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Gefäßerkrankungen „Man kann nicht unbegrenzt Eingriffe vornehmen“

Angiologen sind Detektive der Inneren Medizin: Sie untersuchen Erkrankungen von Arterien, Venen und Lymphgefäßen. Hier erklären sie, wie sie Menschen helfen können.

Angiologie-Team: Günther Silbernagel, Philipp Jud, Marianne Brodmann (Abteilungsleiterin), Thomas Gary, Reinhard Raggam, Paul Gressenberger
Angiologie-Team: Günther Silbernagel, Philipp Jud, Marianne Brodmann (Abteilungsleiterin), Thomas Gary, Reinhard Raggam, Paul Gressenberger © (c) Juergen Fuchs (FUCHS JUERGEN)
 

Solche Fragen muss man Angiologen, die sich mit Gefäß­erkrankungen beschäftigen, zwangsläufig stellen: Bei allem, was Sie über Cholesterin und die Auswirkungen fettreicher Ernährung auf unsere Gefäße wissen – können Sie noch beruhigt ein Wiener Schnitzel essen? Thomas Gary, Angiologe am LKH-Universitätsklinikum Graz, antwortet lächelnd: „Wenn man jeden Tag mit den Auswirkungen des Lebensstils zu tun hat, dann entwickelt man natürlich ein gewisses Gesundheitsbewusstsein. Aber man soll sich nicht kasteien, es geht um die Gesamtbalance.“

Das Spektrum der Angiologie ist groß. Das Hauptthema sind Gefäßerkrankungen, aufgrund des Themenfelds gibt es Berührungspunkte mit anderen Fächern. Die wichtigsten Angiologie-Schlagwörter:

"Hand aufs Herz": Unter diesem Titel erscheint das Magazin der Kleinen Zeitung, das sich dem Thema Herzgesundheit aus vielen Blickwinkeln nähert.
"Hand aufs Herz": Unter diesem Titel erscheint das Magazin der Kleinen Zeitung, das sich dem Thema Herzgesundheit aus vielen Blickwinkeln nähert. Foto © KLZ
Arteriell. Auf der arteriellen Seite habe man – wie Gary es ausdrückt – viel von den Interventionsmechanismen der Kardiologen gelernt, was medikamentenbeschichtete Ballone und Stents betrifft, um verschlossene Gefäße wieder freizubekommen. Gary sagt: „Wenn technisch möglich, sollte man solche interventionellen Therapien immer zuerst versuchen, bevor man operativ eingreift.“ Risikoabschätzung? Man müsse im Vorfeld jene Patienten aussuchen, die davon profitieren.

Erfolgsaussichten. „Klar ist auch“, so der Angiologe, „dass, wenn man einen Stent bekommt und weiterraucht, das Gefäß irgendwann wieder zumachen wird. Wenn man drei, vier, fünf Eingriffe gemacht hat, enden die Möglichkeiten. Man kann nicht 40 Stents einbauen und quasi von der Hauptschlagader bis zur Zehenarterie alles mit Metall verlegen. Unbegrenzt Eingriffe zu machen ist nicht möglich.“

Thomas Gary, Angiologe am LKH-Universitätsklinikum Graz
Thomas Gary, Angiologe am LKH-Universitätsklinikum Graz Foto © (c) Juergen Fuchs (FUCHS JUERGEN)

Bypässe. Um die Durchblutungssituation bei Patienten zu verbessern seien Bypässe eine Option. Die eigenen ­Venen sind aber irgendwann einmal aufgebraucht und die Kunststoffbypässe halten laut Gary in der Regel nicht allzu lange. Natürlich gebe es ­Patienten, die mit einem Bypass zehn, 15 Jahre leben. Aber man sehe auch immer wieder Patienten, die nach einigen Monaten, nach ein bis zwei Jahren wieder Bypassverschlüsse haben. An der Lebensstilmodifikation komme man nicht vorbei. Achtung: Wenn in der Leistengegend, wo die Angiologen punktieren, bereits stark verkalkte und große Kalkplaques vorhanden sind, erscheint dort eine chirurgische Sanierung sinnvoll.

Thrombosen. Beim ersten Lockdown habe man laut Gary eine Häufung von Thrombosen verzeichnet, und zwar bei Patienten ohne Covid-19-Infektion. Und: Man habe im und nach dem Lockdown deutlich schwerere Lungen­embolien behandelt. Das lasse sich auch an dem ungewöhnlich häufigen Einsatz einer speziellen Behandlungsmethode, der sogenannten systemischen Lysetherapie, ablesen. Die Ursache war meist die eingeschränkte Mobilität der Patienten. Bewegung ist die beste Prävention dagegen. Bei durch Medikamente verursachten Thrombosen ist die Pille ein Thema – speziell in den Monaten der Einnahme scheint sie am thromboseförderlichsten. 

Vorsorge, Risiko und wichtige Symptome

Was die Gefäßmediziner raten – und warum eine ganzheitliche Abklärung bei Problemen entscheidend ist.

Angiologen, Gefäßmediziner, sind teilweise Erstansprechpartner, wenn man über die Diagnosen Krampfadern, Thrombosen, Lungenembolien oder Schaufensterkrankheiten spricht. Aber, so Thomas Gary, man sei im Uniklinikbereich auch Zweit- oder Drittansprechpartner, wenn der Patient schon beim Hausarzt war und nun zur Planung des Eingriffs kommt.

Bei der Angiologie sei großes Entwicklungspotenzial vorhanden, etwa was den Ausbau der interventionellen arteriellen Möglichkeiten betrifft. Das werde nach sich ziehen, dass man auch mehr Möglichkeiten haben müsse, Katheter-Interventionen durchzuführen, so Gary.

Stichwort Gefäßvorsorge: Sinnvoll sei das vor allem bei Risikopatienten, zum Beispiel mit einem Ultraschall der Halsgefäße bzw. auch mit einer Knöchel/Arm-Index-Messung, grundsätzlich arbeite man aber beschwerdeorientiert.

Alarmsymptome bei der Schaufensterkrankheit seien etwa Probleme, wenn man Stiegen bewältigen muss. Oder, „wenn das Wadl beim Spazierengehen im Wald, bei Bergauf-Passagen, schmerzt“. Das könnten erste Indizien sein. Aber Achtung: Viele Patienten haben auch Verkalkungen in anderen Gefäßgebieten. Somit kann Folgendes passieren: Die Gefäß-Engstelle am Bein wird gerichtet, aber die Engstelle beim Herzen bleibt noch akut, weil unbehandelt. Da müsse man in diese Richtung weiter abklären bzw. therapieren.

Schaufensterkrankheit. Schmerzen im Bein-/Fußbereich würden manchmal falsch gedeutet, Probleme mit dem Bewegungsapparat werden vermutet. Es könne sich aber um Gefäßverengungen im Beinbereich handeln, erklärt Gary. Unter der Gefäß­engstelle fehlt Sauerstoff, das schmerzt und zieht sich durchs Bein. Liegt die Engstelle im Becken, dann schmerzt das in der Wade und im Oberschenkel. Eine Engstelle in der Wade hingegen schmerzt in der Fußsohle. Kurzum: Bei der Schaufensterkrankheit sind Durchblutungsstörungen dafür verantwortlich, dass Patienten „nicht mehr gscheit gehen können“. Hauptursachen: Diabetes, Rauchen, Cholesterin. Gegenmaßnahme: Lebensstiländerung. Über 65 trifft es jeden Fünften, viele seien asymptomatisch, sagt der Angiologe. Sind die Beschwerden lebensstilmindernd, ist ein Eingriff, um die Durchblutung wieder zu verbessern, sinnvoll. Jeder Eingriff birgt ein Komplikationsrisiko, es gilt, den Nutzen abzuwägen. Wenn aber Wunden auftreten, die sich infiziert haben und nicht abheilen, muss man jedenfalls handeln.

Krampfadern. Sie werden europaweit immer häufiger ohne OP etwa mit Laser „minimal invasiv“ therapiert. Es muss hier nicht immer die klassische OP-Methode sein.

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