Die Wände in Martins Wohnung sind dünn. Im Hintergrund hört man es immer wieder hämmern. "Das ist der Nachbar. Das geht schon seit Tagen so", sagt Martin, während er sich die rote Haarsträhne aus dem Gesicht streicht. "Meine Geschichte ist recht klischeehaft", beginnt er zu erzählen. "Ich habe recht früh Drogen für mich entdeckt." Da ist er gerade 15 Jahre alt. Seine Eltern sind überfordert, stecken mitten in ihrer Scheidung. Martin wird hin- und hergereicht, ist mal beim Vater, mal bei der Mutter.

Irgendwann bleibt das Hin und Her aus. "Da haben sie das Sorgerecht an eine Sozialarbeiterin übergeben." Der damals noch Jugendliche kommt in ein Heim im niederösterreichischen Neunkirchen.

Zuflucht auf der Straße

Lange hält es ihn dort nicht. Gemeinsam mit einem Kumpel haut er nach Spanien ab, "um 18 zu werden", wie Martin sagt. Die jungen Männer schlafen im Auto, leben in den Tag hinein, haben eine gute Zeit. Aber irgendwann kommt der Tag, an dem es für die beiden zurück nach Hause geht. Aber Martin hat kein Zuhause mehr: "Das war dann das erste Mal, dass ich nicht wusste, wohin." 

Zurück in Österreich kommt er anfangs bei Freunden unter, kann auf der Couch schlafen. Tagsüber ist er auf der Straße unterwegs. Hier lernt er nach kurzer Zeit Punks kennen, schließt Freundschaften. Er fühlt sich wohl mit seinen neuen Freunden, Alkohol und Drogen helfen ihm, zu vergessen. "Irgendwann fühlt man sich mehr als Teil der Straße. Dann geht man auch zum Schlafen nirgendwo mehr hin, sondern bleibt einfach." Warum auch nicht? Auf der Straße hat Martin einen Ort gefunden, der ihm Zuflucht bietet und Halt gibt. 

"Mein Lieblingsgift war Heroin"

"Ich war zu der Zeit eigentlich ganz zufrieden", erinnert der heute 39-Jährige sich zurück. Das ändert sich, als Martin süchtig wird. Ein schleichender Prozess, aber mit der Zeit wird sein Alltag immer grauer. "Ich war das, was man einen Polytoxikomanen nennt", erzählt er. "Das ist sozusagen ein schönes Wort für einen Mehrgift-Süchtler. Und wenn man lange so lebt, findet man ein Lieblingsgift."

Das Lieblingsgift von Martin? Heroin. Eine Droge, die extrem schnell abhängig macht und somit schnell den Tagesablauf des jungen Mannes bestimmt. "Vier Stunden vom Tag waren meine. Der Rest war für die Droge da. Den ganzen Tag schnorren, damit man am Abend was hat, um schlafen zu können und in der Früh nicht gleich losmuss. Den Rest des Tages bin ich irgendwo gesessen und habe versucht, Geld zu verdienen."

Wenn der Alltag immer grauer wird ...

Während das Leben auf der Straße anfangs bunt und aufregend ist, verliert sein Alltag schnell an Farbe. Martin macht Erfahrungen, die ihn tief prägen. "Ich kenne keinen obdachlosen Jugendlichen zwischen 18 und 20, der nicht in irgendeiner Art und Weise Opfer sexueller Gewalt geworden ist. Und wenn er noch davon gekommen ist, in irgendeiner Form ist er damit konfrontiert gewesen", erinnert er sich zurück. Ins Detail möchte er nicht gehen, aber es seien genügend Dinge in seiner Umgebung vorgefallen. "Das ist definitiv ein Thema, vor dem man sich schützen muss. Deswegen habe ich in einem Park geschlafen. Die waren nachts zugesperrt, da geht keiner rein."  

Das Leben auf der Straße macht Martin mehr und mehr zu schaffen. Und die Sucht hat ihn fest im Griff. Als sein Dealer verhaftet wird und er die eigene Abhängigkeit realisiert, beschließt er, etwas zu ändern.

"Wir haben uns positiv beeinflusst"

Zu der Zeit lernt er auch seine heutige Freundin Nadine kennen. Anfangs sind sie gemeinsam auf der Straße unterwegs – sie schläft, wo er schläft. "Mit der Zeit haben wir uns dann positiv beeinflusst und sind dann sinnvollere Wege gegangen."

Martin und seine Freundin Nadine
Martin und seine Freundin Nadine
© Privat

Mithilfe von Nadines Eltern besorgen sie sich eine Wohnung, Martin meldet sich zum ersten Mal in seinem Leben arbeitslos. Und er hat Glück: Sein AMS-Betreuer erzählt ihm von der Sozialinitiative "Supertramps", die in Wien zu der Zeit Stadtrundgänge mit ehemaligen Obdachlosen anbietet. "Ich hätte mir das selbst gar nicht zugetraut", erinnert Martin sich zurück. Und doch beginnt er damals als Tourguide. "Offensichtlich habe ich es doch irgendwie hingekriegt", grinst er rückblickend.

Von der Obdachlosigkeit in die Selbstständigkeit

Die "Supertramps"-Touren macht Martin nicht mehr, die Sozialinitiative wurde zwischenzeitlich eingestellt. Martin hat dafür mittlerweile gemeinsam mit Freundin Nadine das "Wiener Nimmerland" gegründet und organisiert nun eigene Touren. Um "ein paar Vorurteile aus der Welt zu schaffen", sagt er. Sehenswürdigkeiten zu bewundern gibt es bei ihm nicht. Auf der rund zweistündigen Tour nimmt er seine Besucherinnen und Besucher stattdessen mit in sein ganz persönliches "Nimmerland" und zeigt ihnen die Bundeshauptstadt zwischen Karlsplatz, Naschmarkt und Mariahilfer Straße aus Sicht eines Obdachlosen. 

Martin bei einer seiner Touren durch sein ganz persönliches "Wiener Nimmerland"
Martin bei einer seiner Touren durch sein ganz persönliches "Wiener Nimmerland"
© Privat

"Meine Ex-Kollegen, denen ging es früher allen gut und dann ist etwas passiert und hopplahopp waren sie in der VinziRast. Was ich sagen will: Es ist keiner dagegen gefeit, man könnte sich durchaus selbst in so einer Situation wiederfinden und dann wäre man auch sehr froh, wenn man nicht verurteilt wird."

"Ohne die Erfahrung wäre ich nicht da, wo ich jetzt bin"

Mit Heroin hat Martin lange eine "On-Off-Beziehung" geführt. Ein gescheiterter Entzugsversuch liegt hinter ihm. Aber er hat sich mit den Entzugsmedikamenten arrangiert, macht eine Substitol-Therapie. "Jetzt ist die Schwierigkeit, davon wieder wegzukommen."

Auf die Frage hin, ob Martin Dinge aus seiner Vergangenheit bereut, zögert er kurz. Es gebe natürlich Sachen, die er lieber nicht erlebt oder gesehen hätte. "Ich habe viele meiner Freunde verloren. Vielen siehst du es schon beim Kennenlernen an, andere sterben dir überraschend weg." Einiges würde er aus heutiger Sicht anders machen. Andererseits habe das, was er erlebt hat, ihn dahin geführt, wo er heute ist. "Meine Touren machen zu können, ist das absolut Einzige, was ich für einen Lebensunterhalt machen könnte, ohne dauernd depressiv zu werden."

Seine Touren geben Martin Halt und das Feedback seiner Besucherinnen und Besucher zeigt ihm, dass er etwas Sinnvolles tut. "Die Touren könnte ich gar nicht machen, wenn ich das alles nicht erlebt hätte", sagt er und lächelt zufrieden.