CoronavirusWie erklärt man Kindern den Schrecken?

Überfordern die Nachrichten rund um das Coronavirus, dürfen wir Kinder mit ihrer Verunsicherung nicht alleine lassen. Was es jetzt braucht, sind Erwachsene, die sich mit zumutbaren Erklärungen der Angst ihrer Kinder entgegenstellen.

×
Artikel gemerkt

Gemerkte Artikel können Sie jederzeit in Ihrer Leseliste abrufen. Zu Ihrer Leseliste gelangen Sie direkt über die Seiten-Navigation.

Zur Leseliste
© 
 

Mama, müssen wir jetzt alle sterben? Das Coronavirus hat derzeit nicht nur die Nachrichtenlage fest im Griff, sondern konfrontiert Eltern auch mit unangenehmen Fragen: „Das Thema ist so präsent, dass man sich dem nicht entziehen kann – auch auf der Ebene der Kinder nicht“, sagt Ärztin und Psychotherapeutin Martina Leibovici-Mühlberger. Schließlich leben Kinder nicht im luftleeren Raum und die mediale Durchdringung ist hoch: Szenen, die zuerst nur aus dem weit entfernten China bekannt waren, rücken immer näher: Italien, jenes Land, das viele Kinder aus dem Sommerurlaub kennen, steht mittlerweile still. Auch in Österreich häufen sich die Krankheitsfälle. Veranstaltungen werden abgesagt, einige Geschäfte bleiben zu.

Ungewissheit im Quarantänegebiet Heiligenblut
+

Jetzt sind die Eltern gefordert

Schreckensbilder wirken nachhaltig. Sie bohren sich in die Gehirnwindungen und verunsichern den Betrachter: Wie gefährlich ist das Virus wirklich? Und sind die Sorgen berechtigt? Dabei kreist das Thema auch häufiger und immer näher rund um die Lebensrealität der Kinder. Zuerst schickte das Bildungsministerium nur Corona-Krisenpläne an die Schulen. Jetzt werden die Bildungseinrichtungen zur Gänze geschlossen. Das Gedankenkarussel beginnt sich zu drehen: „An dieser Stelle braucht es ein sensitives Abholen und ein Rede-und-Antwort-Stehen der Erwachsenen", erklärt die Expertin.


Die Eltern tragen dabei als wichtigstes Vorbild die Verantwortung, wie die Leibovici-Mühlberger betont: „Zeigt man als Elternteil Sorge, tätigt Hamsterkäufe oder deutet ständig an, dass gerade etwas sehr Gefährliches passiert, merkt das ein Kind natürlich. Es wird aufgeregt oder fühlt sich unsicher.“ Dass Kinder zu klein sind, um etwas mitzubekommen, sei ein Irrglaube: „Selbst Vorschulkinder können manchmal schon atmosphärisch erfassen, wenn Angst vorliegt.“

Fühlen und benennen: Wahr ist allerdings, dass nicht alle Kinder ihre Ängste auch konkret in Worte fassen können. Die Verunsicherung tritt dann oft anders in Erscheinung: Das Kind beginnt schlecht zu schlafen, schreckt nachts ständig auf, zieht sich zurück oder stellt irrationale Fragen.

Zur Person

Martina Leibovici-Mühlberger ist vierfache Mutter,
praktische Ärztin, Gynäkologin, Psychotherapeutin,
Gründerin der ARGE- Erziehungsberatung „Fit for Kids“ sowie Buchautorin („Der Tyrannenkinder-
Erziehungsplan“).

Wenn das Kind falsche Schlüsse zieht

Kinder verstehen, dass ein Virus lebensgefährlich sein kann. Versuchen sie ihre Gedanken logisch zu ordnen, ziehen sie dabei aber nicht immer korrekte Schlussfolgerungen. Das hat eine verzerrte Realität zur Folge und führt schnell zu konfusen Ängsten. „Hört ein Kind zum Beispiel, dass insbesondere ältere Menschen vom Coronavirus betroffen sind, scannt das kindliche Bewusstsein daraufhin die Großeltern ab“, erklärt Martina Leibovici-Mühlberger. Und das Kind schlussfolgert eventuell: Alte Menschen sterben öfters. Die Oma ist alt. Muss die Oma also sterben? In solchen Fällen rät die Expertin, beruhigend auf das Kind einzuwirken und die Sorge wieder in die richtige Proportion zu rücken. Und das geht wie? Zum Beispiel, indem man dem Kind recht gibt, aber gleichzeitig darauf aufmerksam macht, dass eine Erkrankung mit den richtigen Maßnahmen vermieden werden kann: Denn die Oma verreist im Moment nicht, bleibt drinnen und wäscht sich auch regelmäßig die Hände.

Martina Leibovici-Mühlberger ist Ärztin und Psychotherapeutin Foto © KK

Angst fördert nicht das Verstehen

Augenrollen und ein Schulterzucken, das Desinteresse signalisieren soll: „Interessiert sich ein Kind nicht für die Nachrichten, würde ich es in diesem Fall nicht mit den Informationen verfolgen“, sagt die Psychotherapeutin. Das entbindet Eltern trotzdem nicht von der Pflicht, auf die Einhaltung der Hygieneetikette (Händewaschen nicht vergessen!) zu pochen. Dem Kind bei Nichteinhaltung seiner Pflichten mit Worten à la „in China sind aber schon viele gestorben“ zu drohen, sei keine Option. Angst fördert nicht das Verstehen.

Gefälschte Bilder, verdrehte Fakten

Studien bestätigen, dass sich Falschmeldungen viel schneller verbreiten als Nachrichten aus zuverlässigen Quellen. Gerade in Hinblick auf das Coronavirus kursieren in den sozialen Netzwerken viele Fake News. Eine Katastrophe, wenn man bedenkt, dass falsche Informationen bei Epidemien mit ansteckenden Krankheiten die Ausbrüche schlimmer machen können: „Uns macht die hohe Zahl von Gerüchten und Falschinformationen Sorge, die unseren Einsatz behindern“, mahnte die WHO letzte Woche.

„Mit älteren Kindern und Jugendlichen, die sich im Internet ihre Informationen und Wahrheiten holen, müssen Eltern deshalb in eine direkte, kritische und informierende Diskussion gehen“, formuliert es Martina Leibovici-Mühlberger und ergänzt: In jedem Fall sei das Coronavirus „ein guter Lehrfall, wie Medien wirken und Informationen fließen“. Und: ein guter Anlass, um „kritisch zu reflektieren und darüber nachzudenken, was dieses Informationsüberangebot mit einem selbst macht. Denn alleine wie oft man etwas hört, hat eine hohe Suggestionskraft.“