Ein Blick auf Diagramme, Kurven und Zahlen zeigt: Großbritannien ist bereits in der nächsten Coronawelle angekommen. Da sich eine solche langsam auch über Mitteleuropa aufbäumt, wird die Situation im Inselstaat auch von hier aus genau beobachtet und bewertet. Auf fällt dabei vor allem eines: Obwohl die Sieben-Tage-Inzidenz im Vereinigten Königreich mit 371,8 Fällen (Stand 27.7.2021) relativ hoch ist, scheint das Gesundheitssystem noch nicht an seine Grenzen zu kommen.

Wenig Hospitalisierungen  

Zuletzt stieg die Inzidenz in Großbritannien im Dezember auf über 300 Fälle pro 100.000 Einwohner pro Woche an. Zu dieser Zeit wurden harte Maßnahmen getroffen, um das Gesundheitssystem zu schützen. Aber was ist in dieser Welle anders als in den dreien davor? Zahlen sprechen hier Bände. Während dem ersten Lockdown im Vereinigten Königreich mussten 45 Prozent der mit Corona infizierten Menschen im Krankenhaus stationär aufgenommen werden. Aktuell brauchen nur sieben Prozent der Infizierten Betreuung im Spital.

Auch auf den Intensivstationen Großbritanniens müssen weniger Menschen aufgrund einer Covid-Infektion behandelt werden. Waren es in der ersten Welle noch rund vier Prozent, so betrifft es nun nur noch ein Prozent der Infizierten. Auch in Ländern wie Österreich und Deutschland müssen immer weniger Menschen im Falle einer Infektion stationär behandelt werden. Dennoch ist die Hospitalisierungsrate hier höher als in Großbritannien. Doch woran liegt das?

Mehrere Faktoren 

Laut Berechnungen von Andreas Schuppert (Leiter des Lehrstuhls für Computational Biomedicine am Aachen Institute for Advanced Study in Computational Engineering Science) gibt es eine Reihe von Faktoren, die dazu führen, dass sich ein Land höhere Inzidenzen „erlauben“ kann. Einerseits spielt die Impfquote eine Rolle – also wie viele Menschen bereits über einen vollen Impfschutz verfügen. Auch die Ausprägung dieses Impfschutzes – wie sicher dieser vor Infektionen und schweren Verläufen schützt – ist ein Faktor. Dazu kommen: die Altersverteilung der Infektionen, die Genesenenquote sowie die Dunkelziffer.

„Vor allem der Impffortschritt spielt eine große Rolle. Je mehr Menschen bereits geimpft sind, desto höher darf die Inzidenz sein“, sagt Schuppert. Impffortschritt und Durchimpfungsrate liefern auch die plausibelste Erklärung für die Unterschiede zwischen Großbritannien und Österreich. Im Vereinigten Königreich sind 99 Prozent der Gruppe der über 50-Jährigen durch eine Vollimmunisierung gut vor schweren Verläufen geschützt. Dabei handelt es sich um jene Altersgruppe, die die größte Gefahr hat, schwer zu erkranken. In Österreich sind bisher nicht ganz 80 Prozent aus diesem Bereich geimpft.

Altersverteilung liefert Erklärungen 

Auch wenn sich diesen Zahlen zufolge Großbritannien derzeit eine höhere Inzidenz leisten kann als Österreich, darf die viel diskutierte Zahl auch hierzulande etwas weiter in die Höhe schlagen als etwa im vergangenen Herbst und Winter. Denn die Altersverteilung der Infektionen spielt über die Ländergrenzen hinweg eine Rolle, wenn es darum geht, wie stark die Hospitalisierungszahlen ansteigen. In fast allen europäischen Ländern sind es nun verstärkt junge Menschen, die sich infizieren: „Diese haben nachweislich ein geringeres Risiko schwer zu erkranken“, so der Experte. Daher gilt: Auch wenn es mehr aktiv erkrankte gibt, dauert es länger, bis sich die Krankenhausbetten füllen.

Aber wie hoch darf die Inzidenz nun wirklich sein? Um eine genaue Zahl zu nennen, gibt es laut Experten zu viele Unsicherheitsfaktoren. An vielen Ecken weiß man noch nicht, wie die Situation im Herbst aussehen wird. So besteht etwa die Möglichkeit, dass sich bis zu den kalten Monaten bereits eine neue Virusvariante durchsetzt, die andere Herausforderungen mit sich bringt. „Außerdem wissen wir zu wenig über die Gruppe der Ungeimpften. Es ist völlig unklar, ob sich darunter auch viele Risikopatienten befinden werden.“

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