Aufregung, Proteste, Beschwichtigungen, ein Eklat, eine Abberufung, aufgeheizte Debatten – was war geschehen? Das ZDF hatte in einem Journal-Beitrag über den brutalen Einsatz der amerikanischen Einwanderungspolizei ICE KI-generierte Bilder gezeigt, ohne diese zu kennzeichnen. Der Sender, der sich ansonsten für Faktentreue stark macht, wurde mit Kritik überzogen, gibt sich zerknirscht und verspricht Besserung. Eine solche ist jedoch nicht in Sicht.

Der Vorfall wirft nämlich einige grundsätzliche Fragen auf: Es wird immer schwieriger bis unmöglich, die Bilderzeugnisse der KI von Fotografien zu unterscheiden. Digital manipuliertes Bildmaterial und freie Erfindungen fluten das Netz. Für Kopfschütteln sorgte jüngst eine Unmenge von KI-Bildern, die Szenen aus den Vernichtungslagern der Nazis zeigen, und damit den Gewaltvoyeurismus ebenso geschäftstüchtig bedienen wie den aufrechten Antifaschismus, der aus der Geschichte lernen will. Wie soll man mit dieser Aufhebung der Grenze zwischen Realität und Fiktion umgehen?

Der eher verzweifelt klingenden Vorschläge gibt es viele: mehr Sorgfalt im Umgang mit sozialen Medien; Kennzeichnungspflicht für KI-Material; Bildungsanstrengungen, die das Auge schärfen sollen; aufwendiges Recherchieren der Entstehungsgeschichte von historischen Fotografien. Sehr löblich, doch müßig. Die zunehmend perfekter werdenden Fälschungsalgorithmen werden diese Bemühungen schnell zunichtemachen.

Wie wäre es, die Frage nach dem Realitätsgehalt von Bildern ganz fallen zu lassen, und diese – gleichgültig, wie sie entstanden sind – lediglich nach ihrem Kontext und der dahinter liegenden Intention zu beurteilen? KI-Bilder, die eine aus unserer Perspektive gute Sache befördern, wären dann unproblematisch, die in böser Absicht generierten von Übel. Auch wenn einiges für diesen Ansatz spricht – letztlich liefe er auf eine politische Selbstbestätigung hinaus, ohne Erkenntnisgewinn.

Vielleicht ist alles ein Missverständnis. Die Aufregung um KI-Fakes ist nur verständlich, weil wir bislang glaubten, in einem Foto die Wirklichkeit abgebildet zu sehen. Natürlich, Retuschierungen gab es immer schon, aber sie waren aufwendig und kostspielig. Das Vertrauen in die Macht der Bilder wurde dadurch nicht erschüttert. Das Objektiv galt als Instrument, mit dem die Wirklichkeit unmittelbar eingefangen werden konnte. Das mag, für eine kurze Phase unserer Geschichte, manchmal sogar zugetroffen haben – Propaganda war davon stets ausgenommen.

Die Fotografie wurde vor knapp 200 Jahren erfunden. Erst durch sie wurden wir zu Bildgläubigen. Davor war es den meisten Menschen klar, dass Bildwerke Fiktionen sind, selbst dann, wenn diese – eine entsprechende Virtuosität vorausgesetzt – der Wirklichkeit täuschend ähnlich sein konnten. Im Grunde lügen Bilder immer. Manchen Religionen war diese Kunst deshalb suspekt: Sie erließen Bilderverbote. Man könnte zu all dem auch eine gegenteilige These vertreten: Gerade, weil Bilder aller Art – auch Fotografien – in erster Linie ästhetische Kreationen sind und keine Darstellung eines Ereignisses, können Bilder gar nicht lügen.

Wir benötigen kein neues Bilderverbot. Wir sollten einfach aufhören, mit Bildern Politik zu machen. Und wir sollten die Beweislast umkehren. Es ist nicht unsere Aufgabe, herauszufinden, ob ein Bild die Realität zeigt oder mithilfe von KI bloß fingiert, sondern diejenigen Medien und Institutionen, die daran festhalten wollen, dass fotografische Dokumentationen als Beweismittel wichtig sind, müssen uns von deren Authentizität überzeugen. Alles, was sonst über die Screens flattert, ist ideologisch getönte visuelle Bespaßung, über die man im wahrsten Sinn des Wortes hinwegsehen kann.