Eine lange Anreise mit dem ECM-Plattenproduzenten Manfred Eicher im klapprigen Renault R4 von einem Konzert in Zürich, Rückenschmerzen und dann auch noch ein unzulängliches Instrument: Keith Jarretts Auftritt am 24. Jänner 1975 in der Kölner Oper war von widrigen Umständen geprägt. Das Album zum legendären „Köln Concert“ wurde dennoch – oder gerade deswegen – zu einem der größten Erfolge der Jazz-Geschichte.

Die Live-Aufnahme des heute 79-jährigen amerikanischen Pianisten gilt als das meistverkaufte Jazz-Soloalbum aller Zeiten, bis dato wurden rund vier Millionen Exemplare abgesetzt. Zu den besonderen Umständen des Konzerts kommt jetzt ein Kinofilm heraus: „Köln 75“ mit Mala Emde, der kürzlich bei der Berlinale seine Premiere feierte (siehe auch Interview).

Der Auftritt vor 50 Jahren ist legendenumwoben. Was davon wirklich stimmt und was nicht, lässt sich teilweise kaum mehr sagen. Man erzählt sich in Köln jedenfalls, dass der von der damals erst 18-jährigen Schülerin Vera Brandes organisierte Auftritt beinahe abgesagt worden wäre. Statt dem von Jarrett gewünschten Konzertflügel, einem sogenannten „Bösendorfer 290 Imperial“, soll aufgrund einer Verwechslung nur ein deutlich kleineres Klavier, ein „Bösendorfer Stutzflügel“, auf der Bühne gestanden haben.

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Rätsel um den Konzertflügel

Dieses Instrument soll einigen Berichten zufolge zudem verstimmt und in schlechtem Zustand gewesen sein. Neueren Recherchen zufolge ist diese Version allerdings zweifelhaft: Nach Aussagen der Firma Bösendorfer handelt es sich bei dem von Jarrett gespielten Instrument vielmehr um einen sogenannten Bösendorfer-225-Halbkonzertflügel aus dem Jahr 1969, dieser habe sich in einem guten Zustand befunden. Obwohl auch ein Klavierstimmer sein Bestes tat, konnte Brandes den damals 29-jährigen Musiker angeblich erst in letzter Minute davon überzeugen aufzutreten. „Ich werde spielen, aber nur für dich“, soll Jarrett zu ihr gesagt haben.

Die rund 1400 Zuhörer in der ausverkauften Kölner Oper bemerkten die Umstände nicht. „Das haben wir erst im Nachhinein erfahren. Wir spürten aber sofort, dass wir hier einen magischen Moment erlebten, es war eine ganz besondere Intensität und Aufmerksamkeit, die ich sonst nie wieder bei einem Konzert erfahren habe“, erzählt der heute 71-jährige Erftstädter Fotograf Klaus Erich Haun, der damals mit seinem Bruder das Konzert besuchte.

„Nach der Zugabe war es unglaublich lange mucksmäuschenstill, bis dann ein enthusiastischer Applaus einsetzte.“ Seinem Bruder Heinz Haun ist das Konzert ebenfalls nachhaltig in Erinnerung geblieben: „Wir schwebten zwischen Himmel und Erde und haben uns immer wieder mit strahlenden Augen angesehen“, berichtet er.

Ein unerklärlicher Erfolg

Die von Manfred Eicher produzierte und im November 1975 auf dem ECM-Label veröffentlichte rund einstündige Live-Aufnahme stellte von Beginn an einen großen kommerziellen Erfolg dar. Das schlicht gehaltene Cover zeigte Jarrett in Schwarz-Weiß am Klavier kauernd. Die Aufnahme gilt als Meilenstein, weil sie improvisierte Jazz-Musik bei einem breiten Publikum populär machte. Jarretts ruhiges, harmonisches und stellenweise fast meditativ wirkendes Klavierspiel setzte damals einen neuen Akzent in der Jazzlandschaft, die noch stark vom Free Jazz der 1960er-Jahre geprägt war. Möglicherweise hatten auch die durch den Flügel gegebenen Beschränkungen nochmals neue kreative Kräfte in ihm freigesetzt.

Allein der viertönige Bogen eingangs der opulenten Soloimprovisationen wurde ja zur Erkennungsmelodie von Generationen, das weiße Doppelalbum unter dem Arm zum Personalausweis für den sinnlichen Intellektuellen. Der mittlerweile 79-jährige Jarrett selbst aber, der nach zwei Schlaganfällen und Lähmungserscheinungen seit 2018 keine Konzerte mehr gibt, haderte lange Zeit mit dem „Köln Concert“.

Keith Jarrett
Ausnahmepianist Keith Jarrett © Ecm/rose Anne Colavito

Wolfgang Sandner berichtet in seiner Jarrett-Biografie, dass der Ausnahmepianist den Kontakt mit ihm auf längere Zeit abgebrochen habe, als er das Konzert als einen der größten Erfolge des Musikers lobte. Jarrett, dessen eine Großmutter übrigens 1896 in Sögersdorf in der Untersteiermark (dem heutigen slowenischen Segovci nahe Radkersburg) zur Welt kam, hält das Konzert nicht für perfekt, den enormen Erfolg der Platte konnte er sich nicht erklären.

Doch auch 50 Jahre nach der Veröffentlichung fasziniert die Aufnahme noch immer viele Jazz-Fans und Jazz-Musiker. Zudem gibt es im Jubiläumsjahr zwei Filme zu dem sagenumwobenen Auftritt. Der Spielfilm „Köln 75“ unter der Regie von Ido Fluk mit Mala Emde (Vera Brandes), John Magaro (Keith Jarrett) und Ulrich Tukur in den Hauptrollen, ab 14. März in unseren Kinos, erzählt die Geschichte aus Sicht der blutjungen Veranstalterin Vera Brandes nach. Und der Dokumentarfilm „Lost in Köln“ des französischen Filmemachers Vincent Duceau begibt sich auf die Suche nach dem Originalklavier des Konzerts. Man darf gespannt sein.

Buchtipp: Wolfgang Sandner. Keith Jarrett – Eine Biographie. Rowohlt, 368 Seiten, 22,95 Euro