Die Ruhe ist nur ein paar Schritte entfernt. Während sich vorne die Besuchermassen über die Stein- und Wiesenterrassen und vorbei an den Steinmauern und Hausruinen schieben, bleibt man wenige Meter hinter dem Checkpoint Richtung Westen alleine. Ein enger Pfad schlängelt sich hier entlang atemberaubender Abgründe zu einer alten, mitten in einer senkrechten Wand pickenden Holzbrücke. Das Stützfundament ist Beispiel für die geniale Architektur der Inka. Sie nutzten diese Brücke als exponierten und damit leicht zu kontrollierenden Eingang zur legendären Stadt Machu Picchu.

Über 500 Jahre nach ihrer Gründung ist die in 2430 Meter Seehöhe spektakulär auf einem Bergrücken über dem Urubambatal platzierte Siedlung einer der touristischen Hotspots Perus – eigentlich ganz Südamerikas. Entsprechend viele Besucher drängen hinauf. Einige schwitzen über den „Inka-Trail“, einem beliebten Weitwanderweg, der im Flusstal startend über das historische Straßensystem der Inkas in drei bis vier Tagesetappen durch meist dichte Vegetation und über drei Pässe bis nach Machu Picchu führt.

Die meisten reisen aber gemütlich per Bahn von Cusco nach Aguas Calientes. Der in einen engen Talschluss gequetschte Ort scheint fast ausschließlich aus Hotels, Restaurants und Souvenirläden zu bestehen. Von dort geht es mit dicht getakteten Shuttlebussen in wilden Serpentinenserien hinauf nach Machu Picchu. Zieht man eine einsamere Annäherung an den Mythos vor, kann man die 400 Höhenmeter auch über einen steilen, drei Kilometer langen Wanderweg, der direkt an der Ortsgrenze beginnt, hinter sich bringen. In diesem Fall stöhnt man oben zunächst mehr, als man staunt, wenn man die Postkartenaussicht auf die markanten Giebelreihen der Ruinen das erste Mal serviert bekommt. Es ist, was es ist: ein – trotz kontingentierter Tagestickets meist überlaufener – aber jedenfalls atemberaubender Höhepunkt einer Reise durch die Anden. Ein Weltwunder.

In und um Cusco

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Im rund 75 Kilometer entfernten Cusco sind ganzjährig zwar mindestens genauso viele Gäste aus der ganzen Welt unterwegs. In dem sich rund um die zentralen Plätze mit ihren stadtbildprägenden Kirchen verzweigenden Gassengewirr des Zentrums verlaufen sie sich aber. Der Eindruck trügt jedoch nicht, dass man sich in den Tagen danach immer wieder irgendwo über den Weg läuft. Der Anziehungskraft der Sehenswürdigkeiten in der näheren und weiteren Nachbarschaft zur alten Inka-Hauptstadt kann man sich fast nicht entziehen.

Dem Colca-Canyon nicht, wohin Karawanen von Kleinbussen allmorgendlich ziehen, um den in den Felswänden nistenden Kondoren bei ihrem allmorgendlichen Kreisen durch die Sonnenaufgangsthermik zuzuschauen. Nicht den an ein griechisches Amphitheater erinnernden, kreisrunden Terrassen von Moray, nicht den Terrassen der „Salinas de Maras“, wo heute noch Salz in kleinen Verdunstungsbecken gewonnen und in verschiedenen Reinheitsgraden und Körnungen verkauft wird. Und schon gar nicht dem „Montaña de Colores“, dem aufgrund seiner ausgefallenen Gesteinsfarben auch Regenbogenberg genannten Vinicunca.

Der polychrome Berg ist für die Einheimischen nicht nur heilig, sondern auch eine einträgliche Einkommensquelle. Die lokalen Familien wechseln sich bei der Bewirtschaftung der rudimentären touristischen Infrastruktur im Wochentakt ab: Es geht vor allem um Transportangebote für Touristen, die sich den zwar mäßig steilen, aber bis auf über 5200 Meter Seehöhe führenden Aufstieg zum Gipfel nicht antun wollen und stattdessen auf Motorradsozius oder Pferdesattel umsteigen.

Oben angekommen, präsentiert sich einem ein spektakuläres Naturschauspiel: Ein Berg, den parallele Streifen in sieben Farbtönen zieren. Er wirkt wie der bunte Harlekin am Hofe der majestätischen Anden-Riesen. Die unterschiedlich gefärbten Sedimentschichten entstanden durch verschiedene Mineralien, die von der Plattentektonik von ihrer ursprünglich waagrechten Lage in die Höhe gedrückt und zu einem Bergrücken geformt wurden. Auch die rostbraunen Nebentäler und der Blick auf die sich rapide zurückziehenden Gletscherzungen des knapp 6400 Meter hohen Ausangate verstärken das „Wow“, welches die Gebirgslandschaft bei den Besuchern geradezu erzwingt.

Weiße Riesen und Coca-Tee

Will man die „weißen Riesen“ noch in verhältnismäßig üppiger Pracht bewundern, muss man sich allerdings beeilen: In den peruanischen Anden ist das Gletschereis über die vergangenen Jahrzehnte nämlich um mehr als die Hälfte zurückgegangen, zu beobachten beispielsweise am Pastoruri-Gletscher in der Cordillera Blanca. Die für ihre weißen Gipfel bekannten Bergketten rund um Huaraz gehören zu den alpinen Hauptattraktionen Perus. An immer mehr Felsflanken verschwindet allerdings das (nicht mehr) ewige Eis, dafür entstehen vielerorts neue Schmelzwasserseen.

Was sie mit den bereits länger bestehenden eint: Ihr strahlend türkisblaues Glitzern, wie beispielsweise jenes der „Laguna 69“ am Fuße des Chacraraju im aufgrund seiner geologischen Formationen, Flora und Fauna 1985 zum Weltkulturerbe ernannten Nationalpark Huascarán. Sofern sich Hochnebelfetzen nicht als Spielverderber ins Bild drängen, kommen Bergaficionados nach einer mehrstündigen Wanderung hier voll auf ihre Rechnung.

In dieser abgelegenen Andenregion finden aber auch Pflanzenfans Besonderheiten: So das Ichu-Gras, das Lamas kauen und das verhindert, dass ihre Schneidezähne immer weiterwachsen. Oder die nach einem italienischen Wissenschaftler benannte Bromelie Puya Raimondii. Sie bildet den mit über zwölf Meter längsten Blütenstand der Welt aus. Es bleibt aber ein singuläres Phänomen. Die aus einem kreisrunden Rumpf aus kaktusähnlichen Blättern emporragende Blüte bildet sich in dem bis zu hundertjährigen Leben der Pflanze nur ein einziges Mal, steht dann dafür aber bis zu neun Monate, bevor sie umkippt.

Gar nicht so lange bis zum Umkippen kann es dauern, wenn man ohne Akklimatisierung aus der Hauptstadt Lima kommend in Huaraz oder Cusco aus dem Flugzeug steigt. Die Höhenluft fordert manchmal ihren Tribut. Der an jeder Ecke angebotene „Mate de Coca“, mit heißem Wasser aufgegossene Cocablätter, hilft für gewöhnlich gegen den pochenden Kopf, den flachen Atem und die schweren Beine.

Oder man geht es langsamer an und legt eine Etage weiter unten, auf der Vorterrasse der Hochebene einen Zwischenstopp ein. Arequipa, wegen des als Hausbaumaterial verwendeten hellen Vulkangesteins „weiße Stadt“ genannt, bietet sich an: mächtige Kathedrale, historisches Zentrum, ein kleines Museum über die Alpakas und die hier typische Woll- und Webkultur und jede Menge Innenhöfe, in denen die Ruhe vom Trubel in den Gassen nur einen Schritt entfernt wartet.