Interne RecherchenDie Inseraten-Affäre, eine Selbstbefragung

Der tägliche Morgenpost-Kommentar aus der Chefredaktion.

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Hubert Patterer
Hubert Patterer © Kleine Zeitung
 

Guten Morgen!

Oliver Bergauer ist Villacher, läuft komisch gekleidet aufs Eis und hat irgendwann beschlossen, keine Faser Fleisch mehr zu sich zu nehmen, aber sonst ist er ein unkomplizierter, heiterer Mensch.

Oliver ist Werbemarktleiter der Kleinen Zeitung, und seinen Hauptwohnsitz hat er im Auto zwischen Villach, Graz und Wien.

Ich hab ihn gestern Nachmittag gefragt, wie groß der Anteil entgeltlicher Schaltungen aus den Ministerien bei uns ist, sagen wir, seit 2017. Der VSV hat am Abend nicht gespielt, deshalb hat er mir noch in der Nacht die erhobenen Daten geliefert. Er weiß von nichts, aber ich schieß sie hier einfach einmal raus.

Im Jahr 2017 betrug der Werbeumsatz der Kleinen Zeitung 52,8 Millionen Euro. Alle Ministerien zusammen gaben Inserate in der Höhe von 853.000 Euro in Auftrag. Das waren 1,6 Prozent vom Gesamtumsatz.

2018 machte der Gesamtumsatz 52,3 Millionen aus, der Anteil öffentlicher Schaltungen aus den Ministerien betrug 1,2 Millionen. Das waren 2,3 Prozent vom Gesamtumsatz. 2019 ähnlich.

Im Corona-Jahr 2020 sank der Werbeumsatz auf 47,2 Millionen (viele hatten zu und kommunizierten verunsichert nur mit sich selbst), und der Anteil aller Ministerien, deren Maßnahmen mit einem erhöhten Kommunikationsbedürfnis einhergingen, stieg auf 2,9 Millionen. Das waren 6,1 Prozent vom Gesamtumsatz.

Die Botschaft, die ich gern gegenüber allen Pauschalkritikern, die der Fellnerisierung der Branche rufschädigend (auch von innen) das Wort reden, absetzen würde: Wir sind weder abhängig noch gekauft und wären es auch dann nicht, wenn der Anteil, wie bei den Wiener Boulevardmedien, das Fünf- bis Siebenfache betrüge, obwohl sie mitunter weniger Leser haben. Wir sind empfänglich für Inserate, auch von Parteien oder Institutionen, weil wir uns für die Kommunikationsbedürfnisse von Parteien oder Ministerien als Redaktion nicht zuständig fühlen. Aber sind unempfänglich für kranke oder kriminelle Belohnungs- oder Züchtigungsversuche. Wir sehen auf den Schirmen kein Inserat. Wir sehen nur eine weiße Fläche mit einer roten, diagonalen Linie und wissen: Da hat keine Geschichte Platz, obwohl wir den Platz bräuchten.

Wir sehen die Inserate zeitgleich mit unseren Lesern.

In der Redaktion haben wir in den vergangenen Tagen nicht nur bei der Auskunftsquelle Oliver, sondern auch gegen uns selbst recherchiert. Michael Jungwirth hat über das digitale Archiv und den AOM-Kiosk der Austria Presse Agentur nachgeforscht, ob und wie oft bei uns das diskreditierte Institut Research Affairs, dessen Firmenname nur im zweiten Teil mit der Wirklichkeit etwas zu tun hat, in der Zeitung vorgekommen ist, und wenn ja, über welche Quellen und Kanäle. Sagen wir, seit 2017. In den Chats des Ermittlungsakts ist bekanntlich davon die Rede, dass politisch gesteuerte, frisierte und offenbar aus dem Ministerium heraus verdeckt finanzierte Umfragen angeblich über die „Presse“ auch an die Bundesländerzeitungen hätten weitergeleitet werden sollen. Waren auch wir Opfer oder Werkzeug einer manipulativen oder gar kriminellen Stafette? Waren wir unwissend Beitragstäter, und war der Beitrag mangelnde Vorsicht, Unachtsamkeit?

Die Recherchen Jungwirths stützen diese Mutmaßung nicht. Seine Introspektion ergab: „Research Affairs“ kam in den vergangenen Jahren zwei Mal in der Zeitung vor, jeweils kleinflächig, ein Mal ein- und ein Mal zweispaltig. Es war  im Mai  im Nachhall von Ibiza. Beide Male kamen die Berichte über Umfragen, von „Österreich“ in Auftrag gegeben, von der Nachrichtenagentur, teils angereichert mit anderen Studien (Hajek). Etliche Zeitungen von „Standard“ bis „Volksblatt“ übernahmen einschließlich uns den Agenturbericht, da zu diesem Zeitpunkt vom zwielichtigen Hintergrund niemand außerhalb des inkriminierten Dreiecks wissen konnte.

Noch nicht abgeschlossen sind interne Recherchen zu einem Sonderfall: Es geht um eine Dreierkonfrontation der Spitzenkandidaten vor der Wahl 2017 in Linz, initiiert von den Bundesländerzeitungen, der „Presse“ und ORF III. In die Berichterstattung floss damals als garnierendes Zusatzelement auch eine Blitzumfrage von „Research Affairs“ ein, mit Sebastian Kurz als ausgewiesenem Sieger. Bis dato konnte nicht eindeutig geklärt werden, wie diese Umfrage zustande kam, ob vom Institut selbst angeboten, über die „Presse“ oder im Zuge einer langjährigen, seit 2011 bestehenden und mittlerweile außer Kraft gesetzten Kooperation mit der „Tiroler Tageszeitung“. Da wie dort ist die Betroffenheit über das ruchbar Gewordene groß. Das gilt auch für uns. Wir werden Lehren daraus ziehen und den Leserinnen und Lesern über den aktuellen Wissensstand offen Auskunft geben, auch in der Zeitung. Völlig klar ist: Sie haben ein Anrecht darauf.

Neben dem Studium von Olivers Mail spät nachts noch die Sportlerehrung im Fernsehen gesehen. Ich schau so was gerne: die Rührung Hartgesottener wie Hermann Maier, ja: der in Nagano mit der Physik tanzte. Am besten hat mir einmal mehr die Anna Kiesenhofer gefallen, die Rad-Olympiasiegerin: wie reflektiert die über das, was sie da im Grenzbereich zwischen Genie und Wahnsinn vollbringt, redet! Wie sie schlampige Fragen pariert: Es sei, sagte sie, doch bitte schnurzegal, welche Sportart nach wie vielen Hunderten Jahren hier zur Ehre komme, es gehe „um den Geist und die Haltung“, die dem Erfolg zugrunde liege. „Untadelige Doppelspitze“ lautet der anspielungsreiche Aufmacher auf Seite 1 und zeigt Kiesenhofer, die Sportlerin des Jahres, mit dem männlichen Pendant, Vincent Kriechmayr. Überzeile: „Auch das ist Österreich“. Gegenbilder.

Einen gewissensreinen Tag, mit einem speziellen Gruß an alle Villacher und den VSV, wünscht

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scionescio
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Die KLZ Redaktion muss sich schon die Frage stellen, warum man gegenüber den Machenschaften des Herr Kurz so unkritsch war und eher wohlwollend berichtet/beschwichtigt hat ...

... obwohl schon frühzeitig mehr als genug untrügliche Anzeichen da waren, dass es hinter der künstlich, mit Steuergeld erzeugten Fassade, ganz anders aussieht.

Da spielen halt auch die Eigentumsverhältnisse der KLZ keine unbedeutende Rolle!

Bereits
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Das ist sehr löblich, für mich als Leser jedoch nicht der Vorwurf an die Kleine Zeitung. Mein Vorwurf ist, dass die Kleine Zeitung die Kurz Kampagne journalistisch unreflektiert mitgetragen hat obwohl die Anzeichen für den Charakter dieser Leute schon 2017 überdeutlich waren. Wenn man diese Anzeichen denn sehen wollte.

HASENADI
5
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Das sehe ich nicht so,...

dass die KlZ die Kurz Kampagne unreflektiert mitgetragen hätte. Gut erinnere ich mich noch an einen missglückten Medienauftritt des Altkanzlers Kurz (Kleines Walsertal?), worauf das Bundeskanzleramt ungeniert in der Chefredaktion intervenierte bez. positiver Berichterstattung. Chefredakteur Patterer outete in einem Kommentar diesen dreisten Versuch, sehr zum verdienten Gespött für die damals noch selbstherrliche türkise Partie. Das konsequente Einstehen der Zeitung gegen dieses unverfrorene Verlangen zeitigt auch jetzt noch, wo die korrupte Truppe nach und nach entzaubert wird, edle Früchte.

MagSophie
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Und vom Land?

Und wieviel Geld bekam die Kleine Zeitung von der Steirischen Landesregierung, den Landesräten, der Stadt Graz, der Holding etc…?

SoundofThunder
4
9
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🤔

Das bezweifle ich auch nicht. Aber diese Art des Meinungsjounalismus und die Art der Berichterstattung von anderen Medien (gewisser Gratiszeitungen UND auch das Auflagenstärkste Blatt Österreichs) spricht Bände. Ihr habt es selber auch schon mal veröffentlicht welche Zeitungen zusätzlich zur Presseförderung noch Geld von den Parteien bekommen. Oder war es die Lachsfarbene?