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PatientengeschichteWie ein Schirm im Herzen ein Leben rettet

Es begann mit einem Skiunfall. Und endete mit Schlaganfall, Herzfehler und Intensivstation. Robert Dietl war 49, als sich sein Leben dramatisch veränderte. Hier erzählt er über seinen Weg zurück in die Normalität, was ihm in der Reha geholfen und was ihn motiviert hat.

Mit einer großen Portion Humor erzählt Robert Dietl seine Geschichte.
Mit einer großen Portion Humor erzählt Robert Dietl seine Geschichte. © (c) Juergen Fuchs (FUCHS Juergen)
 

Zur Einordnung: Robert Dietl hat zum Thema Herzprobleme wenig ausgelassen. Klingt salopp angesichts eines Schlaganfalls, eines Herzfehlers und mehrerer Eingriffe. Aber Dietl hat eine besondere Gabe. Er erzählt die Geschichte aus der Perspektive eines Beobachters, die Zuhörer pendeln zwischen Tragikomödie und fassungslosem Staunen. Manchmal, wenn er selber lachen muss, klingt er wie ein Kabarettist, der diese unglaubliche Geschichte erzählt.

Ja, wo fangen wir jetzt an? Ich glaube, am 3. Januar 2019, ich war noch 49, wir waren auf der Gerlitzen Ski fahren. Mit meinem Bruder und meinem Sohn, eine Nachmittagsabfahrt. Ich war gut drauf, ganz schneidig. Und dann ist mir in einem Linksbogen der Schienbeinkopf gebrochen, es gab nicht einmal einen Schlag davor, ich war nur gierig auf den nächsten Schwung. Das ist irre, wenn der Druck ins Leere geht und es einen Kracher macht. Ich wusste gleich, es ist was Ärgeres. Ich kannte das schon von einem Kreuzbandriss. Dann bin ich blöderweise unter der Lifttrasse gelegen, alle haben mich gesehen und sich wohl gedacht: Zuerst gibt er sich auf schneidig, dann liegt er da. Der Schmerz war groß, mir war klar, dass ich nicht mehr auf meinen Skiern wegkomme.

Wenn das schiefgeht, musst du am offenen Herzen operiert werden, hat man mir gesagt.

Robert Dietl
Den Knochen hat es richtig zertrümmert und verschoben. Ein Arzt war da, er hat mir Globuli gegeben und gesagt, selbst beim Schädel-Hirn-Trauma gibt es nichts anderes. Er wollte mich wohl trösten, ich habe alles genommen, was da war, in der Hoffnung, dass der Schmerz nachlässt. Dann sind gleich die Ackja-Fahrer gekommen. Einer hat gefragt, ob er mich angreifen darf, dann wollten sie mich einpacken. In dem Zustand in einen Ackja eingepackt zu werden, ist schon in Gedanken schmerzhaft, in echt noch viel schmerzhafter. Dann haben sie mir mit viel Mühe den Skischuh ausgezogen. Das war der erste Sieg an dem Tag.

Von Krankenhaus zu Krankenhaus

Dietl wurde ins LKH Villach eingeliefert. Sie haben mir etwas gespritzt. Der nachlassende Schmerz war die beste Erinnerung, einer der Glücksmomente in meinem Leben.

Letztlich wurde er in Graz, am LKH-Universitätsklinikum operiert. Der operierende Professor Seibert war ein Künstler. Gegen seine Präzision ist ein Schweizer Uhrmacher ein Fleischhauer, hat ein Arzt gesagt. Meine größte Sorge war aber immer noch das Bein. Ich musste aber schnell lernen, dass man noch größere Probleme haben kann. Damals dachte ich nur daran, wie ich schnell wieder gehen lernen kann.

Bewegung heißt das Medikament

Man verliert bei so einem Eingriff und einer einwöchigen Liegedauer rund 50 Prozent Leistungsfähigkeit – deshalb ist eine gezielte Herz-Reha auf dem Weg zurück ins Leben so wichtig“, analysiert der Kardiologe Hardy Harpf den Fall seines Freundes ­Robert Dietl. Harpf betreibt mit seinem Vater und Heimo Traninger ein Herz-Rehazentrum namens Pro Reha in Graz, eine Krankenanstalt für ambulante kardiologische Rehabilitation und Physikotherapie. Schwerpunkte: Herz-Reha, vor allem Phase 2 (sechs Wochen lang) und Phase 3 (bis zu zwölf Monate). Das Ganze läuft multidisziplinär ab, sprich Psychokardiologie, Training, Ernährung. Für alle Themen gibt es Spezialisten, der Patient bewegt sich im Netzwerk. Das Training ist eine Mischung zwischen Ausdauer, Kraft, Koordination. Das Programm ist   individuell auf Patienten abgestimmt – der Effekt von Einrichtungen dieser Art ist wissenschaftlich längst erwiesen. Man hat letztlich eine bessere Prognose. Evaluiert wird das Programm zuerst mit einem Belastungstest, die Patienten trainieren mit 70 Prozent der Maximalbelastung. Damit bleiben sie im aeroben Bereich. Harpf: „Das Medikament heißt Bewegung und muss individuell angepasst werden.“

Doch es kam anders, ganz anders. Gegen drei, vier in der Früh wollte ich eine neue Harnflasche. Ich war ziemlich verschlafen, dachte mir: Wo ist meine linke Hand eigentlich? Ich habe die linke dann mit der rechten aufgehoben. Kein Gefühl. Ah, werde wohl darauf eingeschlafen sein, dachte ich mir. Ich habe mich ja sonst normal gefühlt. Dann kamen die Pfleger, und beim Aufsetzen habe ich gemerkt, dass ich das linke Bein nicht ansteuern kann. Für mich war das unbedenklich, für die Pfleger nicht. Dann ist es quasi Schlag auf Schlag gegangen – es war ein Schlaganfall. Ohne dieses schnelle Eingreifen und deren Hilfe – dafür bin ich unendlich dankbar – wäre ich heute wohl nicht mehr voll bewegungsfähig.

Nach dem Eingriff am Bein folgte die nächste Operation. Eine Ärztin hat gesagt, man wolle das mechanisch beheben. Und weil ich eh schon OP-geschult war, habe ich mich schon wieder auf die nächste Narkose gefreut, ich habe mich ja auch so sicher gefühlt, weil die Betreuung so gut war. Ich habe noch gescherzt: Ich mag Narkosen. Man schläft zerlempert ein und wacht zusammmengeflickt wieder auf. Aber aufgewacht bin ich in der Intensivstation.

Wie kam es zum Schlaganfall?

Die Situation war jetzt verworren. Die linke Hand konnte ich wieder spüren, alles war wieder da, die Ärzte waren happy und ich auch. Aber es war seltsam: Alle haben von neurologischen Dingen geredet, mich hat aber viel mehr interessiert, wie es mit meinem Bein weitergeht. Der Schlaganfall war für mich so gut wie erledigt. Ich hatte einen ziemlich niedrigen Blutdruck, konnte nicht so, wie ich wollte, aufstehen. Meinen Freund Hardy Harpf, der Kardiologe ist, ließ mein Fall nicht in Ruhe. „Wie kann das sein, dass du einen Schlaganfall hast?“, hat er mich gefragt. Schließlich sie draufgekommen: Aus der Wade ist ein Thrombus abgegangen. Und es muss eine Verbindung zwischen rechter und linker Herzkammer geben – auf diesem Weg ist der Thrombus ins Gehirn gelangt.

Am Ergometer kann sich Dietl über gute Wattzahlen freuen.
Am Ergometer kann sich Dietl über gute Wattzahlen freuen. Foto © (c) Juergen Fuchs (FUCHS Juergen)
Dann wurde das Herz angeschaut, die Untersuchung erfolgte per Ultraschall über die Speiseröhre, so nah als möglich am Herzen. Gott sei Dank in der Narkose. Es wurde ein Loch entdeckt, nichts Außergewöhnliches, 25 Prozent der Menschen haben das. Aber es hat den Schlaganfall ermöglicht. Die Konsequenz: Mein Freund Hardy hat gesagt, das müssten wir sofort schließen. Ich wollte zuerst nicht, wollte einmal fit werden. Aber ich vertraue Hardy blind. Das Loch musste mit einer Art Schirm über die Leistenvene verschlossen werden. Ich hatte Sorge, dass man am Herzen direkt eingreift, das ist ja mein Motor. Wenn das schiefgeht, musst du eh am offenen Herzen operiert werden, hat Hardy gesagt. Na servas!

Mit Schirm unterwegs

Dietl ließ sich auf den Eingriff ein. Sie haben dafür die Leistengegend betäubt und von dort aus losgelegt. Ich dachte, aber hallo, die Narkose wirkt ja noch nicht und er schiebt den Draht schon rein, um das Schirmchen einzusetzen. Ich habe auf den Monitoren noch zugeschaut und gedacht, bis zum Herzen schaue ich mir das nicht mehr ein. Aber dann hat die Narkose gewirkt. Der Eingriff verlief gut. Seitdem bin ich eben mit dem Schirmchen unterwegs, ohne Beeinträchtigung im Leben. Das passt. Was geblieben ist: das Bein. Das braucht noch.

Dietl machte zuerst eine ambulante Reha für sein Knie. Und dann eine mehrstufige Reha für das Herz (siehe auch vorherige Seite). „Kardiologisch passt’s, das Rehaprogramm umfasst alle Lebensbereiche, mir taugt die Kombination von  Ergometer und Turnen. Es hat schon gedauert, aber heute bin ich wattmäßig auf dem Ergometer gut unterwegs. So gut, dass ich solche Interviews im Leiberl führen kann.

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