Monica wartet auf uns beim argentinischen Parlament: Zwischen dem „Congreso“ und der „Casa Rosada“, dem Amtssitz von Präsident Milei, liegt die Avenida de Mayo. Ein guter Ort, findet Monica, um einzutauchen in die Stadt.

Monica ist eine alte Freundin, wir besuchen sie zum ersten Mal in ihrer Heimat. Wir wandern im historischen Viertel Montserrat die Avenida entlang: Die Straße entwickelte sich zum Treffpunkt spanischer Einwanderer und ist gesäumt von Gebäuden im Stil der Belle Époque. Der Palacio Barolo ist eines davon: Auf dem Dach prangt ein Leuchtturm, er ist weit über die Mündung des Rio Plata hinweg zu sehen, manche sagen, bis nach Montevideo. Wenige Schritte weiter ein wienerisch anmutendes Billard-Café.

Buenos Aires ist ein Schmelztiegel – die Spanier gründeten die Stadt, Paris wurde zum architektonischen Vorbild und zum Magneten für die Damen der feinen Gesellschaft, die aus dem Urlaub den letzten Schrei aus der alten Welt mitbrachten.

Von Österreich und Deutschland aus zog es die bedrohte jüdische Bevölkerung nach Südamerika, später die Nazis. Im 19. und 20. Jahrhundert wanderten zwei Millionen Italiener nach Argentinien aus – sie prägen bis heute den Speiseplan. Und auch einzelne Viertel wie Palermo oder La Boca.

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Von den Konquistadoren bis Milei

Wir kreuzen die Avenida 9 de Julio und grüßen Don Quijote – die Skulptur war ein Geschenk der Spanier zum 400-Jahr-Jubiläum des Bestehens der Stadt. Von hier ist es nicht weit bis zum Teatro Colón, dem bedeutendsten Opernhaus Lateinamerikas, doch wir halten uns geradeaus, passieren das bekannte Jugendstil-Café Tortoni, einst Treffpunkt von Künstlern und Politikern, und gelangen zum Cabildo, dem alten Rathaus.

Vor uns breitet sich die Plaza de Mayo aus. Wenn die Porteños, die Einwohner von Buenos Aires, feiern, etwa Fußballsiege, dann tun sie das beim Obelisken, nahe dem Teatro Colón. Doch auch politische Demonstrationen finden immer noch hier statt, erzählt Monica. Weiße Kopftücher am Boden erinnern an die Mütter der Plaza de Mayo, jene Frauen, die hier zur Zeit der Militärdiktatur und danach Woche für Woche dagegen protestierten, dass 30.000 Menschen spurlos verschwanden.

In der Kathedrale nebenan wird General José de San Martín verehrt, der eine wesentliche Rolle bei der Befreiung Argentiniens, Perus und Chiles von den Spaniern spielte. Die Wachablöse der Garde in der Kirche ist ein besonderes Erlebnis.

Dahinter die Casa Rosada, der rosarote Regierungssitz. Rot und Weiß waren im Bürgerkrieg des 19. Jahrhunderts die Farben von Unitariern und Föderalisten, die erbittert um die Nutzung des Hafens stritten. Die vornehme Farbe Rosa ist für Argentinien daher auch Symbol für Versöhnung und Einheit.

Heute residiert hier Javier Milei. Der argentinische Präsident will das Ruder herumreißen in dem Land, das im wirtschaftlichen Desaster versinkt, seit wir Monica kennen, mit Inflationsraten von jährlich bis zu unvorstellbaren 300 Prozent. Als Erstes hat er die Sozialleistungen gekürzt, und dennoch fliegen ihm die Herzen zu, auch jene der Armen. „Die Leute sehen, dass er die Ärmel aufkrempelt und schöpfen Hoffnung“, sagt unsere Freundin.

Avantgarde und Armut

Szenenwechsel: La Boca. Hier signalisieren die knallbunten Farben der Häuser pure Lebenslust. Und hier wurde angeblich der Tango erfunden. Eigentlich war La Boca das Viertel der Schlachter und Hafenarbeiter, bettelarm. Doch irgendwann begann jemand damit, die Häuser mit billigem Schiffslack zu färbeln. Aus den „Conventillos“, den Wellblechhäusern am „Caminito“, wurden kunterbunte Souvenirshops und Cafés. Die Touristen pilgern in Scharen hierher.

„La Bombonera“, das eigenwillig geformte, blau-gelbe Stadion, ist Heimstatt der Boca Juniors. Apropos Fußball: Buenos Aires ist Lionel Messi und Lionel Messi ist Buenos Aires. Auf Schritt und Tritt begegnet uns der argentinische Fußballstar, in Auslagen, auf Balkonen, auf Plakaten – die Verehrung ist grenzenlos, nicht nur unter Fußballaficionados.

Das bekannteste Armenviertel der Stadt ist Villa 31: Von der bunten Fußgängerbrücke Alfredo Roque, gleich neben der juristischen Fakultät, blicken wir hinüber. Aus der Ferne wirkt es bunt, aber hier leben rund 40.000 Menschen in bitterster Armut.

Sozialer Brennpunkt neben Avantgarde: Gleich neben dem Uni-Gebäude steht die Floralis Genérica, eine 20 Meter hohe Blüte aus Stahl, die sich mit dem Tageslicht öffnet und schließt. In Buenos Aires gibt es zahlreiche Parks. Der meistgepflanzte Baum in Buenos Aires ist die Jacaranda – nach der Blüte sind die Straßen der Stadt von einem violett-blauen Teppich bedeckt.

Don‘t Cry for Me Argentina

Das teuerste Wohnviertel ist Puerto Madero, die moderne Hafenstadt mit ihren vielen Bars und Restaurants. Hier flanieren die Porteños bei Sonnenuntergang. Spektakulärer Blickfang ist die Puente de la Mujer, die Frauenbrücke. Gleich dahinter der Frauenpark – alle Straßen sind nach berühmten Argentinierinnen benannt.

Die berühmteste von allen ist Eva Duarte de Perón, First Lady von Präsident Juan Perón, Liebling der Massen und Namensgeberin eines eigenen Parks im gleichen Viertel. Ihr Grab auf dem Friedhof Recoleta, der mit seinen Mausoleen dem Pariser Pendant Père-Lachaise sehr ähnelt, ist eine Pilgerstätte für Argentinier und Nicht-Argentinier.

Nach fast einer Woche in Buenos Aires kaufe ich Monica zum Abschied Blumen – beim Bäcker, der neueste Trend aus Paris. Wir kommen wieder im argentinischen Sommer – unserem Winter –, wenn am Rio de la Plata die blaue Jacaranda und die rote Ceibo-Blume blühen.