Nur eine schlichte Inschrift im Marmorboden im Bundeskanzleramt erinnert heute an die dramatischen Ereignisse im Juli 1934. Am heutigen Donnerstag jährt sich zum 90. Mal die Ermordung des christlich-sozialen Kanzlers Engelberg Dollfuß durch die Nazis. Anders als in der Vergangenheit ist die ÖVP, zumindest die Bundes-ÖVP endgültig auf Distanz zum umstrittenen Regierungschef gegangen.

Am heutigen Jahrestag herrscht im Kanzleramt business as usual, heißt es im Umfeld von Karl Nehammer. Auch in der Bundespartei sei nichts geplant. Das war nicht immer so. Dollfuß war zwar eines der ersten Opfer der Nazis, musste den Widerstand gegen Hitler mit dem Leben bezahlen, er hebelte aber auch das Parlament, die Verfassung, den Verfassungsgerichtshof, die Demokratie auf, verbot die Sozialdemokratie und warf deren Anhänger ins Gefängnis. Nach den Februar-Kämpfen wurden einige Todesurteile vollstreckt. „Er war ein Diktator, der autoritär regiert hat“, erklärt Kurt Bauer, der an der ersten wissenschaftlichen Dollfuß-Biografie arbeitet. Sie soll 2027 herauskommen.  

Die ÖVP hat sich in den letzten Jahrzehnten immer schwer mit Engelbert Dollfuß getan. Zum 70. Jahrestag der Ermordung des christlich-sozialen Kanzlers durch die Nazis am 25. Juli 1934 wurde noch in der Hauskapelle des Kanzleramts eine Gedenkmesse zelebriert. Einige ÖVPler aus der dritten Reihe legten einen Kranz am Grab am Hietzinger Friedhof nieder. Unter SPÖ-Kanzler Alfred Gusenbauer wurde der bescheidene Andachtswinkel in der Ecke jenes Raumes im Kanzleramt, wo Dollfuß auf dem Sofa verblutete, weggeräumt. Sein Nachfolger Werner Faymann strich zum 80. Jahrestag die Messe aus dem Kalender. Seit damals findet jeweils zu Allerseelen in der Kapelle, die dem Schottenstift zugewiesen ist, eine Gedenkmesse zu Ehren aller verstorbenen Bundeskanzler statt.

Rückblickend kam die trickreiche Entfernung des Dollfuß-Bildes, das im Klubzimmer der ÖVP hing, einem Befreiungsschlag gleich.  Die wegen der Renovierung des Parlaments notwendig gewordene Übersiedlung auf den Heldenplatz nahm der damalige ÖVP-Chef Sebastian Kurz sowie sein Klubobmann Reinhold Lopatka zum Anlass, um das Bild dem Landesmuseum in St. Pölten ein für allemal in Form einer Dauerleihgabe zu übergeben. 

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Dollfuß-Inschrift im Kanzleramt © Michael Jungwirth
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Das einstige Dollfuß-Porträt im Parlamentsklub der ÖVP © Christian Müller
Download von www.picturedesk.com am 13.12.2021 (12:34).  Engelbert Dollfuss (1892-1934), Austrian statesman, assassinated in 1934 (photography taken by the Austrian police). - Prior permission required for all advertizing & promotional use or use on consumer goods & derivative products. - 19340101_PD5099 - Rechteinfo: Rights Managed (RM)
Der ermordete Bundeskanzler auf dem Sofa im Bundeskanzleramt © Roger Viollet / Picturedesk.com
APA9321260 - 04092012 - WIEN - ÖSTERREICH: ZU APA 362 II - Die letzte Ruhestätte des Ständestaat-Kanzlers Engelbert Dollfuß am Hietzinger Friedhof (siehe undatiertes Archivbild), die von der Stadt Wien derzeit wie ein Ehrengrab behandelt wird, könnte in ein 'Historisches Grab' umgewandelt werden. Bei den 'Historischen Gräbern' handelt es sich um eine Ergänzung zur bereits bestehenden Kategorie Ehrengräber. +++ WIR WEISEN AUSDRÜCKLICH DARAUF HIN, DASS EINE VERWENDUNG DES BILDES AUS MEDIEN- UND/ODER URHEBERRECHTLICHEN GRÜNDEN AUSSCHLIESSLICH IM ZUSAMMENHANG MIT DEM ANGEFÜHRTEN ZWECK ERFOLGEN DARF - VOLLSTÄNDIGE COPYRIGHTNENNUNG VERPFLICHTEND +++ APA-FOTO: DIE GRÜNEN
Das Grab am Hietziger Friedhof © APA