Als vor 75 Jahren der Jänner 1933 und damit das Schicksalsjahr der Deutschen anbricht, atmet das liberale Bürgertum auf. Das bedrohliche Jahr 1932 ist vorbei. Die Nazis haben mit der Wahl zur stärksten Reichstagsfraktion im vorangegangenen Sommer zwar ihren Höhepunkt erreicht, aber Reichspräsident Paul von Hindenburg hat Adolf Hitler die Kanzlerschaft verweigert. Bei der Neuwahl im Herbst haben sie Stimmen eingebüßt. "Der gewaltige nationalsozialistische Angriff auf den demokratischen Staat ist abgeschlagen", urteilt die renommierte "Frankfurter Zeitung". Vier Wochen später, am 30. Jänner 1933, ist Hitler dennoch Kanzler und beginnt sein Schreckensregime. Wie konnte es dazu kommen?

Seit der Gründung 1920 dümpelte die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP) mit ihren Antimarxismus und Judenhass bedeutungslos vor sich hin. Ein Umsturzversuch scheiterte 1923 in München kläglich. Bei der Wahl 1928 kam sie nur auf 2,6 Prozent - so viel, wie rechtsextremistische Parteien auch heute manchmal erreichen.

Weltwirtschaftskrise. Ihr Aufstieg begann mit der Weltwirtschaftskrise. Die Zahl der Arbeitslosen wuchs im Februar 1932 auf 6,1 Millionen - eine Quote von 30 Prozent. Hinzu kam die politische Instabilität: In 14 Jahren Weimarer Republik wechselte die Regierung 20 Mal. Immer mehr Erwerbslose zog es zu den Kommunisten; Arbeiter und Angestellte zu den Nazis. Beide Seiten lieferten sich tödliche Straßenschlachten. Auch Teile des Mittelstands, die eine Bolschewisierung des Landes und sozialen Abstieg fürchteten, wandten sich den Nazis zu. Die Machtelite setzte auf ein Ende der verachteten Parlamentsdemokratie.

Abwendung von Nazis. Doch Ende 1932 durchschritt die Wirtschaft die Talsohle. Die Arbeitslosenzahl sank wieder. Enttäuscht von Hitlers Weigerung, sich unter einem anderen Kanzler an der Regierung zu beteiligen, wandten sich bei der Wahl im November viele von den Nazis ab. Der SA liefen die Mitglieder davon. Hitler trug sich mit Selbstmordgedanken.

Massenbasis. In dieser Situation Anfang 1933 glaubt die rechte Machtelite, die geschwächten, aber immer noch starken Nazis für sich instrumentalisieren zu können: Sie sollen einem autoritären Regime die Massenbasis verschaffen, aber nicht die alleinige Macht bekommen. Der als Kanzler gescheiterte Konservative Franz von Papen schmiedet deshalb hinter dem Rücken seines Nachfolgers Kurt von Schleicher ein Bündnis mit Hitler. Darin sollen auch die reaktionäre Deutschnationale Volkspartei und die nationalistische Organisation Stahlhelm eingebunden werden. Hindenburg, der Hitler nicht schätzt, billigt das.