Bitte warten - Ihr Zugang wird eingerichtet.

75.000 Kräfte gebraucht Hilfsorganisationen warnen vor Personalnot in der Pflege

Forderungen von Caritas, Diakonie, Hilfswerk, Rotem Kreuz und Volkshilfe: 75.000 zusätzliche Mitarbeiter bis 2030 gebraucht – Mehr Aus- und Weiterbildung – Mehr Möglichkeiten für Quereinsteiger – Personalschlüssel überarbeiten.

Hilfsorganisationen drängen auf Personaloffensive
Hilfsorganisationen drängen auf Personaloffensive © APA/HELMUT FOHRINGER
 

Nach dem am Montag erfolgten Startschuss zur Pflegereform durch Sozialminister Rudolf Anschober (Grüne) haben sich am Mittwoch die in der Pflege tätigen Hilfsorganisationen zu Wort gemeldet. Eine Personaloffensive ist aus Sicht von Caritas, Diakonie, Hilfswerk, Rotem Kreuz und Volkshilfe der Schlüssel zu einer erfolgreichen Reform. Ihre Vorschläge dazu stellten sie in einer Pressekonferenz vor.

"Wir haben das Gefühl, dass die Dramatik der Lage noch nicht ganz klar geworden ist", sagte die Geschäftsführerin des Hilfswerks, Elisabeth Anselm. Laut einer Studie der Gesundheit Österreich GmbH (GÖG) werden bis 2030 75.000 zusätzliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Pflegebereich benötigt. Wenn es nicht gelinge, in den nächsten Jahren "deutlich mehr Menschen für den Pflegebereich zu gewinnen, wird alles Makulatur bleiben."

Pflegesektor wächst

Der Pflegesektor wächst. 2016 arbeiteten um ein Viertel mehr Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Branche als 2008. Das ist jedoch nicht genug. Bei der derzeitigen Entwicklung könnte der Bedarf ab spätestens 2024 nicht mehr gedeckt werden, erklärte Anselm. Daher müsse in die Pflegeausbildung investiert werden, wenn es nach den Hilfsorganisationen geht.

Als positives Beispiel nannte Caritas-Präsident Michael Landau die im Herbst gestartete Höhere Lehranstalt für Sozialbetreuung und Pflege (HLSP) in Gaming in Niederösterreich. Die fünfjährige Schule schließt mit Matura ab und bietet eine Ausbildung zum diplomierten Sozialbetreuer. Dieser Schulversuch müsse nun "vom Pilot in die Fläche kommen", sagte Landau. Wesentlich sei außerdem, dass den Auszubildenden kein finanzieller Nachteil entstehe. Der Caritas-Präsident forderte daher die Abschaffung von Studienbeiträgen für diejenigen Studiengänge, die mit einem Gesundheits- oder Pflegeberuf abschließen.

Eine finanzielle Hürde hält der Pflegeberuf auch für potenzielle Quereinsteiger bereit. Diese könnten sich die Ausbildung wegen des fehlenden Einkommens häufig nicht leisten, bemängelte der Direktor der Volkshilfe, Erich Fenninger. Er forderte daher, das Einkommen von Quereinsteigern während der Ausbildung abzusichern. Als Beispiel nannte er die Polizeiausbildung, bei der bereits in der Grundausbildung ein Gehalt ausbezahlt werde. Außerdem solle Studierenden im Pflegebereich ein Fachkräftestipendium ermöglicht werden.

Fenninger ortet drei Zielgruppen, die für den Pflegebereich begeistert werden könnten. Erstens könnte die Bundesregierung im Verbund mit dem Arbeitsmarktservice (AMS) eine Ausbildungsoffensive für Menschen, die in der Coronakrise arbeitslos geworden sind, starten. Die zweite Gruppe betrifft Menschen, die aufgrund der Digitalisierung in den nächsten Jahren ihren Job verlieren würden. Drittens gebe es viele pflegende Angehörige, die in der häuslichen Pflege ihre Liebe für die Betreuungsarbeit entdeckten.

Eine weitere Herausforderung ist, Menschen, die bereits in der Branche tätig sind, zu halten. So zeigten Studien, dass Beschäftigte unter 25 Jahren nicht vorhätten, bis zur Pension im Pflegesektor zu bleiben, erläuterte die Direktorin der Diakonie, Maria Katharina Moser. Beschäftigte über 55 Jahren hingegen seien häufig aus gesundheitlichen Gründen dazu gezwungen, vorzeitig aus dem Beruf auszuscheiden. Um diese Probleme zu beheben, müssten die Arbeitsbedingungen verbessert werden. Moser forderte daher österreichweit einheitliche und bessere Personalschlüssel. Auf eine Pflegerin oder einen Pfleger müssten weniger Betreute kommen als derzeit. Dazu brauche es eine österreichweit einheitliche Berechnungsmethode, die auch die Art der Erkrankung der Betreuten miteinbezieht. Demenzkranke nehmen deutlich mehr Zeit als körperlich Kranke in Anspruch. Das werde derzeit allerdings nicht berücksichtigt, bemängelte die Diakonie-Direktorin.

Zudem forderte sie die Angleichung der Gehälter. Derzeit würden Beschäftigte im Akutbereich (wie etwa im Krankenhaus) deutlich mehr bekommen als jene in der Langzeitpflege. Allgemein würde Moser die Angestellten laut Eigenaussage gern besser bezahlen, aber "wir sind als gemeinnnützige Träger auf die öffentliche Hand angewiesen." Ein weiterer Hebel, um Menschen im Pflegeberuf zuhalten, seien Entwicklungsmöglichkeiten, sagte der Generalsekretär des RotenKreuzes, Michael Opriesnig. Er forderte daher die Ermöglichung von Fachkarrieren in der Langzeitpflege sowie die finanzielle Abgeltung von Zusatzqualifikationen.

Caritas, Diakonie, Hilfswerk, Rotes Kreuz und Volkshilfe arbeiten seit 1995 in der Bundesarbeitsgemeinschaft Freie Wohlfahrt (BAG) zusammen, um gemeinsame sozialpolitische Anliegen zu artikulieren. Von den österreichweit rund 60.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in der Langzeitpflege arbeitet derzeit jeder Dritte in einer der fünf Organisationen.

Kommentare (2)

Kommentieren
Mezgolits
9
8
Lesenswert?

"Wir haben das Gefühl, dass die Dramatik der Lage noch nicht ganz

klar geworden ist", sagte die Geschäftsführerin des Hilfswerks, ... - Vielen
Dank - schreibe ich und mit sehr gutem Gefühl ganz klar ohne Dramatik:
Ab jetzt - gibt es bei uns - auch für wahlberechtigte, hilfebedürftige und
selbsterlösungswillige Personen, die gewünschten Wahlmöglichkeiten:
Entweder gut leben - oder gut sterben - das bedeutet: Aufgezwungene,
lebenslängliche Pflege-Vergewaltigungen an sterbewilligen Personen,
wird unser Verfassungsgericht - verbieten MÜSSEN. Erstankläger M.

tenke
4
11
Lesenswert?

Mezgolits

Auch wenn ich Ihre Meinung bei weitem nicht immer teile - aber Sie haben zu 100 % Recht. Nicht nur das Recht auf selbstbestimmtes Leben, sondern eben auch auf selbstbestimmtes, würdevolles Sterben muss endlich verankert werden!