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Abschied von einem WeltstarFranzobel: Der Himmel von San Diego

Vom Elendsviertel in lichte Höhen: Diego Maradona ist aufgestiegen, gefallen und bleibt für seine Fans dennoch unsterblich. Eine Hommage an einen Ausnahmefußballer.

Der Fußballer Diego Maradona starb im Alter von 60 Jahren
Der Fußballer Diego Maradona starb im Alter von 60 Jahren © (c) AFP (ALBERTO PIZZOLI)
 

Gott kam in einem Elendsviertel zur Welt, als fünftes von acht Kindern am Rand einer Stadt, die für ihre guten Winde bekannt ist. Es war der 30. Oktober 1960, ein Sonntag. Elvis Presley veröffentlichte „Are You Lonesome Tonight“ und an der Spitze der deutschen Charts stand Lale Andersen mit „Ein Schiff wird kommen“. Evita war seit acht Jahren tot und ihr Mann, der langjährige argentinische Diktator Juan Perón, befand sich im Exil in Spanien, wo er bald eine Nachtklubsängerin ehelichen sollte. Adolf Eichmann war gerade vom Mossad entführt und nach Israel gebracht worden, trotzdem tummelten sich in Südamerika noch jede Menge abgetauchter Nazis.

Gott wog bei der Geburt vier Kilo zwanzig. Von einer jungfräulichen Geburt ist nichts bekannt. Sein Vater war Nachtwächter in einer Mehlfabrik, die wichtigste Saat aber ging zu Hause auf – Diego Armando vulgo Fersenhalter Hermann, von der Mutter abgöttisch geliebt.
Die Häuser in Villa Fiorito, dem besagten Elendsviertel, sind schmucklose Betonwürfel mit Flachdächern. Neben den Lehmstraßen verrotten Autowracks und alte Gartenmöbel, Jugendliche schnüffeln an Lackdosen, ausgemergelte Esel und Schindmähren grasen auf Gstätten und der Fluss, der das Ganze durchzieht, ist eine einzige Müllkippe. Die Leute sprechen Castellano oder Guarani, die Sprache der Indianer. Kartonsammler, Hilfsarbeiter, Tagediebe. Das Wasser schmeckt nach Chlor und kommt rostbraun aus der Leitung, elektrischen Strom gibt es nur zu manchen Stunden. Kinder sind hier eine Altersvorsorge. Wahrlich, Gott hätte sich einen nobleren Ort aussuchen können.

Er wurde auch nicht gleich erkannt. Keine königlichen Häscher, kein Herodes, und als ihn die Scouts der Großklubs endlich fanden, war er schon neun. Gott musste keinen Wein vermehren, ihm reichte ein Ball. Wenn er damit zauberte, war es ein Fest, machte er Blinde sehend, Lahme gehend, Stumme jauchzend. Fortan spielte Gott bei den „Zwiebelchen“ und unterhielt das Publikum der Erwachsenenmannschaft mit Kunststücken in der Pause. Gott konnte alles: dribbeln, passen, schießen, mit den Augenbrauen ferserln, mit den Fersen gaberln. Gott war ein Genie, doch für die Weltmeisterschaft 78 zu jung. Zwei Jahre später spielte er bei Boca Juniors und verwandelte die Bonbonniere-Schachtel, wie das Stadion von den Hafenbewohnern liebevoll genannt wird, in eine Kathedrale der Erlösung.

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