Liebe Leserin, lieber Leser!
Mai, 1986. Ein Monat, in dem plötzlich alles gefährlich war. Regen, Schwammerl und Sandkisten. Ja, sogar die zarten Blümchen für unsere Erstkommunion standen im Verdacht, verstrahlt zu sein. Vor dem Gottesdienst kam es unter den Müttern beinahe zu Handgreiflichkeiten, weil die Glashaus-Zertifizierung des Vergissmeinnichts noch ausständig war.
Bei der ausufernden Tschernobyl-Panik hielt sich meine Familie allerdings zurück, schließlich hatte der Onkel – passionierter Physiker eines Atomforschungszentrums – oft genug das Loblied auf die Kernspaltung gesungen. Während mein Vater im Wirtshaus also unverdrossen Steinpilze bestellte, wurde uns Kindern erst von der Schule die Augen geöffnet: Wir lasen „Die Wolke“ und lernten, dass wir nun nicht mehr sagen konnten, wir hätten von nichts gewusst. Wir sahen furchtbare Bilder aus der Todeszone, hörten von den Folgekrankheiten und waren dankbar, weit entfernt zu wohnen. Am Ende des Tages hatte sich bei uns aber zumindest eingebrannt, dass Atomkraftwerke abgrundtief böse sind …
Heute, 40 Jahre später, feiert meine Tochter Erstkommunion – und die geschmähte Atomkraft ihre Renaissance. Italien prüft die Rückkehr, Frankreich fordert Investitionen in Mini-Reaktoren, der Schweizer Ständerat will das Land nicht weiter mit grüner Infrastruktur „möblieren“, sondern Meiler bauen und EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen hat dieser Tage sogar eingeräumt, dass die Abkehr von der Atomkraft „ein strategischer Fehler“ gewesen sei. Noch unter dem Eindruck der Katastrophe von Fukushima hatte sie als deutsche Verteidigungsministerin einst für den endgültigen Ausstieg gestimmt. Nun, eine Pandemie und zwei Kriege später, ist die Industrie des Nachbarlandes dramatisch ins Wanken geraten. Man hätte der „erschwinglichen und emissionsarmen Energiequelle“ nicht den Rücken kehren dürfen, konstatiert von der Leyen und gibt die ambitionierte Zukunftsparole aus: „Europa soll ein globales Zentrum der Kernenergie der nächsten Generation werden!“
Mag man auch gerade unter Strom stehen – der europäischen Energiepolitik täte weniger Radikalität ganz gut. Jede Technik hat Vor- und Nachteile, das sehen wir bei Windrädern, Solarparks, Gas-, Wasser- oder Atomkraftwerken. Deswegen ist nicht die Ideologie gefragt – sondern vor allem der richtige Mix.
Einen schönen Samstag wünscht Ihnen
Elisabeth Zankel