Exzellenz um 3,3 MilliardenRegierungskrise war auch Zitterpartie für Spitzenforschung

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Adolf Winkler
Adolf Winkler © Kleine Zeitung
 

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Am Ortsende wandelt sich Maria Gugging vom beschaulichen Dorf zum internationalen Campus mit 850 Mitarbeitern. Gerade wurde das fünfte Laborgebäude eröffnet, die Doktorandinnen und Doktoranden aus 70 Ländern am Institute of Science and Technology Austria vereint ein Auswahlkriterium: Exzellenz. Nur aus dieser Sicht will IST-Austria-Gründer und Präsident Thomas Henzinger die Zuschreibung Elite-Uni gelten lassen: „Wenn Sie mit Elite Exzellenz meinen, sind wir stolz.“ Er selbst hätte beim Start vor zwölf Jahren nicht abschätzen können, welchen Weg „das Abenteuer“ nehmen würde. Nun liegt man im Nature Index unter den drei besten Instituten naturwissenschaftlicher Forschung der Welt, auf Augenhöhe mit dem Vorbild, dem Weizmann Institut in Israel. Um die Spitzenposition für Grundlagenforschung auf höchstem Niveau abzusichern, braucht es Geld. Viel Geld. 3,3 Milliarden Euro – 2,45 Milliarden vom Bund und 850 Millionen vom Land Niederösterreich – sollen von 2026 bis 2036 den Ausbau von derzeit 65 Forschungsgruppen auf 150 gewährleisten.

Ein Wochenende lang war die Zusage eine Zitterpartie. Was würde aus der wenige Tage alten 15a-Vereinbarung, die gerade erst den Ministerrat passiert hatte, werden, wenn die türkis-grüne Regierung platzt? Mit dem Abtritt von Sebastian Kurz als Bundeskanzler hat mit der Koalition auch der 3,3-Milliarden-Pakt von Minister Heinz Faßmann und Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner Bestand. Für den noch nötigen Parlamentsbeschluss ist Henzinger zuversichtlich: „Ich gehe davon aus, dass es diese Schritte noch durchläuft.“

Am Anfang der Erfolgsgeschichte stand Streit. Der Vater der Idee, Wissenschafts-Doyen und Quantenphysiker Anton Zeilinger, der unermüdlich bei Industrie und Politik für eine Elite-Universität geworben hatte, warf alles hin, als Bundeskanzler Wolfgang Schüssel und Wissenschaftsministerin Elisabeth Gehrer statt dem angepeilten Standort Wien Aspern dem Gelände der ehemaligen Nervenheilanstalt in Maria Gugging den Vorzug gaben. ÖVP-Landeshauptmann Josef Pröll sagte mit dem höheren Förderangebot dankend ja. Wer daran gezweifelt hatte, dass Spitzenforscher kaum in die Abgeschiedenheit zu locken wären, wird nicht nur durch das erreichte Top-Ranking  eines  Besseren belehrt. Für jährlich fünf neue Professuren gibt es jedes Jahr 2000 Bewerbungen aus aller Welt.

Für Claus Raidl, den Vorsitzenden des Kuratoriums, dem übrigens auch Ex-Infineon-Austria-Chefin Monika Kircher angehört, ist das IST Austria  "ein großes österreichisches Wunder" und der "Beweis dafür, dass der Vorwurf an die Politik, sie denke nur in Wahlperioden, nicht stimmt". Dem Begriff Elite haftet in Österreich noch immer ein ideologisch verbrämter Vorbehalt einer Abgehobenheit an. Ein Ansporn zur Weltspitze wird häufig höchstens auf den Skisport projiziert. Selbst Weltklasseleistungen von Exportunternehmen werden mit dem Titel „Hidden Champions“ buchstäblich versteckt. Mit dem IST Austria ist der Anspruch auf Exzellenz im globalen Wettstreit umso wichtiger, auch um die Technik-Affinität in Österreich zu befeuern. „Wir brauchen eine wirkliche Bildungsreform“, drängt EATC- und Wittgenstein-Preisträger Henzinger und beklagt „zum Teil Lehrpläne wie vor 100 Jahren. Ich halte es für ein unheimliches Manko in Österreich, dass es noch immer keine strukturierte Informatik-Ausbildung an den Schulen gibt. Da überholt uns inzwischen die gesamte westliche Welt und wir verschlafen das.“

Bleiben Sie zuversichtlich, Ihr

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