40 Tage veganHeiß, fettig - und vegan

40 Tage ohne Tiere im Essen: Gesundheitsredakteurin Sonja Saurugger will 40 Tage vegan leben und den kulinarischen Horizont erweitern.

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Heiß, fettig - und vegan

Veganer knabbern nur Gemüse und leben deshalb supergesund? Vielleicht. Dass es aber auch anders geht, habe ich mit meiner gestrigen Zug-Jause bewiesen: Fettige Pommes, die bestimmt den ganzen Waggon nach Fast Food lechzen ließen. Kartoffeln waren schon vor der veganen Phase sehr wichtig für mich - und sind es weiterhin, da zu hundert Prozent tierfrei. Schwieriger wurde es schon bei der Soßenbegleitung - gewollt hätte ich Sour Cream, genommen aber Ketchup, da das, laut meiner schnellen Google-Recherche, auch vegan-tauglich ist.

 

Auch so sieht veganes Essen aus
Auch so sieht veganes Essen aus Foto © Saurugger

Was ist sonst passiert? Ein Familienessen im veganen Lokal, mit Burgern, Chili sin Carne und Grünkernlaibchen im Gemüse-Wrap hat allen geschmeckt. Die firmeninterne Kantine schaut auch auf Veganer und hat mich mit Risotto und Selleriegemüse höchst schmackhaft gefüttert. Nur die Verpflegung in einem Workshop hat auf vegane Bedürfnisse gepfiffen: Schokokekse (leider nein), Käsestangen (nicht für mich), Gummibärchen (da müsste ich zuerst auf die Inhaltsliste schauen, die Verpackung gibt's aber nicht mehr) waren nix für mich. Unter den hämischen Blicken der Kollegen hab ich halt am selbst mitgebrachten Apfel gekaut.

Aber: Danach hab ich die fettigen Pommes ganz ohne schlechtes Gewissen essen können. Man gönnt sich ja sonst nichts.

 

Das 1. Wochenende: Wie kommt das Tier in den Wein?

Mein erstes veganes Wochenende liegt hinter mir und hat mir einige neue Erkenntnisse gebracht, eine davon: Nicht nur was auf den Teller kommt, zählt. Auch habe ich für mich beschlossen, diesen ersten Sonntag streng vegan zu bleiben – jetzt bin ich doch gerade erst ein bisschen reingekommen, das muss nicht gleich in den Grundfesten erschüttert werden.

Bei einem geselligen Zusammensein am Wochenende war mein Vegan-Experiment das Gesprächsthema Nummer 1. Merke: Wer sich mit Smalltalk schwertut, Ess-Experimente liefern Gesprächsstoff, der so gut wie alle interessiert.

Nach einer Statusbeschreibung meinerseits, machte mich die Frage einer Kollegin – mit Blick auf das Spritzwein-Glas in meiner Hand – stutzig: „Wie tust du eigentlich mit Wein?“, fragte sie. Bitte? Wie soll ich mit Wein schon tun? Ich trinke ihn, heute Abend gespritzt.

Da erleuchtet sie mich und erklärt, dass es ja auch veganen Wein gebe und Zusatzstoffe in herkömmlichen Wein tierischen Ursprungs sein können. Ich war fassungslos – daran, dass ein Getränk aus Weintrauben nicht vegan sein könnte, habe ich trotz meiner langen Google-Liste – „Ist xxx vegan?“ - überhaupt nicht gedacht. Doch die Nachlese auf der Homepage der veganen Gesellschaft zeigt: Tatsächlich werden Gelatine, Fischblase oder Eiklar dazu eingesetzt, Trüb- und Schwebstoffe aus dem Wein zu filtern.

Ist Wein nicht vegan, müssen die Zusatzstoffe jedenfalls angegeben werden.

Arno Bergler, Wein-Experte

Doch ist das bei jedem Wein so? Die Nachfrage bei Wein-Experten Arno Bergler macht mich gescheiter. „In Österreich sind diese Schönungsmittel auf tierischer Basis kennzeichnungspflichtig“, sagt Bergler. Werden solche Zusätze verwendet, müssten sie am Etikett angegeben werden. Dass das nicht passiert, liegt laut Bergler daran, dass die meisten Winzer auf die pflanzliche Alternative umgestiegen sind: Erbsen-Eiweiß. Somit bleibt Wein vegan – manche Betriebe nutzen das als Werbeinstrument und versehen ihre Flaschen mit dem Vegan-Logo. „Ist Wein nicht vegan, müssen die Zusatzstoffe jedenfalls angegeben werden“, sagt Bergler. Für mich heißt das: Ein Produkt weniger, um das ich mich sorgen muss.

Sonst? Überlege ich schon ernsthaft, mich dem Vorhaben des Kollegen Markus Zottler anzuschließen und Instagram für die verbleibende Fastenzeit zu meiden. All diese überaus appetitlichen Essensfotos von schlotzigem Fleischsugo oder butter-schwangeren Pancakes machen das Leben nicht gerade leichter.

Tag 3: Von Jägern und Sammlern

Bisher lief es ja ganz gut mit dem Vegan-Experiment: Ich habe mir im Büro Brote mit Hummus geschmiert, das Mittagessen zuhause vorgekocht, auf dem Nachhauseweg den Supermarkt durchforstet. Bei den Einkaufstouren befand ich mich in ähnlichen Ausnahmezuständen wie der durchschnittliche Österreicher vor Doppelfeiertagen: Alles (für mich) Essbare horten und nach Hause schleppen, um nur nicht hungrig zu bleiben.

Heute, an Tag Drei, aber eine ganz neue Herausforderung: Eine Zugfahrt steht an, und danach ein Abend in einem Lokal, von dem ich weiß, vegan ist dort nicht. Die übliche Zug-Jause fällt jedenfalls aus, hat mir das Vegan-Projekt ja die Butter vom Brot genommen und die Butterbrezel mit Schnittlauch steht somit nicht zur Diskussion.

Falafel in Pita
Falafel in Pita Foto © (c) Igor Dutina - stock.adobe.com (Igor Dutina)

In Antizipation einer ersten Essenskrise starte ich daher mit gehörigem Zeitpolster Richtung Bahnhof – wer weiß, wie lange die Suche dauert. Die Bäckereien lasse ich links liegen – um mich nicht in Butterverführung zu begeben -, ebenso die üblichen Fast-Food-Buden.

Doch ganz unverhofft, weil prä-vegan noch nie wahrgenommen, schiebt sich das verheißungsvolle Geschäftsschild „Orientalisches Fast Food“ ins Blickfeld, mit Falafel-Bildchen drauf. Perfekt! Der Kichererbsenbällchen-Jongleur versichert, alles vegan - und die Zug-Verpflegung/Abendessen ist gesichert.

Vegan unterwegs geht also auch. Und ich blicke gespannt der nächsten Herausforderung entgegen: Ein Wochenende auf Heimatbesuch bei den Eltern.

Tag 2: Ohne Eiweiß geht es nicht

Ein Satz klingelt mir seit Mittwoch in den Ohren: Eine vegane Ernährung muss gut geplant sein. Er stammt von Ernährungsexperten und fühlt sich im Alltag jetzt so an: Ich kann (noch) nicht ohne Plan und Verpflegung das Haus verlassen, weil, 1. das wenigste, was man „unterwegs“ essen kann, den veganen Ansprüchen genügt, 2. mit dem Verzicht auf tierische Produkte auch zentrale Nährstoffquellen wegfallen.

Mit Fleisch, Eiern und Milchprodukten fehlen zum Beispiel zentrale Eiweißlieferanten – Eiweiß sollte aber zehn Prozent der Ernährung ausmachen. Pflanzliche Alternativen müssen her und da sind wir nun beim Planen: Ich könnte mich mit Kohlenhydraten wie Nudeln oder Kartoffeln vollstopfen oder nur Grünzeug knabbern. So geht ausgewogene Ernährung aber nicht. Deshalb sind Kichererbsen meine neuen Freunde, denn sie liefern pflanzliches Eiweiß und schmecken. In Gestalt einer Mahlzeit sieht das zum Beispiel so aus: Gemüse-Wok mit Kichererbsen und Reis. Zwischendurch gibt’s getrocknete Cranberrys und Nüsse, zum Frühstück Roggenbrot mit Hummus. Ein paar weitere „Regeln“ für die vegane Ernährung, was zum Beispiel Kalzium oder Fettsäuren angeht, hab ich hier gesammelt:

 

Tag 1: Das erste Frühstück

Beim morgendlichen Gang durch den Supermarkt des Vertrauens nimmt das Ausmaß des Verzichts zum ersten Mal reale Gestalt an: Ganz Regalgänge sind tabu - kein Käse, keine Milchprodukte, auch bei der Süßigkeiten-Abteilung wird es schwierig. Dafür lerne ich ganz neue Seiten des Nahversorgers kennen: Im Veggie-Eck versorge ich mich mit Hummus, fürs Auge gibt's noch Kresse zur Garnierung und statt griechischem Joghurt wird es heute eine Mandel-Creme. Ich habe auch schnell gelernt: Das grüne Vegan-Blättchen auf einer Verpackung ist mein Freund und hilft bei der Auswahl sehr. Große Erleichterung dann beim Bäcker ums Eck: Das Roggenbrot, das ich so gern esse, ist vegan! Und so starte ich meinen ersten veganen Tag mit einem Frühstücksbrot, das sich sehen lassen kann. Oder?

 

Hummus-Brot mit Kresse
Hummus-Brot mit Kresse Foto © Saurugger

Vegan - wie geht denn das?

Oh Butter, du wunderbarer Gaumenschmeichler, wie ich dich vermissen werde! Eine Fastenzeit ganz ohne tierische Lebensmittel habe ich mir vorgenommen – vor allem, weil ich es einfach ausprobieren will. Denn so wie bei den meisten, denen ich vom Vorhaben erzähle, ist auch meine erste Reaktion auf einen veganen Lebensstil: Oje, wie mühsam! Und: Was kann man da überhaupt noch essen? Deshalb sehe ich es als Herausforderung, den kulinarischen Horizont zu erweitern und dabei sagen zu können: Für meinen Appetit hat kein Tier Leid ertragen müssen.

Bisher esse ich gerne Fleisch, wenn auch nicht in rauen Mengen, sondern lieber in guter Qualität. Mamas Schweinsbraten, ein gut gebratenes Steak – das sind gern gesehene, aber seltene Gäste auf dem Speiseplan. Ebendiesen hab ich in der Vorbereitung schon auf vegane Zufallstreffer durchforstet – siehe da: Mit Krautfleckerl, Quinoa-Salat oder Gemüse-Chili kann ich für die vegane Fastenzeit aus dem üblichen Kochrepertoire schöpfen. Das beruhigt insofern, als meine Ernährung weiterhin ohne stark verarbeitete Lebensmittel auskommen soll.

Trotzdem merke ich schon, dass mich eine Frage intensiv beschäftigen wird: Ist das vegan? Das Weckerl zwischendurch, das Kuchenstück – alles muss ab sofort unter die Lupe. Was das mit dem eigenen Wohlbefinden macht? Sie werden davon lesen.

Die Ausgangslage

Am Anfang stand das Vorhaben: Wir wollen fasten. Nur was? Getreu dem Motto "Besser Leben" verzichten wir auf lieb gewonnene Gewohnheiten, die der eigenen Vorstellung von Zufriedenheit eigentlich zutiefst widersprechen.

Daher wird Kerstin Oberlechner gemütlichen Liften und anderen Aufstiegshilfen die kalte Schulter zeigen und so mehr Bewegung in den Alltag bringen. Die kalte Schulter kriegt auch Facebook-Chef Mark Zuckerberg von Markus Zottler gezeigt – seine digitalen Dauerschleifen haben 40-tägige Sendepause. Claudia Felsberger sagt wiederum dem Zucker „Baba“ und Sonja Saurugger wagt sich an den veganen Lebensstil. Um zu testen, wie man sich eigentlich ohne tierische Lebensmittel ausgewogen und gut ernähren kann.

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