Ein Instrument nach dem anderen verstummt, ein Musiker nach dem anderen verlässt die Bühne, bis schließlich der letzte Ton verklungen ist. Man kennt die humoresk anmutende Abschlussszenerie der berühmten „Abschiedssinfonie“ von Joseph Haydn. 1772 wurde sie im Beisein des Fürsten Nikolaus I. Joseph Esterházy in seiner pompösen Sommerresidenz nahe den Südufern des Neusiedlersees uraufgeführt.
Die kolportierte Geschichte dahinter: Die Musiker des hier jahrzehntelang als Hofkapellmeister und Komponist wirkenden Joseph Haydn hatten nach einer langen, aufführungsintensiven Sommersaison derart Heimweh und Sehnsucht nach ihren Ehefrauen, dass Haydn mit diesem originellen Kunstgriff auf den Notstand hinzuweisen versuchte. Mit Erfolg. Der Fürst verstand den Wink und ließ die Musiker ziehen.
Schloss Esterházy im ungarischen Fertöd, Esterháza in Originalsprache, stand zu dieser Zeit als europäischer Kunst- und Kulturhotspot in voller Blüte. „Was der Kaiser sich leisten kann, kann ich mir auch gönnen“, soll sich der fein- wie kunstsinnige Fürst als Spross der damals reichsten und wichtigsten Adelsfamilie Ungarns gedacht haben. So ließ er ab 1762 peu à peu das größte und prächtigste Barock-Rokoko-Schloss des Landes erbauen.
Inspiriert von Schönbrunn und Versailles
Und nicht nur das: „Der Prachtliebende“, wie er genannt wurde, machte sein Sommerreich zum Palast der Kunst und Kultur, veranstaltete Feste, Feierlichkeiten, fast tägliche Theater- und Musikaufführungen – und dies kostenlos für alle. Er ließ sogar ein eigenes Opernhaus erbauen. Ein Jahr, bevor die Wiener Staatsoper eröffnet wurde.
Steht man heute im Prunkhof des über die letzten Jahre fein restaurierten, 126 Räume fassenden Schlosskomplexes vor der mächtigen Mittelstiege an der 100 Meter langen Fassade, so drängt sich der Gedanke an Schloss Schönbrunn auf. Sowohl von dort als auch von Versailles hat sich Nikolaus I. für seinen Wohnsitz, an dem jahrzehntelang gebaut wurde, inspirieren lassen. Als Gast bei der Führung durch die Räumlichkeiten kann man sich die rauschenden Ballnächte für die höchsten Kreise aus Kunst und Adel, unter ihnen zum Beispiel Paul Petrovich Romanov, der spätere russische Zar Paul I., im gewaltigen zweistöckigen Apollosaal vorstellen.
Prunk im Schloss und im Garten
Der Blick von der luftigen Sala Terrena voller floraler Rokokostukkaturen, die von der einstigen hiesigen Sumpflandschaft erzählen, schweift in den gewaltigen 200 Hektar umfassenden Park. Im Vordergrund außergewöhnliches zu Kegeln und Kugeln geschnittenes Grün zwischen drei gewaltigen Sichtachsen, die sich in einem unendlichen Wald zu verlieren scheinen.
Einst tobte sich hier der Gartenliebhaber Nikolaus I. mit einem verspielten barocken Prunkgarten aus, in dem er im Sommer 1773 die schneeliebende Kaiserin Maria Theresia höchstpersönlich mit einer „Schlittenfahrt auf mit Salz bestreuten Wegen“ überrascht haben soll. Seinem Faible für chinesische Kunst ist es zu verdanken, dass heute im ehemals fürstlichen Arbeitszimmer von chinesischen Porzellanmalereien inspirierte Wandzeichnungen und seltene lackierte chinesische Wandpaneele erfreuen.
Süßer Duft und Torte
Nach dem Tod des Fürsten 1790 fiel sein Märchenschloss über hundert Jahre in den Dornröschenschlaf – unter anderem einer tiefen Finanzkrise geschuldet. Fürst Nikolaus IV. und seine Frau brachten es schließlich – wenn auch nur für rund ein Jahrzehnt – wieder zum Erblühen. In dem in dieser Phase um 1900 entstandenen Margarethe-Cziráky-Rosengarten wachsen bis heute rund 8000 blühenden Sträucher.
Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs befindet sich die imperiale Anlage in ungarischem Staatsbesitz und lässt heute als Museum an seiner Schönheit und Geschichte erfreuen. Nach einer ausgiebigen Tour durch das Schloss und dessen imposanten Park empfiehlt sich der Genuss einer Esterházy-Torte im hübschen Schlossrestaurant.