verfassungsschützern in Teilen als rechtsextremistisch beschrieben wird, schreckt viele Wähler dabei nicht ab. „Die AfD wird nicht als unmittelbar rechtsextrem wahrgenommen“, sagt Generationenforscher Rüdiger Maas. Viele junge Menschen schätzten sich selbst als politisch mittig ein, wählten dann aber AfD.
Ein großer Teil der AfD-Wähler ist nach Lewandowskys Erkenntnissen zudem von tiefem Misstrauen erfüllt. Misstrauen gegenüber den politischen Eliten, aber auch anderen, die als verschieden wahrgenommen werden: Experten, Journalisten, akademisch gebildete Städter – „sie alle werden tendenziell als Feinde gesehen“. Aufgebaut habe sich diese polarisierende Sichtweise in der Corona-Pandemie.
Auffällig ist zudem ein frappierender Unterschied zwischen Stadt und Land. In Erfurt und Jena, Leipzig und Dresden, wo es eine urbane und durchaus diverse Bevölkerung gibt, spiegeln die Wahlergebnisse der vergangenen Jahre eher jene in Westdeutschland, in kleineren und mittleren Städten sowie dem ländlichen Raum schnitten dagegen AfD und zuletzt auch das Bündnis Sahra Wagenknecht stark ab.