Kürzlich beim neuen Hausherrn im Bundeskanzleramt: Christian Stocker empfängt im dunkelgetäfelten Büro, in dem bereits Leopold Figl und Bruno Kreisky residierten. An den Wänden überdimensionierte, ikonische Bilder, die der legendäre Fotograf Erich Lessing am Tag des Staatsvertrags von den jubelnden Österreichern vor dem Belvedere geschossen hat. Anders als bei Sebastian Kurz finden sich ein paar Unterlagen auf dem Schreibtisch. Warum Spitzenpolitiker mit einem komplett leeren Bürotisch, auf dem kein einziger Bleistift, kein Blatt Papier, nicht einmal ein Laptop anzutreffen sind, aufwarten, hat sich mir noch nie erschlossen. Gelbe Tulpen verleihen dem Raum eine frühlingshafte Note.

Wenige Tage zuvor hatten wir den Kanzler beim Kleine-Zeitung-Empfang am Rande des Steiermark-Frühlings zu Gast. Auch der Vizekanzler, die Außenministerin und mehr als ein halbes Dutzend Minister und Staatssekretäre gaben uns am Rathausplatz in Wien die Ehre. Ich wusste, dass der Einzug ins Kanzleramt nicht Teil von Stockers Lebensplanung war. Im Advent hatte er in kleiner Runde erzählt, dass mit 65 Jahren ein neuer, ruhigerer Lebensabschnitt beginnen würde. Fehlanzeige. „Es war eines der intensivsten Monate meines Lebens“, meinte Stocker in dem Interview, das ich mit einem Kollegen der Salzburger Nachrichten genau einen Monat nach seiner Angelobung führte. Mitte März war er 65 geworden. Auf meine Nachfrage, dass sich an der Intensität kaum etwas ändern werde, meinte Stocker: „Ich nehme es, wie es kommt.“

Eine gewisse Unerschütterlichkeit ist dem neuen Hausherrn im Kanzleramt nicht abzusprechen. Das mag auch seinem jahrzehntelangen Beruf geschuldet sein. Als Anwalt gilt es, sich auf neue Gegebenheiten einzustellen, Befindlichkeiten hintanzustellen. Diese unpathetische Nüchternheit ist wohltuend und erfrischend. Noch dazu ist er - Werner Kogler ausgenommen - einer der ganz seltenen Spitzenpolitiker, der frei von Eitelkeit ist.

Stocker versteht sich nicht als Kapitän auf der Kommandobrücke, sondern als Chef im Maschinenraum, nicht als schillernder Bauherr, sondern als Vorarbeiter, nicht als Generalstabschef, sondern als unmittelbarer Chef einer Truppe. Diese Rolle wird er auch heute einnehmen, wenn sich die Koalition zu einer zweitägigen Arbeitsklausur zurückzieht. Die einstige Idee, in ein Nobelhotel, ein Tagungszentrum, vielleicht sogar in ein Stift oder ein Palais im Umfeld zu Wien auszuweichen, wurde verworfen. Angesichts leerer Kassen und eines neuen Sparkurses übt man sich in Bescheidenheit. 

Dem vom Kanzler ausgerufenen Slogan „Leben und leben lassen“ ist es zu verdanken, dass bei der heute beginnenden Regierungsklausur jede der drei Koalitionsparteien jeweils ein Thema medial aufspielen darf, die ÖVP etwa die Einführung des Messenger-Dienstes, die SPÖ mehr Mittel für den Arbeitsmarkt. Das ist auch die Regel bei den wöchentlichen Ministerräten. 

Dieser innenpolitische Mikrokosmos steht in einem erstaunlichen Kontrast zur Lage der Welt. Die Börsen sind im freien Fall, Werte in Milliardenhöhe werden vernichtet. Der Welt steht ein beispielloser Zollkrieg ins Haus. Was die nächsten Wochen und Monate bringen, ist angesichts der erratischen Handlungen des US-Präsidenten unklar. In der Ukraine sind die Russen auf dem Vormarsch, man kann nur davor hoffen, dass das alles nicht ein Vorspiel ist für weitere militärische Provokationen in ein paar Jahren im Osten unseres Kontinents.

In einem denkwürdigen Interview in der ARD-Sendung „Caren Miosga“ am Sonntagabend konstatierte der einstige deutsche Außenminister Joschka Fischer unter Verweis auf den sicherheitspolitischen Rückzug der USA aus Europa: „Trump zerstört mutwillig die Welt, in die ich hineingeboren wurde. Die Welt geht jetzt zu Ende. Europa muss nun zur Kenntnis nehmen, dass wir alleine sind.“ Dieser Epochenbruch erinnert an Stefan Zweigs „Die Welt von gestern.“ Beim Staatsakt zum 80. Jahrestag der Ausrufung der Zweiten Republik soll denn auch Christopher Clark, der mit seinem Buch „Die Schlafwandler“ Aufsehen erregt hat, den Festvortrag halten.

Ob Österreich bereits aufgewacht ist, den Ernst der Lage erkannt hat oder sich eher die Meinung durchsetzt, uns gehe das alles nicht an, bleibt fraglich. In jedem Fall besteht kein Grund für Fatalismus. Die Europäer können ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen, allerdings nur gemeinsam, nicht im Alleingang. Wie heißt es schön? „Wer nicht mit am Tisch sitzt, landet früher oder später auf der Speisekarte.“ 

Einen nachdenklichen Dienstag

wünscht