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InterviewGrazer Architekt in Beirut: "Es herrscht hier ein unglaublicher Zusammenhalt"

Andrea Vattovani baut in Beirut ein Projekt - die Baustelle liegt mitten im Explosionsgebiet. So erlebt er die Situation in der zerstörten Stadt.

In Beirut laufen die Aufräumarbeiten
In Beirut laufen die Aufräumarbeiten © AFP
 

Sie haben 2017 einen internationalen Wettbewerb für ein Wohnbau-Projekt in Beirut gewonnen – jetzt liegt die Baustelle mitten im von der Explosion vor vier Wochen betroffenen Gebiet. Wie steht es um Ihr Projekt? Wie erleben Sie derzeit die Lage?

ANDREA VATTOVANI: Auf der Baustelle selbst stand zum Glück erst der Rohbau und noch keine Fenster, doch der Baucontainer wurde zerdrückt wie Papier, und die Baustoffe flogen durch die Luft. Die ganze Straße sah aus wie nach einem Krieg. Glück im Unglück hatte der Generalplaner des Projekts: In dessen Büro riss es alle Trennwände heraus, Brüstung und Fenster sind weg. Zum Glück musste an diesem Tag wegen der Corona-Krise das Büro desinfiziert werden, und das gesamte Team, das normalerweise um diese Zeit dort arbeitet, hatte das Büro verlassen. Es hätte sonst wohl keiner von ihnen überlebt.

Wie geht es jetzt weiter mit Ihrem Projekt?

VATTOVANI: Es gibt keinen offiziellen Baustopp, aber Verzögerungen, weil die Baufirmen in Beirut jetzt extrem beschäftigt sind – Priorität hat es erst einmal die Stadt wieder aufzuräumen. Die Libanesen sind ein unglaublich starkes und solidarisch handelnden Volk. Gleich am Tag nach der Explosion kamen jede Menge Leute in den Straßen zusammen, um diese zu reinigen, Firmen waren unterwegs, um neue Fenster einzubauen; man half Menschen in Not. Das Ziel ist es jetzt, möglichst bald wieder zu so etwas wie Normalität zurückzukehren.

Der Libanon steckte schon vor der verheerenden Explosion in der Krise. Wie erleben Sie derzeit die Stimmungslage?

VATTOVANI: Es herrscht große Verunsicherung. Der Libanon ist in der Region das einzige Land ohne Krieg, jedoch sehr labil. Die lokale Währung hat unglaublich an Wert verloren; alle versuchen, am Schwarzmarkt US-Dollar zu bekommen, was inzwischen sehr teuer geworden ist. Die Investitionen von Auslandslibanesen, die die Wirtschaft über Wasser hielten, gingen zurück, weil das Bankensystem kurz vor dem Kollaps steht. Ein wichtiger Teil der Nahrungsmittel-Reserven wurde bei der Explosion zerstört. Zugleich erlebe ich einen unglaublichen Zusammenhalt unter der Bevölkerung. Die Menschen sind bereit, zu kämpfen, wollen sich nicht unterkriegen lassen. Diese Haltung beeindruckt mich sehr.

Wie erleben Sie die Proteste gegen die Regierung?

VATTOVANI: Die Enttäuschung über das schlampige Verhalten, das diese Explosion erst ermöglicht hat, und über die Gesamtsituation ist sehr groß. Die Menschen wollen eine völlige Neuaufstellung des Systems. Manche sind so wütend, dass sie sagen, sie würden sogar lieber von der früheren Mandatsmacht Frankreich regiert als von der jetzigen Regierung. Ich denke, dass die Proteste eher noch an Fahrt gewinnen werden. Der Druck ist mittlerweile so groß, dass Reformen früher oder später kommen werden.

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