Wie ein verschlafenes Gespenst liegt der Morgennebel über der Möll. Die Sonne tastet sich vorsichtig durch das Geäst des dichten Uferwaldes. Im kniehohen Wasser des vorbeirauschenden Flusses steht ein Fliegenfischer. Hochkonzentriert hebt er die Angel – wie ein Dirigent vor dem ersten Takt.
Dann der Einsatz: Die nicht ruckartig, nicht zögerlich, sondern mit sanfter Bestimmtheit nach vorne und hinten geführte Rute biegt sich wie ein Ast im Wind. Die Angelschnur folgt dem Impuls, zeichnet elegante Schlaufen in die Luft und katapultiert den Köder samt Haken mit präziser Leichtigkeit weit nach vorne, wo er sanft im Wasser landet, als hätte er sich dort selbst niedergelassen. Das Schauspiel wiederholt sich in einer Endlosschleife. Immer wieder wandert die Rute hin und her, zischt die Schnur durch die Luft, setzt sich der fingernagelkleine Fliegenköder auf die Wellen. Es gleicht einer Aufforderung zum Tanz. Darf ich bitten?
Wieso nicht? Am Nachmittag steht man selbst im Fluss. Die Abwesenheit einer Wathose führt trotz kniehoher Gummistiefel zu erfrischendem Direktkontakt mit dem kleschkalten Wasser der Möll. Aber die Konzentration liegt ohnehin ein Stockwerk höher. Federleicht liegt die Angelrute in der Hand. Wird ja nicht so schwer sein, das mit dem Durch-die-Luft-Schlenzen des Köders. So kann man sich täuschen!
Lektionen in Demut
Fliegenfischen gilt nicht umsonst als die Königsdisziplin des Angelsports. Die Formel 1 des Fischens quasi. „Keine Tennis-Vorhand“, mahnt der Instruktor. „Fliegenfischen hat nichts mit Kraft zu tun.“ Die Muskeln im Schultergürtel verhärten sich trotzdem. „Länger zuwarten“, wird am Ende der Ausholbewegung mehr Geduld eingefordert. „Erst wenn die Schnur nachgekommen ist, wieder nach vorne ziehen.“ Klingt einfacher, als es ist. „In der Rückwärtsbewegung eine Armlänge Schnur von der Rolle ziehen.“ Ja an was denn noch alles gleichzeitig denken und tun?
Fliegenfischen lässt keinen Platz, sich über alle möglichen Probleme der Welt den Kopf zu zerbrechen. Der Reiz und die Entspannung liegen in der vollen Konzentration auf den Moment. Es beginnt schon bei der Auswahl der Köder. Fliege oder Nymphe (Larve)? Jedenfalls muss der Köder zur natürlichen Fauna passen, weil die Fische instinktiv wissen, wann und wo welche Insekten über oder im Wasser auf dem Speiseplan stehen. Alle anderen Fliegenimitate werden gänzlich ignoriert.
Und Fliegenfischen ist keine Jagd. Es ist eine stille Übereinkunft zwischen einem Menschen, der gelernt hat, das Wasser zu lesen, und einem Fisch, der irgendwann entscheidet, dass die Imitation seiner natürlichen Nahrung verlockender ist als die Wahrheit. Und zuschnappt. Da auf Widerhaken verzichtet wird, bleibt das Tier beim Biss unverletzt. Ob es tatsächlich mit dem Leben davonkommt, entscheiden aber Größe, Alter und Angler beziehungsweise Schutzstatus. Nicht jede Art darf entnommen werden.
Die in der Möll beheimateten Forellen, Saiblinge und Äschen zeigen sich von den ersten Geh-, Steh- und Wurfversuchen des an einen lassoschwingenden Cowboy erinnernden Novizen aber ohnehin wenig beeindruckt. Es hat schon auch Vorteile, dass Fische stumm sind und sie das Schauspiel weder mit Kommentaren noch Auslachen begleiten können. Es wäre laut geworden an diesem Nachmittag…
Ruhe und Rauschen
Absolute Ruhe findet man dagegen hoch oben im Berg-Chalet der Familie Hartweger. Die Almhütte mitten im Auerhahn- und Hirschrevier der Moseralm mit unverstelltem Blick ins Mölltal, zum Millstätter See und auf die Großglocknerregion, ist die alpine Expositur des „Landgut Moserhof“, das Gerhild und Heinz Hartweger unten im Tal seit 1989 führen.
In Reisseck in Sichtweite von Pfarrkirche Obervellach und Burg Falkenstein haben sie direkt an der Möll einen charmanten Mix aus Chalet-Dorf und „Urlaub am Bauernhof“ aufgebaut, inklusive Meerschweinchen, Hasen, Hühnern sowie einem Reitstall mit 40 Pferden und eigener Kapelle für Hochzeiten. Ehrliche Herzlichkeit und Hands-on-Mentalität mischen sich hier mit hohem Komfort, regionaler Kulinarik und umarmen einen mit generationenübergreifender Gastfreundschaft.
Weniger gemütlich geht es in den nahen Schluchten zu. Wild und ungestüm fällt in der Groppenstein- und der Raggaschlucht das Wasser über Geländekanten, schlängelt sich durch enge Gesteinsgassen, sammelt sich in kleinen Gumpen und ausgeschliffenen Becken, nur um ein paar Meter weiter laut tosend über den nächsten Wasserfall Richtung Tal zu stürzen. Das spektakuläre Naturschauspiel kann man dank kunstvoll angelegter Holzstege hautnah miterleben. Platz für Gedanken über richtige Köderwahl und Wurftechnik ist hier keiner. Es ist Zeit zu staunen.