Wer Ruhe sucht, ist hier die nächsten Tage fehl am Platz. Zwischen den ohnehin schon eng zusammenstehenden Häusern – mehrheitlich Hotels, Geschäfte und Gastwirtschaften – wurden die wenigen noch unverbauten Flächen in „Medal Plaza“, „Finish Area“, „Fan Area“ und „Center Stage“ umbenannt und mit der für ein Großereignis dieser Art üblichen Infrastruktur ausgestattet: Bühnen für Konzerte und Medaillenzeremonien, Standln zur Getränkeausgabe, Überkopfanzeigen, die den Besuchermassen in der 950 Meter langen „Fanmeile“ Orientierung geben sollen. Verglaste, als Mini-Fernsehstudios genutzte Container. Ein Busterminal. Jede Menge Mülltonnen, die zum Abfalltrennen animieren sollen. Das zweistöckige VIP-Zelt neben der monströsen Zuschauertribüne im Zielstadion am Ortsrand gleicht wenige Tage vor der Eröffnung noch einer Handwerker-Leistungsschau. Mit hektischer Betriebsamkeit fließen hier tausende Handgriffe ineinander. Es wird gebohrt, geschraubt und gesägt, angeliefert, aufgebaut und angeschlossen.
„Die Kombination aus Entertainment, Ausstellungsflächen, Genuss und Kulinarik wird die Fans begeistern“, ist Florian Phleps überzeugt. Er ist Projektleiter von „Saalbach 2025“, wie sich das Event offiziell nennt, obwohl die WM eigentlich in Hinterglemm stattfindet und das knapp sechs Kilometer lange Siedlungsband seit 1987 offiziell Saalbach-Hinterglemm heißt. „Marketinggründe“, sagen die Einheimischen schulterzuckend. Nicht nur die anlässlich der WM neu gestaltete Fußgängerzone im Zentrum tröstet über diese Unschärfe hinweg. Man weiß, was man einem Event, bei dem binnen zwei Wochen 150.000 Zuschauer erwartet werden, schuldig ist.
Vom Bergbauerndorf zum Skiort
Schon die WM 1991 brachte dem Ort mit dem damals gebauten Umfahrungstunnel einen Infrastrukturschub, von dem man bis heute profitiert. Der Wintertourismus hat dem bis vor drei Generationen noch bettelarmen, in den Pinzgauer Grasbergen versteckten Tal einen Wohlstandsschub ungeahnten Ausmaßes beschert. Er prägt das Ortsbild, die Einwohnerzahl verdoppelte sich seit 1961 auf knapp 3000. Aus Bergbauern wurden Hoteliers und Wirte, aus verlassenen Almwiesen mit Seilbahnen erschlossene Skipisten.
Nicht alle waren anfangs von dieser Entwicklung begeistert. So lehnte 1906 der Gemeindeausschuss die von progressiven Kräften geforderte Aufnahme des Ortes Saalbach in das „Illustrierte Reisealbum München“ mit der Begründung ab, „dass wegen der herrschenden Armut der Bevölkerung kein Interesse für die Zuwanderung von Fremden bestünde“. Tatsächlich herrschte bis nach dem Ersten Weltkrieg Hunger. An Fremdenverkehr war nicht zu denken, es wurde sogar ein Aufenthaltsverbot für Sommergäste beschlossen. „Umsonstesser“, wie man die Fremden nannte, wollte man nicht haben. 800 Übernachtungen zählte man damals in einem Winter. Heute sind es rund 2,3 Millionen pro Jahr, die sich auf 500 Beherbergungsbetriebe und 17.890 Gästebetten verteilen.
Zwischen Zwölferkogel und Schattberg
Rückgrat dieser Entwicklung ist die 1945 gegründete „Schiliftgesellschaft Saalbach“, deren Proponenten die Gunst der Nachkriegszeit zu nutzen wussten. Sie sicherten sich aus einer von den US-amerikanischen Besatzungssoldaten betriebenen Heeresversuchsanlage für Materialseilbahnen in Mittersill Bauteile, nach nur viermonatiger Bauzeit wurde im Februar 1946 der erste und mit 1,8 Kilometer damals längste Schlepplift Österreichs auf den Kohlmaiskopf eröffnet, ein Jahr später der erste Sessellift auf den Schattberg.
Mittlerweile hat sich die Liftinfrastruktur auf beiden Seiten des Tals und über die begrenzenden Bergketten im Norden und Süden hinweg ausgebreitet. Macht zusammen mit Leogang, Fieberbrunn und Zell am See 121 Lifte und 408 Pistenkilometer – zu viel für eine handelsübliche Winterurlaubswoche. In Saalbach-Hinterglemm lockt man ehrgeizige Skifahrer aber mit einer Annäherung in Form der eigens ausgeschilderten „längsten Skirunde der Alpen“: 32 Lifte, 12.400 Höhenmeter, 65 Kilometer umfasst die nicht zufällig „The Challenge“ genannte Tour. Oder man verlegt sich aufs Erkunden der 60 Skihütten im Skigebiet.
Die WM wird dabei auch an den Wettbewerbstagen nicht stören, denn sämtliche Rennen konzentrieren sich auf ein schmales Pistenband, das sich mit beeindruckender Steilheit vom „Zwölferkogel“ talwärts nach Hinterglemm schlängelt. Der Berg verdankt seinen Namen dem Umstand, dass die Sonne um zwölf Uhr mittags vom Ort aus betrachtet genau über dem knapp 2000 Meter hohen Gipfel steht. Spätestens dann sollte man auf die Südhänge wechseln, weil auf der Nordseite die Pisten im Zwielicht langsam ihren Konturen verlieren – der Schattberg heißt nicht zufällig so.