OberösterreichVolle Intensivstationen bis "weit über Weihnachten"

Ein Medikament, das der Impfung an Erfolg nahekommt, sieht Lungen-Primar Bernd Lamprecht derzeit nicht. Aktuell würden 1.600 Substanzen untersucht.

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© APA/BARBARA GINDL
 

Der Linzer Intensivmediziner Jens Meier rechnet damit, dass die Intensivstationen in Oberösterreich noch "weit über Weihnachten" im Ausnahmebereich sein werden, selbst wenn der Lockdown rasch zu einer Reduktion der Neuinfektionen führen sollte. Corona-Patienten würden erst einige Zeit nach der Diagose auf die Intensivstation kommen und oft lange - "zwei, vier, sechs Wochen" - dort bleiben. Etwa 30 Prozent überleben demnach nicht.

"Die hohen Fallzahlen führen dazu, dass das System ganz leicht überlastet werden kann und auch schon überlastet ist", so Meier, Vorstand der Klinik für Anästhesiologie und Operative Intensivmedizin am Linzer Kepler Universitätsklinikum (KUK) im Rahmen eines Online-Symposiums der Johannes Kepler Universität am Dienstag. Seit März 2020 habe man im KUK mehr als 2.500 Patienten wegen Covid-19 behandelt, bilanzierte Lungen-Primar Bernd Lamprecht, das seien 20 bis 25 Prozent aller Corona-Spitalspatienten in Oberösterreich.

20 Prozent der Intensiv-Patienten geimpft

Die Erfahrung habe gezeigt, dass man eine Sieben-Tage-Inzidenz von rund 500 auf den Intensivstationen ganz gut bewältigen könne, bei höherer Impfquote werde es leichter. Dass die Impfung wirke, sehe man allein daran, dass durch sie die Hospitalisierungsrate von sechs bis neun Prozent im Vorjahr auf mittlerweile nur mehr zwei Prozent reduziert worden sei. Auf den Intensivstationen seien nur rund 20 Prozent der Patienten geimpft. Bei den Geimpften handle es sich vor allem um Patienten mit Immunschwäche, in Chemotherapie oder nach Transplantationen - vor allem, wenn die letzte Impfung schon länger zurückliege.

"Vorsorge" besser als "Reparatur"

Ein Medikament, das der Impfung an Erfolg nahekommt, sieht Lamprecht derzeit nicht. Aktuell würden 1.600 Substanzen untersucht. Es gebe Arzneien für die Frühphase, die helfen können, das Risiko eines schweren Verlaufs zu reduzieren, aber alles in allem sei die "Vorsorgemedizin derzeit deutlich wirkungsvoller als die Reparaturmedizin". Oberarzt Helmut Salzer führte aus, dass 13 Kandidaten positive Studienergebnisse mit Empfehlungen erreicht hätten, 39 positive Ergebnisse ohne Empfehlungen, etliche weitere seien in der klinischen oder präklinischen Phase.

Das Virus werde nicht verschwinden, so Lamprecht. Natürlich gebe es die Hoffnung, dass es sich abschwäche, aber vermutlich werde man über lange Zeit einen "substanziellen Teil der Bevölkerung" schützen müssen. Bei der Delta-Variante sei eine Impfquote von 80 Prozent der "Mindestanspruch". Die Maske werde uns wohl weiter begleiten, so Lamprecht. Sie sei eine gute Maßnahme für sensible Bereiche. Auch habe man gesehen, dass durch Maskentragen und Abstandhalten Grippe und Atemwegsinfekte weniger geworden seien. Positiv: Eine Variante, die die Impfung unterläuft, sieht er derzeit nicht auf uns zukommen.

Impf-Appell des Landeshauptmannes

Die dramatischen Lage in den oberösterreichischen Spitälern, aber auch in den Altersheimen, hat die Politik zuletzt merkbar stärker auf den Plan gerufen: Landeshauptmann Thomas Stelzer (ÖVP) appellierte am Dienstag, sich aus Solidarität mit dem überlasteten Spitalspersonal impfen zu lassen. Umweltlandesrat Stefan Kaineder rückte aus, um kursierende Fake News über Impfserum im Trinkwasser zu entkräften. Die Stadt Linz griff am Dienstag gegen drei Mitarbeiter der städtischen Altersheime durch, die bei einer Coronademo am Wochenende in Wien im Namen ihrer Einrichtung gegen die Impfpflicht demonstriert hatten. Von ihnen hat man sich getrennt bzw. ist dieser Schritt im Laufen.

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