Kolumne Valerie Fritsch: Uhren ohne Zeit

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Valerie Fritsch
Valerie Fritsch © (c) Martin Schwarz, oxyblau photography
 

Dass der Sommer vorbei ist, kann ich ihm wie jedes Jahr nicht gut verzeihen, stets möchte ich ihn mir ewig reden, auch wenn er heuer nicht einmal einen Wimpernschlag lang für mich gedauert hat, geizig war mit seinen schönen Tagen, ein wenig dürr daherkam. Aber wer gepflegte Abschiede mag, eine Leidenschaft fürs Goodbye hat, und den richtigen Arm fürs Winken, wird auch den Herbst lieben. Mit ihm beginnt der sich immer wiederholende Vergänglichkeitsexzess, die Welt wechselt die Farben für ein großes, spätes Leuchten, bevor sie verfällt, sich in sich selbst zurückzieht und in Dunkelheit und Nebelschwaden das geheime, stillere Leben der kurzen Tage und langen Nächte beginnt.

Man schaut der kühler werdenden Sonne nach. Man sieht durchs Fenster, wie den Bäumen die Blätter und den Menschen die Hüte vom Kopf davonwehen. Man gedenkt der Toten und, wer es genau nimmt mit seinen Gedanken, auch der Lebenden. Und in einem Lied von „Son of the Velvet Rat“ heißt es zu der wehmütigsten aller Jahreszeiten: Summer’s gone without a reason / or maybe not, I just don’t know / tell myself fall’s just a season / & not some strange kind of letting go. Sogar die Zeit des Sommers muss man sprichwörtlich zurücklassen, über Nacht zeigen die Uhren nur noch Winterzeit an, messen sozusagen fortan bloß noch die kalten Stunden, ob man will oder nicht. Darum mag ich am liebsten jene Uhren, die an der Zeit nicht nach herkömmlichen Maßstäben interessiert sind.

Ich sympathisiere mit Eieruhren, die einen vor temporären Fehlern bewahren, ich liebe Spieluhren, an deren Melodien man erkennt, wie sehr etwas vergangen ist, schätze Kinderuhren, auf denen man sich die Stunde und Minute selbst einstellen kann, wenn man die Zeit noch erlernt, anstatt von ihr belehrt zu werden, und habe eine Schwäche für Sonnenuhren an trüben Tagen, weil es für nichts zu spät ist. Als Mädchen hatte es mir besonders die Kuckucksuhr angetan, für die mich mein Großvater auf seine Schultern hob, damit ich dem schreienden Vögelchen, das aus der Tür schoss, glucksend vor Vergnügen ins Gesicht schauen konnte. Was für eine wunderbare Maschine, die „Kuckuck, Kuckuck“ nach einem rief, wenn man sie aufzog, ein richtiges Vogelhäuschen mitten im Zimmer. Sie war die ideale Uhr für ein Kind, denn sie zeigte die verschiedensten Stunden an, eine verrückter als die andere, keine stimmte je, aber immer hatte jemand Zeit, einen hochzuheben, damit man die rätselhafte Welt besser sah.

Die Japaner scheinen im Übrigen ein wunderbares Wort für all diese zyklischen Wehmutsformen und -formeln, die einem im Herbst und im Leben begegnen, zu kennen, denn gerade habe ich ein Buch gekauft, das „Nagori: Die Sehnsucht nach der von uns gegangenen Jahreszeit“ heißt. Es ist also noch Zeit, neue Wörter zu lernen, für das, was man fühlt, da braucht es gar keine Uhren, nur ein bisschen Neugier.

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