Pro und KontraSoll es einen Rechtsanspruch auf die Sommerschule geben?

Sie soll Lernlücken schließen und Eltern entlasten: Die SPÖ Oberösterreich fordert einen Rechtsanspruch auf eine dreiwöchige Sommerschule. Kritiker sehen damit weder Bildungs- noch Betreuungsprobleme gelöst.

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Am Montag startet die Sommerschule
Am Montag startet die Sommerschule © Jannach
 

PRO

Der Rechtsanspruch bringt eine größere Chancengleichheit
für Kinder, eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie für Eltern und mehr Planungssicherheit für Unternehmen während der Urlaubszeit.

Ja, der Rechtsanspruch auf eine Sommerschule ist die beste Lösung für alle Beteiligten. Für Schulkinder bringt dieser Rechtsanspruch mehr Chancengleichheit.

Denn Bildung wird in Österreich immer noch stark vererbt: Wenn die Eltern lediglich die Pflichtschule abschließen, erreichen die Kinder auch zu 27 Prozent keinen höheren Abschluss. Bei Eltern mit Universitätsabschluss hingegen liegt dieser Wert bei zwei Prozent. Die Sommerschule als zusätzliches Förderangebot in einer entspannten und lockeren Atmosphäre gleicht Wissenslücken und Herkunftsunterschiede aus. Außerdem können durch innovative Unterrichtsformate neue Talente entdeckt werden.

Für Lehrkräfte bietet die Sommerschule wiederum die Möglichkeit individuell mit neuen Methoden zu arbeiten. Das ist während des Schuljahres aufgrund des vorgegebenen Lehrplans oft nicht möglich. In der Sommerschule ist der Kreativität der Lehrkräfte keine Grenze gesetzt – ein Potenzial, das derzeit häufig ungenutzt bleibt. Durch die Einbeziehung von Lehramtsstudierenden können Lehrkräfte entlastet werden, selbst neue Zugänge lernen. Die Studierenden sammeln wertvolle Praxiserfahrung.

Eltern profitieren von der Sommerschule, da Vereinbarkeitsprobleme gelöst werden. In Österreich haben Schulkinder 14 Wochen Ferien. Wenn beide Elternteile erwerbstätig sind, stehen in Summe nur 10 Wochen Urlaub zur Verfügung. Die Eltern sind daher auf die Unterstützung von Großeltern, älteren Geschwistern oder auf die Flexibilität und Kulanz des Arbeitgebers angewiesen. Traditionellerweise sind es die Frauen, die ihre Arbeitszeit reduzieren oder während der Ferien mit Zeitausgleich jonglieren, um unbezahlte Reproduktionsarbeit (Haus- und Familienarbeit) zu leisten. Die Folgen für die Frauen sind: Fast die Hälfte arbeitet Teilzeit, für gleiche Arbeit wird ein knappes Fünftel weniger Lohn bezahlt, die Frauenpensionen sind um 46 Prozent niedriger. Das alles schlägt sich im höheren Armutsrisiko von Frauen und ihrer ökonomischen Abhängigkeit von Männern nieder.

Unternehmen fehlen auch Frauen als Beschäftigte und Führungskräfte. Die neun Wochen Sommerferien sind für alle Personalplanungseinheiten wegen der Urlaubsplanung in jedem Unternehmen ein Horror. Die Sommerschule löst also nicht nur Vereinbarkeitsprobleme der Eltern, insbesondere der Frauen, sondern hilft auch Unternehmen.

Birgit Gerstorfer
Birgit Gerstorfer Foto © APA/BARBARA GINDL

Zur Person

Birgit Gerstorfer, Jahrgang 1963, ist Landesrätin für Soziales und Vorsitzende der SPÖ in Oberösterreich. Zuvor war sie Chefin des AMS in OÖ, Sie ist verheiratet und Mutter von zwei Töchtern.

KONTRA

Egal ob für zwei oder drei Wochen: Die Sommerschule reicht nicht aus, um Bildungsdefizite auszugleichen. Es wäre viel wichtiger, die Schülerinnen und Schüler während des gesamten Schuljahrs besser zu betreuen.

Zwei Schuljahre, geprägt von ständiger Unsicherheit durch wechselnden Distanz- und Präsenzunterricht, von Hygienevorschriften, Diskussionen über Testungen und Impfungen, einem Babyelefanten, der für Abstand in zwischenmenschlichen Beziehungen sorgt, und einer Zunahme psychischer Belastungen bei Kindern und Jugendlichen sowie einer Vergrößerung der Lernlücken, vor allem bei schwächeren Schülerinnen und Schülern.

Dennoch ist es erstaunlich, wie unterschiedlich mit der Situation umgegangen wird. In Berlin z.B. werden seit der Pandemie Sommerschulen, Winterschulen, Herbstschulen und Osterschulen angeboten. Im Gegensatz dazu verzichtet man in Sachsen bewusst darauf, damit Kinder und Lehrpersonal sich erholen können. Österreich reagiert mit einer freiwilligen Sommerschule von 8 bis 12 Uhr, oder besser gesagt, mit einem zweiwöchigen Nachhilfeunterricht für alle 6- bis 14-Jährigen, die in ihren Leistungen zurückgefallen sind, oder bei ihren Deutschkenntnissen Aufholbedarf haben. Außerdem gibt es Kursangebote für Oberstufenschüler.

Ob das reicht, die Corona bedingten Lernrückstände von Schülern zu kompensieren, fragen Sie sich? Ich glaube nicht. Die SPÖ Oberösterreich fordert eine dreiwöchige Sommerschule, um die in Österreich vererbten Bildungschancen zu vereinheitlichen, Kosten für Nachhilfe zu sparen und die Eltern bei der Betreuung zu entlasten. Aber auch drei Wochen Sommerschule beseitigen das Betreuungsproblem berufstätiger Eltern nicht.

Da könnte man über einen Rechtsanspruch auf außerschulische Sommerbeschäftigung mit sportlichen, musischen oder kreativen Aktivitäten für Kinder und Jugendliche diskutieren. Es muss klar sein, dass eine zwei- oder dreiwöchige Sommerschule nicht ausreicht, um Bildungsdefizite auszugleichen, da kann es bestenfalls nur um das Nötigste gehen.

Qualitätsvoller Nachhilfeunterricht setzt eine Diagnose über Lernlücken voraus und braucht eine kontinuierliche Begleitung. Darum wäre es viel wichtiger, Schülerinnen und Schüler während des gesamten Schuljahres besser zu betreuen. Mit einem autonomen Stundenpaket für jeden Schulstandort könnten etwa verpflichtende Förderungen oder freiwillige Nachhilfeangebote im Einzel- oder Kleingruppenunterricht erfolgen. Außerdem müssen wir das psychologische Angebot und die Schul-Sozialarbeit ausbauen. Die Pandemie hat Wunden hinterlassen, diese gilt es jetzt klug zu heilen!

Claudia Wolf-Schöffmann
Claudia Wolf-Schöffmann Foto © Privat

Zur Person

Claudia Wolf-Schöffmann geboren 1969 ist Lehrergewerkschafterin (FCG) und Personalvertreterin. Von 2009 bis 2013 saß sie für die ÖVP im Kärntner Landtag. Sie ist verheiratet und hat eine Tochter.

 

 

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Lepus52
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Eine Sommerschule schließt nicht aus,

dass es auch während des Schuljahres bessere Betreuungsmöglichkeiten geben soll. Hier sollte es nicht "entweder oder" heißen, sondern "sowohl als auch". Wir haben in Österreich einen einzigen Rohstoff, mit dem wir an der Weltwirtschaft Erfolge erzielen können und den Wohstand sichern und mehren, das ist unser Humankapital. Wer hindert uns, unseren Kindern und Enkelkindern, die besten Möglichkeiten zur Bildung und Ausbildung zur Verfügung zu stellen. Es ist gut für unsere Kinder und gut für unsere Wirtschaft.