Meine jüngste Begegnung mit ihr, eine Lesebegegnung, sie ist ein paar Wochen her. Ich hatte Maja Haderlap dort nicht vermutet. Ein Buch über die Bundesverfassung sollte ergründen, ob dem Bauwerk tatsächlich innewohne, was ihm von höchster Stelle bescheinigt wird: Schönheit und Eleganz. Haderlap wählte für die Erkundung den Artikel 7 des Staatsvertrags, jenes Verfassungsgebot, dem sich das offizielle Kärnten so lange widersetzt hatte: die Selbstverpflichtung, die sprachliche Vielfalt zu sichern und zu fördern. Haderlap näherte sich dem Gesetzestext mit einer Rückblende in die Siebziger, als das Land unter Rauch stand und die Schülerin mit einem Blatt Papier zum Klagenfurter Lendhafen aufbrach, dorthin, wo die Stadt am schönsten und elegantesten ist.

Sie schreibt: „Auf dem Weg versuchte ich mir die Bestimmungen des Artikels 7 einzuprägen, als ginge es um eine Glaubensformel, um eine Anrufung. Ich war eine Jugendliche, und es war mir mulmig zumute. Die Stimmung war aufgeladen, die Kärntner Slowenen galten, obwohl sie sich auf den Staatsvertrag beriefen, als österreichfremd, nicht Teil dieses Landes. Ich hatte Angst, von Passanten bedrängt zu werden, obwohl kaum jemand wissen konnte, dass ich zu meiner ersten Demonstration eilte. Ich nahm mir vor, jedem, der mich anbrüllen würde, meinen Zettel unter die Nase zu halten. Trotz meines Alters vertraute ich der Kraft einer rechtlichen Bestimmung und machte, indem ich Stellung bezog, die erste Erfahrung in angewandter Demokratie.“

Eine schöne Verwandtschaft

Da war also vieles an Widerspruchsgeist sehr früh angelegt. Den Mut, den Haderlap als Teenager auf die Straße brachte, hat sie später als Republiks- und Gedenkrednerin auch vom Land eingefordert, das nicht besonders gut und groß darin sei, Mut zu fassen. Das letzte Mal geschah es, als Österreich selbstbestimmt in die Mitte Europas rückte und seine Vielfalt neu wahrnahm, auch die eigene. „Beim Beitritt zur EU haben wir nahezu traumwandlerisch eine wegweisende Entscheidung getroffen und fürchten uns noch immer vor unserem Mut“. Das sagte Maja Haderlap zum Hundertjahrfest der Ersten Republik in der Oper. Ein prophetisches Wort. Es beschreibt schmerzlich genau auch das Heute: das Verzagte, das es den Rücksichtslosen so leicht macht.

Die Lendhafen-Episode erinnerte mich an die junge Bachmann und deren Auflehnung gegen die nazistisch durchtränkte Klagenfurter Lehrerbildungsanstalt. Es gibt schöne Parallelen an jugendlicher Sensibilisierung. Sie umfasst da wie dort ein tiefes Unbehagen gegen die Ideologie von Sprache als Instrument von Trennung und Abgrenzung, ein frühes Aufbegehren gegen die Herrschaftsverhältnisse, die sich in den beiden Landessprachen widerspiegelten, als Sprache der Herrschenden und Sprache der Beherrschten. Bei beiden reift früh die Gewissheit, dass es eine andere Sprache brauche, eine, die wegführt von der Ideologiesprache. Auch da eine schöne Verwandtschaft.

Das ungesüßte Muttertagsgespräch

Gerne erinnere ich mich auch an eine Begegnung am Wörthersee, Kropfitschbad, ein Vorsommertag rund um Muttertag. Ihr Buch „Nachtfrauen“ war erschienen, es erzählt das Schicksal dreier Generationen von Frauen im dörflichen Südkärntner Kosmos, mit all den Verstrickungen und Kriegserfahrungen, die nachwirkten und sich übertrugen. Eine fein gewobene Mutter-Tochter-Story. Maja Haderlap willigte unter der Bedingung ein, dass es kein Muttertagsinterview sein dürfe.

Wir fragten, wie es ihr gehe. Sie zögerte. Es sei einer dieser Tage, wo in jedem Moment eine unheilvolle Nachricht eintreffen und das Gleichgewicht zerstören könne. Es kam aber kein Hiob und keine Botschaft, und wir verbrachten schwerelose Stunden am Schilf, einem Ort, der nicht mehr sein wird, der er war, auch eine Kärntner Geschichte, aber eine andere.

Maja Haderlap kehrte im Gespräch zurück in ihre Kindheitswelt. Wir sprachen über das Sterben der Dörfer und der „alten Sprache“, des Slowenischen, über die Frauen ihrer Kindheit und den Wettstreit, wer die arbeitsamere und aufopferungswilligere sei; über Frauen, die durch Ertragenes hart geworden seien und verschwiegen und wo die Dinge, über die man nicht sprach, in der Nacht aufbrachen, Nachtfrauen. Es wurde dann doch ein Muttertagsgespräch, ein ungesüßtes, wir haben es aber ihr zuliebe nicht so genannt.

Was man verlässt, folgt einem, heißt es in einem der Gedichte. So war es auch bei Maja Haderlap und den Kärntner Jahren, die sie mitnahm nach Wien, weil man das Land auch im Fortgehen nicht abschütteln kann, nicht dieses. Die Schönheit und die Brüche darunter, das gefährlich Schöne. „Den Widrigkeiten meiner Herkunft verdanke ich meine ganze Karriere“, bekannte Peter Turrini, und das war wohl auch bei Maja Haderlap so. Sie sei tätig durch viele Hindernisse gerutscht. Kein Land ist so reich an Dichtern, und diese Opulenz hat ihre Mitte im Jauntal, wo sonst. Viele gingen und blieben, Haderlap kam zurück. Aber die langsame Heimkehr entzog sich einer gängigen Verortung, ihre Heimat, das ist Piran, der Karst, Triest, das Theater, die Lyrik, der Lendhafen oder das Haus der alten Sprache im Grenzgraben.

Wurde von der Kleinen Zeitung für ihr Lebenswerk geehrt: Maja Haderlap
Wurde von der Kleinen Zeitung für ihr Lebenswerk geehrt: Maja Haderlap © Markus Traussnig

Ein Stück Kärntner Utopie

Ein Preis für das Lebenswerk, Region Südkärnten, geht das? Maja Haderlap ist keine Bezirksschriftstellerin. Der Entschluss überwog die Zweifel. Die Autorin lässt sich zwar nicht regionalisieren, sie ist keine Funktionärin, und dennoch bleibt dieser Südkärntner Kosmos, aus dem sie hervorgegangen und aus dem sie hinausgetreten ist, für ihr Schreiben zentral. Ihre Literatur lässt sich ohne diesen Raum, in dem sich in den Schicksalen der Familien die Unrechtsgeschichten des 20. Jahrhunderts spiegeln, nicht denken. Dieser Raum bleibt mit ihr verzahnt wie Pasolini mit der untergehenden, bäuerlichen Welt Friauls verwoben blieb, oder ein Gerhard Roth verwoben blieb mit den Dörfern der Südsteiermark, Griffen lassen wir. Haderlap nahm die Erfahrungen im Grenzgraben mit in die Literatur und hob sie dort ins Allgemeingültige. Von der Peripherie aus legt sie politische Wirklichkeit frei und entblößt sie mit sinnlicher Präzision.

Nach den Jahren am Theater wollte sie der inneren Topografie, die sie geformt hat, schreibend noch einmal nachspüren, um sich danach einer neuen Topografie zu öffnen. Es folgte die Zuwendung zur deutschen Sprache, in der die neuen Gedichte entstanden und die gefeierte Prosa, der „Engel des Vergessens“ und die „Nachtfrauen“. Nur die Funktionäre deuteten die Öffnung als Dissidententum. Für sie war es eine Weitung. Sie knüpfte mit den deutschsprachigen Gedichten an die slowenischsprachigen an. Sie habe das Slowenische inhaltlich und sprachlich hineinmigriert ins Deutsche. In Wahrheit, sagt sie, sei der „Engel des Vergessens“ ein slowenisches Buch. Was man verlässt, folgt einem. Die Überfahrt zwischen den beiden Sprachwelten bleibt ihr Thema. Es ist ein zähes Unterfangen, das verrät der Titel ihres Gedichtbandes: „Langer Transit“. Mit der Verknüpfung der beiden Identitäten – sie lebe, betont sie, nicht zwischen zwei Sprachen, sondern in ihnen und mit ihnen – schuf sie eine neue Identität, ein neues Wir. Es ist ein Stück Kärntner Utopie, die Maja Haderlap hier wagt.

Haderlap misstraut der Idylle

Es gibt in einem der Gedichte ein schönes Bild, wo es heißt: Ich habe mir einen Stollen gegraben, einen Verbindungsstollen zwischen den Sprachen, einen Schacht mit Versatzstücken aus der Vergangenheit, und der Lobredner weiß: Da liegen auch die Knochen der alten Gespenster, von denen man nie weiß, ob sie sich nicht erheben, wachgerufen von den Krawallmachern, die zum Glück anders tönen als damals, die auch einen langen Transit hinter sich haben und einige vor sich.

Haderlap misstraut der Idylle. Auch deshalb, weil hier alles über das Gefühl läuft und das Land gefährdet bleibt. Und auch wenn das Reden über Kärnten heute leichter fällt und nicht mehr so schnell ins Irrationale kippt, das Land sich geweitet hat und ein anderes ist als damals, auf der Lendhafenbrücke im Rauch der 70er, so hat sich dennoch nichts erledigt: Nicht das Ringen um die bedrohte Sprache, das bedrohte Europa oder die bedrohte Demokratie. Nichts ist gesichert in entsicherten Zeiten. Und auch wenn die Ortstafeln, dem Artikel 7 mit zittriger Teenager-Hand abgerungen, sichtbar sind in den Dörfern und über das Gezeter erhaben, so führt die „alte Sprache“ doch weiter ihren Behauptungs- und Überlebenskampf. Gegen das Versiegen erhebt Maja Haderlap ihre Stimme, die Stimme der Literatur, und daher ist dieser Preis keine summarische Würdigung, sondern eine Ermutigung, mit den Grabungsarbeiten im Kärntner Stollen fortzufahren. Wir wünschen es ihr, den Lesern und dem Land, von dem wir nicht lassen können.

Der Text ist die gekürzte Fassung einer Würdigungsrede, die der Autor anlässlich der Auszeichnung „Köpfe des Jahres, Lebenswerk“, verliehen durch die Kleine Zeitung, in Klagenfurt hielt.

Maja Haderlap mit Herausgeber Hubert Patterer bei der „Köpfe des Jahres“-Gala
Maja Haderlap mit Herausgeber Hubert Patterer bei der „Köpfe des Jahres“-Gala © Markus Traussnig

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