Tollkühne Frauen und Männer in euren fliegenden, fahrenden, stundenlang im Stau stehenden Kisten!
Heute ein ganz schweres Thema. Und zwar, es ist Folgendes:
Der ganze Wahlkampf ist voll mit Klimaschutz, man überbietet sich in ökologisch nachhaltigster Nachhaltigkeit, tauscht Schnitzel gegen Müsli, wütet im Netz gegen ungarische Import-Äpfel und gelobt Österreichs immerwährende CO2-Neutralität. Die fromme "Fridays for Future"-Jugend kehrt soeben in ihre Schulklassen (und wohl auch auf die städtischen Straßen) zurück - selbstverständlich mit minimalem Fußabdruck. Rührige Senioren veranstalten "Tage der Schöpfung", wo sie anstelle des bösen, weil rein ökonomischen Bruttosozialprodukts einen "Weisheits-Indikator" etablieren wollen. Irgendwelche zu kräftigen Staubsauger werden von der EU verboten. Die Plastiksackerln auch. Und "Welt-Erschöpfungstag" war auch schon längst.
Aber: 80.000 Zuschauer pilgern, zum größten Teil fossil individualmotorisiert, schon am ersten Tag zur "Airpower"-Flugschau in die Obersteiermark. Sie stehen stundenlang im Stau, um bei Lärm, Gestank und Regen einer kultigen Retro-Leistungsschau der fliegenden Kerosinbrüder beizuwohnen.
Was ist da los? Um nicht missverstanden zu werden: Es geht hier keinesfalls um Öko-Moralismus. Die Piloten verbringen gewiss allergrößte Kunststücke. Unsere Bewunderung für ihr außergewöhnliches Können im Kraftfeld von Gravitation und Aerodynamik ist ihnen sicher. Die Menschheit lebt von Vorbildern, die mit Mut und Können andere anspornen. Volksfeste sind allzeit willkommen, ökonomisch und psychologisch. Und ja, natürlich begleiten auch wir, die Kleine Zeitung, aus all diesen und weiteren Gründen das internationale Großereignis mit positivem Blick. Denn wir sind ja nicht die humorlosen Alleinerzieher und Spaßbremsen der Nation, sondern Resonanzraum für eine mitunter sehr widersprüchliche Gesellschaft.
Nur: Wer ist denn dann eigentlich der Erzieher? Wer wird uns die angeblich ersehnte, jedenfalls dringend notwendige Erlösung aus unseren exorbitanten Ressourcen- und Klimasünden bringen? Die Politik!? Vergesst es! In der Demokratie steht das Volk ganz oben. Wir selber müssten uns also zu mehr Konsequenz und Disziplin hinreißen lassen. Zur Dominanz des Sollens über das Wollen. Mithin zu Luxus-, Libido- und Lustverzicht. Keine erfreuliche Aussicht.
Oder wir schaffen es, unseren Brot-und-Spiele-Modus irgendwie umzumodeln. Ihn hinüberzuretten in die neue Zeit der "Formel eins der Elektroautos" und anderer sauergürkischer Randsportphänomene. Dazu müsste es aber viel stärker gelingen, den Spiel- und Spaßtrieb auf naturverträgliche Amüsements umzupolen.
Geht das? Wollen wir das? Können wir das? Oder lassen wir dann doch lieber die Bordkapelle bis zum Untergang spielen?
Nachdenklich entlässt Sie in den zweiten umjubelten Airpower-Tag
Ihr
Morgenpost
Die Airpower beleuchtet unsere ökologisch widersprüchliche Gesellschaft
Der tägliche Morgenpost-Kommentar aus der Chefredaktion.
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