Seit zehn Stunden sitze ich auf dem Rad. Bin über 4000 Meter hohe Pässe und durch großartige Landschaften mit treppenförmigen Reisfeldern zwischen einsamen Bergdörfern gefahren. Stets besonders achtsam, da die Regenfälle der letzten Tage ganze Straßenstücke in die Tiefe gerissen haben und plötzlich Sturzbäche in den Serpentinen auftauchten.

Noch gestern saßen wir fünf Stunden am Flughafen im nepalesischen Kathmandu und warteten auf den Abflug nach Paro, die Kleinstadt ist die Verbindung Bhutans mit der Außenwelt. Nach der eindrucksvollen Überquerung des Himalaya-Hauptkamms mit seinen Achttausendern setzten wir auf einem der weltweit schwierigsten Flughäfen auf. Nur einheimische Piloten mit spezieller Lizenz dürfen ihn anfliegen. Wegen der sintflutartigen Regenfälle war eine Landung stundenlang nicht möglich. Dann kam doch das Okay des Piloten. Er werde es versuchen.

Gastfreundschaft in einem abgelegenen Bergdorf

Endlich finde ich nach dem langen Tag im Sattel mein Nachtquartier, einen abgelegenen Bauernhof. Und wünsche mir nichts sehnlicher als eine heiße Dusche und die vertraute Schüssel Gemüsereis mit Ei, wie ich sie aus den letzten Wochen in Osttibet gewohnt bin. Der Zufahrtsweg ist durch einen zum Fluss gewordenen Bach unpassierbar. Irgendwie kann ich mein Rad samt Gepäck doch zum Haus tragen. Alles ist finster, die Balken sind verriegelt, aber die Eingangstür ist unversperrt. Dann treffe ich im Dunkeln eine uralte, wohl taubstumme Oma, die mein Rufen nicht hören konnte. Sie zeigt mir mein Zimmer. Es hat einen Lichtschalter und eine Steckdose. Beide sind ohne Strom. Warmwasser gibt es auch nicht und von Essen keine Spur.

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Das einzige Mittel gegen Hunger ist Schlafen. Das gelingt mir – bis es an meiner Türe klopft. Der achtjährige Dorjee fragt mich in perfektem Englisch: „Good evening, Sir. My mother has prepared your dinner. Would you like to come to us?“ Zunächst glaube ich, zu träumen. Dann führt mich der Bub in die riesige Wohnküche. Rund um den Holzofen sitzen seine Familie und einige Freunde auf dem Fußboden. Auch die alte Oma ist hier.

Das Essen ist bereits angerichtet und steht ebenfalls auf dem Boden. Die Mutter kocht noch mehr in der meterlangen Küchenzeile und reicht zur Begrüßung frische Yakmilch. Gemolken heute am Morgen, gleich vor der Türe. Auch Strom gibt es mittlerweile. Die ganze Familie war beim Gangtey-Festival im Phobjikha-Tal. Bis auf die Oma. Genau dorthin werde ich morgen radeln.

Gangtey-Festival: Maskentänze und buddhistische Tradition

Im riesigen Innenhof des Gangtey-Klosters sitzen Hunderte Einheimische auf dem Boden und verfolgen die traditionellen Maskentänze. Die eigenwilligen Gestalten stellen die Wundertaten von Guru Rinpoche dar. Er brachte den Buddhismus nach Bhutan und wurde aus einer Lotosblume geboren. Der nächste Tanz zeigt die Legende des „heiligen Narren“ und wie er Unwissenheit durch ungewöhnliches Verhalten besiegt.

Die Besucher erfüllen durch die Teilnahme nicht nur ihre religiösen Verpflichtungen, sondern nutzen die Gelegenheit auch zu einem riesigen Familienfest mit Picknick im Klosterhof neben reichlich gefüllten Verkaufsständen. Dabei wird ständig gelacht und die Tänzer werden enthusiastisch angefeuert.

Das Tigernest-Kloster: Bhutans berühmtestes Heiligtum

Das Tigernest-Kloster befindet sich auf 3120 Meter Höhe, eingebettet in schroffen Felsen. Es darf auf keiner Reise nach Bhutan fehlen und ist nur über einen anspruchsvollen Wanderweg zu erreichen. Im 8. Jahrhundert kam Guru Rinpoche auf dem Rücken einer fliegenden Tigerin ins Land und landete in einer Höhle, um dort drei Jahre zu meditieren. An dieser Stelle steht heute das Kloster. Ich erreiche den Beginn des Anstiegs im Morgengrauen.

Nach einer guten Stunde über eindrucksvolle Natursteige und in die Felsen gehauene Stufen oben angelangt, gibt der dichte Morgennebel immer mehr den großartigen Blick auf das Taktsang-Palphug-Kloster und einzelne Mönchsklausen frei. Unglaublich beeindruckend, wie all das Baumaterial und die zahlreichen Kunstgegenstände beim Bau im 17. Jahrhundert hier heraufgebracht wurden. Der Glaube versetzt Berge.

Bhutan ist ein ungewöhnliches Land, geht in vielen Bereichen seinen eigenen Weg. Auf dem Fußboden vor dem Holzofen zu sitzen, um mit den Fingern Gemüsereis mit Ei zu essen, und am nächsten Tag zur Präsentation des landesweiten digitalen Ausweises auf Basis der Blockchain-Technologie zu radeln: Der Gegensatz brachte mich zum Staunen.

Aber auch der hohe Stellenwert des Schutzes der natürlichen Lebenswelt und die Einsicht, dass Wirtschaftswachstum nicht mit Erhöhung des Glücks verwechselt werden sollte.