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116 Jahre Kleine ZeitungBleiben Sie auf ein Gläschen?

Der tägliche Morgenpost-Kommentar aus der Chefredaktion.

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­Guten Morgen! 

Wir sind heute 116 und haben Geburtstag. 1904, am 21. November, ist die Zeitung gegründet worden, sie war ohne Bild und ohne Farbe und kostete zwei Heller. Es gab Abonnenten in Triest, aber noch keine Regionalausgaben in Weiz oder Wolfsberg. Der alte Kaiser herrschte. Das Land war groß, brüchig, hatte ein Meer und schlafwandelte. Der erste Krieg war nur ein Jahrzehnt weg. Die Zeitung richtete sich an kein vorsortiertes Publikum, das tut sie auch heute nicht, sie ist zielgruppenfrei, es dürfte sie also marketingtechnisch nicht geben. Dünkelfrei will sie sein und allen zugänglich. Im zweiten Krieg war sie ein besetztes Naziblatt und hatte Karrieristen und Geradlinige, die im KZ landeten. „Natürlich gab es in der Redaktion auch den ideologieflexiblen, anpassungsfähigen Herrn Karl“, schrieb Kurt Wimmer über die dunklen Jahre.
 
Die Zeitung hat heute 235.000 Print-Abonnenten oder so. Sie Ist die größte Nicht-Boulevard-Zeitung des Landes. Sie verliert knapp drei Prozent pro Jahr und steigert die Zahl der digitalen Abonnenten jährlich um dreißig Prozent. Sie ist mitten im Wechsel und Wandel. Die Umbrüche, der Veränderungsdruck, die Zuversicht: das Thema der Schwerpunktausgabe. Nur Mut, lautet der Aufruf nach außen und innen auf Seite eins. Noch können die dreißig Prozent plus die drei Prozent minus nicht gänzlich aufwiegen, aber wir sind da guter Hoffnung.
 
Der 88-jährige Vater liest die Zeitung am Tablet, vergrößert die Schrift und lässt sich den Rest des Textes von einer fremden Computerstimme vorlesen, wenn das schwache Auge nicht mehr kann. Er darf nicht aus dem Haus, ist verwundbar, aber hat eine klare Ahnung von der Welt, die er vorwiegend vom digitalen Lesen kennt. Das Leben ist kompliziert, aber ziemlich großartig.
 
Feiern können wir heute nicht, weil der große Newsroom leer ist. Nur der innere Kreis mit den Ressortleitern und den Plattform-Verantwortlichen ist besetzt. Reden und anstoßen kann man mit ihnen nicht, ihnen zubrüllen auch nicht, weil sie meistens riesige Kopfhörer tragen und mit den Mitarbeitern daheim Kontakt halten wie in der Funkstation in U-Booten. Zeitung von daheim aus, das ist dauerhaft keine so gute Idee, weil man irgendwann die Schlapfen aus der Zeitung riecht und das Telefon und das fehlende Streiten, aber die Betriebsräte mögen es nicht, wenn ich so rede, also lasse ich es. Heute ist nicht der Tag.
 
Giovanni di Lorenzo, der Chefredakteur der „Zeit“ und Liebling des Vorzimmers, hat in der aktuellen Ausgabe der Branchenzeitung „horizont“ mit der Art-Direktorin ein Interview zur Zukunft der gedruckten Zeitung gegeben. Dort lese ich: „Alles auf digital umstellen? Das entspricht nicht unserem Gefühl, denn auch die Jungen wollen das Blatt zu fünfzig Prozent in Papierform haben. Dieses Sich-Zurückziehen mit der Zeitung, dieses Gefühl stellt sich bei vielen nur mit der Papierausgabe ein. Und wir wären die Letzten, die diese Leute als vormodern bezeichnen würden.“ Letztlich würden die Leser entscheiden. Sollte die letzte Party für Print ausgerufen werden, sage man ganz klar: „Auf unserer Party sind die Gäste noch nicht gegangen. Wenn man jetzt schon die Stühle hochstellt und „I will survive“ spielt, bevor die Gäste überhaupt mit ihren Drinks fertig sind, dann ist man selber schuld. Wann die Party vorbei ist, entscheiden nicht wir, aber wir tun alles dafür, dass alle noch auf ein Gläschen bleiben.“
 
Das ist hübsch gesagt und trifft auch die Stimmung zum 116er. Darauf ließe sich anstoßen, später, wenn wir wieder dürfen, ohne Kopfhörer. Auch weil es mehr Ihre Zeitung ist als unsere, die da feiert: Da geht noch jede Menge.
 
Viel Spaß mit der Geburtstagsausgabe wünscht

Kommentare (3)
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Peterkarl Moscher
1
6
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Gratulation

Gratulation Hubert, ein Glaserl übers Internet auch nett, viel Glück für die
nächsten 100 Jahre.

tannenbaum
4
3
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Gratulation,

Und seit es die ÖVP gibt brav in deren Diensten! Danke!

lieschenmueller
2
7
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Bin ich die Erste zum Gratulieren?

Wahrscheinlich sind alle Schneeschaufeln.

Ärgerlich. Nämlich dass ich null Talent zum Reimen habe.

Alles Gute zum Geburtstag! Wie einfallslos.

Eigenartigerweise fällt mir der Film Muttertag ein, wo die Kinder aufsagen: "Sei froh, dass Du uns hast"

Und ob! Auf die nächsten 116 Jahre!