Show-Comeback40 Jahre "Wetten, dass..?" - "Wie ein Fiebertraum"

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Elisabeth Zankel
Elisabeth Zankel © Kleine Zeitung
 

Liebe Leserin, lieber Leser!

Exakt 18 Jahre ist es her, dass die Tribünenkonstruktion der Grazer Stadthalle erzitterte und das Getrampel in den Rängen ohrenbetäubende Ausmaße annahm. Thomas Gottschalk hatte gerade die Bühne betreten – allerdings noch ohne die Livekameras, sondern nur zum Einpeitschen eines bereits enthusiasmierten Publikums. Der Showgigant, ziemlich am Zenit seiner Popularität, zündete ein Feuerwerk an Gags, abgestimmt auf die simplen Zurufe der Fans. Eine Frau mit dem Plakat „Die Kulturhauptstadt 2003 grüßt Thommy“ bot ihm die perfekte Steilvorlage: „Guckt mal, da werde ich doch erstmals mit Kultur in Verbindung gebracht!“

Der so aufgezwirbelte Auftrittsapplaus der steirischen „Wetten, dass..?“-Ausgabe schien damals ins Endlose zu kippen, doch die Nürnberger setzten mit ihren minutenlangen Schlachtgesängen beim gestrigen Revival noch einen drauf. Keine Spur von Pandemie, dafür herzerwärmend das Wiedersehen mit dem 71-jährigen Bamberger, der im gewohnt üppigen Brokat-Sakko, das einst Großmütter zum Schaudern brachte, die Bühne betrat und seine Jubiläumssendung sicherheitshalber gleich auf „der, die, das Wetten, dass..?“ genderte.

Das Lagerfeuer flackerte wieder, auch bei mir Zuhause, als die Pyjamakinder den übersteuerten Wetthund Uno beim Müllsortieren anfeuerten. Gottschalk lief sich langsam warm: „Ja, kann man das denn machen, der arme Hund, werden viele jetzt fragen.“ Die Antwort der Tiertrainerin schien ihm nebensächlich, schließlich „wüssten viele Hunde heutzutage ja auch nicht mehr, ob das Frauchen in die Bio- oder in die Plastiktonne gehört!“    
      
Die Überleitung zum Auftritt Helene Fischers, die – sichtlich gerührt vom Toben des Saalpublikums – versprechen musste, nicht gleich wieder den nächsten Flieger zu nehmen, sondern Patin der Kinderwette zu werden. Der kleine Emil sollte sich mit seinen Füßen durch die Halteschlingen einer U-Bahn-Garnitur hanteln. Show-Assistentin Michelle Hunziker zum Buben: „Wieso hast du denn deine Lehrerin mitgebracht?“ Gottschalk verwandelt: „Er braucht den Druck.“ Nach gewonnener Wette gab's noch Erziehungstipps: „Jetzt stehen wir auf, da kommen die Damen“ und freundliche Worte für den langmähnigen Überraschungsgast, ein Idol des Knaben: „Bin stolz auf dich! Du noch mit Locken – das könnte was werden!“
 
Passend zur Zielgruppe trällerte die Musicalfraktion des Walt Disney-Hits „Frozen“ wenig später Tiefgefrorenes. Das versprochene Betthupferl für meine übernachtigen Zwerge, die sich endlich ins Schlafzimmer verabschiedeten, nicht ohne festzuhalten: „Der blonde Mann könnte bei jedem Kasperltheater mitspielen, da wäre er sicher der Witzigste!“
 
Der Abend steuerte auf seinen Höhepunkt zu: Ein Dartspieler sollte auf einer unsichtbaren Weltkarte die Pfeile in Kolumbien, Australien und New Mexico versenken. Weil er anstelle von Frankreich aber beinahe die Nürnberger traf, traten die ABBA-Urgesteine Björn und Benny zur Wetteinlösung an. Ihr „spontanes“ Duett mit Helene Fischer klang zwar ein wenig nach Hilferuf, zeugte aber auch vom Zauber dieser Show, der selbst in 40 Jahren noch nicht verflogen ist.
    
Weshalb Gottschalk für seine nächsten Gäste, die Pro7-Kultmoderatoren Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf, den perfekten Ankünder parat hielt: „Sie haben tolle Sendungen und müssen eigentlich nichts mehr lernen, außer, wie man ganz großes Fernsehen macht – und das zeige ich ihnen heute!“
 
Die Retourkutsche folgte auf dem Fuß: „Es ist hier wie so ein Fiebertraum“, gestand Klaas Heufer-Umlauf und traf damit den Nagel auf den Kopf. Der Rest der Veranstaltung dümpelte dahin, zwischen Klomuscheln, dem Gekrächze von Zauselbär Udo Lindenberg und der Tanzeinlage einer semi-bekannten Schauspielerin, deren Namen Gottschalk prompt wieder vergaß. Beiwagerl Hunziker flatterte wie ein fröhlicher Schmetterling umher und versuchte die Bruchstücke der Moderation einzufangen. Diese entglitt endgültig, als „Wetten, dass..?“-Vater Frank Elstner für die finale Baggerwette aufgeboten wurde und noch einmal Showmaster spielen wollte. Der Spaß versank, so wie die vielen Frisbees im Schlund des Baggergreifers.
 
Kurz vor Mitternacht konnte sich Ihre Morgenpostlerin nicht mehr daran erinnern, wann sie zuletzt eine mehrstündige Livesendung am Stück gesehen hatte. Im finalen Bühnenbild verschwamm plötzlich alles zu einem Knäuel aus Blumensträußen, Eisprinzessinnen, Feuerwehrleuten und Klobürsten. Hätte Thommy nicht zufrieden lächelnd und mit weit ausgestreckten Armen den abschließenden Segen erteilt, es wäre keine gute Nacht geworden.

Einen schönen Herbsttag wünscht Ihnen

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Danke für Ihr Verständnis.

JohannAmbros
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Als Kind der 80iger

sehe ich das anders als Sie….Wetten dass ist ein liebgewordener Teil meines 53 Jährigen Lebens. Meine Frau und ich sind sogar als Teenager Samstag Abend dafür zuhause geblieben.

zweigerl
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Invncible

Treffend kommentiert. THOSE WERE THE DAYS. Ein Schimmer davon kam zurück durch den letztlich unschlagbar selbstironischen Gottschalk, der so über allem steht, dass er auch in Correctness-Zeiten ein paar herzhafte Watschen austeilen konnte. Und das Format dieser Show ist nahezu "invincible". Superpromis, die nicht devot angesäuselt werden, und richtige Könner als Wettkandidaten. Warum das ZDF diese Show für ewigund immer versenkt, ist unbegreiflich.