Gesundheit und WetterMedizin-Meteorologe: "Die größten Gefahren sind Extreme wie Hitze"

Medizin-Meteorologe Andreas Matzarakis erklärt, warum das Wetter Gesundheit sowie Gemüt so beeinflusst und ob es Wetterfühligkeit wirklich gibt.

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Herr Matzarakis, Sie sind Humanbiometeorologe, in Ihrer Arbeit erforschen Sie unter anderem den Einfluss des Wetters auf die Gesundheit des Menschen. Wie machen sich diese bemerkbar?
Andreas Matzarakis:
Wir unterscheiden bei den Auswirkungen des Wetters auf den Menschen verschiedene Wirkungswege wie beispielsweise über die Haut oder Atmung. Wenn es um Hitze oder Kälte geht, dann ist der ganze Körper betroffen, denn damit es uns gut geht, muss unser Körper eine Temperatur von 37 Grad beibehalten. Jede Abweichung davon führt dazu, dass verschiedene Mechanismen in Gang gesetzt werden. Bei Hitze ist es das Schwitzen. Bei Kälte ist es das Zittern oder das Zusammenziehen der Haut, damit keine Wärme abgegeben wird. Das läuft alles über die Thermoregulation und den Blutkreislauf. Nun zeigen uns die Zahlen, dass die Hitze aufgrund des Klimawandels steigen wird. Hier wird sich der Mensch einerseits in seinem Verhalten und seinen Gewohnheiten anpassen, aber auch im Städtebau stark umdenken müssen.

Warum ist Hitze so eine große Herausforderung für unseren Körper?
Weil er bei ab circa 30 Grad Außentemperatur sehr viel leisten muss, um die zusätzliche Wärme abzugeben. An die Kälte können wir uns besser anpassen, man kann aktiver werden oder einfach eine Jacke oder Pullover anziehen.

Humanbiometeorologe Andreas Matzarakis Foto © Klaus Polkowski

Zur Person

Andreas Matzarakis, geboren 1960 in Pentalofos, Griechenland, studierte Meteorologie an der Ludwigs-Maximilians-Universität München.

Promovierte 1995 an der Aristoteles Universität von Thessaloniki über das Bioklima von Griechenland. Von 1995 bis 2001 war er wissenschaftlicher Assistent am Meteorologischen Institut der Albert-Ludwigs Universität Freiburg und habilitierte über die „thermische Komponente des Stadtklimas“.

Seit August 2015 leitet er das Zentrum für Medizin-Meteorologische Forschung des Deutschen Wetterdiensts in Freiburg. 

Seit 2016 ist er der Vorsitzende der Gesellschaft zur Förderung der Medizin-Meteorologischen Forschung in Deutschland.

Inwiefern ist unsere Atmung vom Wetter abhängig?
Die Atmosphäre besteht aus Gasen und Stäuben, die wir einatmen und wenn uns diese Komponenten nicht guttun, dann kommt es zu einer Belastung – zum Beispiel beim Ozon. Es können aber auch Staubteilchen sein, die wir nicht vertragen oder auch natürliche Stoffe wie Pollen. Pollen ist etwas ganz Natürliches, die Pflanzen wollen sich nur vermehren, der Mensch reagiert beim Einatmen aber allergisch darauf. Und die Pflanzen reagieren eben auch als Folge des Klimawandels wahrscheinlich anders.

Nun hat das Wetter nicht nur einen großen Einfluss auf den Körper, sondern auch auf unser Gemüt. Wenn es regnet, ist man schneller müde oder trübsinnig als bei Sonnenschein, woran liegt das?
Über unsere Sinne reagieren wir alle unmittelbar auf das Wetter und Wetteränderungen. Es hat Auswirkungen auf das vegetative Nervensystem. Wenn jemand schon vorbelastet oder gestresst ist, also schon eine Krankheitsgeschichte hat, dann bekommt er Beschwerden oder zeigt Symptome und diese verstärken sich bei bestimmten Wetterlagen. Bei wechselndem Wetter, bei einem Tiefdruckgebiet, bei einer Kaltfront, sieht man die meisten Veränderungen. Das Wetter ist aber nicht die Ursache für Beschwerden, sondern ein verstärkender Faktor.


Die viel umstrittene Wetterfühligkeit, an der sich die Geister scheiden. Was sagen Sie als Experte dazu, gibt es sie oder nicht?
Es ist eine sehr komplexe Thematik. Das Wetter ist nicht Schuld, das Wetter ist aber etwas, das dazu beiträgt. Es verursacht keine Krankheiten, sondern bestimmte Situationen und Bedingungen stellen die Anpassungsfähigkeit des menschlichen Körpers vor besonders schwierige Bedingungen. Es kann bei gewissen Wetterlagen zu Migräne, Kopfschmerzen, Schlaflosigkeit oder Gereiztheit kommen. Es können aber auch Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Atemwegsbeschwerden oder Probleme mit dem Bewegungsapparat auftreten. Die Palette von Indikationen, die man analysieren kann, umfasst 30 bis 40 Indikationen.

Man kann Wetterfühligkeit also messen?
Es gibt zwei Möglichkeiten, sich mit der Wetterfühligkeit wissenschaftlich zu befassen. Über Umfragen, derzeit läuft gerade eine. 50 Prozent sagen in diesen, dass das Wetter Einfluss auf den Menschen hat und circa 20 Prozent geben ab, dass es sogar einen starken Einfluss auf die Gesundheit gibt. Die zweite Möglichkeit ist, Wettersituationen mit bestimmten Krankheiten und Beschwerden abzugleichen. Hier ist die  Datenlage bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Atemwegsbeschwerden und Rheuma gut. Bei Kopfschmerzen oder Migräne ist es komplex, weil so viele Faktoren eine Rolle spielen. Das Wetter ist also nicht schuld, aber diesen Zusatzeffekt des Wetters können wir quantifizieren und auch vorhersagen.

Der Winter geht direkt in den Sommer über und man hat das Gefühl, dass es keine Übergangsjahreszeiten mehr gibt. Täuschung oder Tatsache?
Es kann sein, dass die Übergangsjahreszeiten kürzer werden und sie auch nicht konstant sind. Was wir wissen ist, dass die Temperaturen  steigen werden. Der Mensch muss sich also anpassen, die Anpassungsfähigkeit des Menschen ist aber ein Prozess, der sehr lange dauert. Und die größten Gefahren sind Extreme wie eben Hitze, aber auch Überschwemmungen. Von einer Überschwemmung ist nur ein Teil oder ein Fluss betroffen, aber von Hitze ist eine weitaus größere Region betroffen. Ich gehe aber davon aus, dass ein großer Teil der Bevölkerung, sich an diese neuen Situationen in Bezug auf die Gesundheit anpassen kann. Leute, die jetzt schon Probleme haben, werden in Zukunft wohl mehr Probleme haben, weil die Veränderung des Wetters in der Zukunft auch sicher stärker sein wird.

Könnten fehlende oder kürzere Übergangsjahreszeiten zu einem Problem für die menschliche Gesundheit werden?
Bei Hitze zeichnet sich zum Beispiel schon nach dem dritten Tag eine Erhöhung der Mortalität ab. Der Mensch braucht Zeit, um sich anzupassen. Wenn nun eine Hitzewelle schon Ende Mai/Anfang Juni kommt, dann ist die Zahl Einlieferungen in Krankenhäuser und die Sterblichkeitsrate um einiges höher, als wenn die Hitze im September kommt, zu einem Zeitpunkt, an dem man sich schon akklimatisiert hat.

Inwiefern muss man diese Szenarien in der Städteplanung berücksichtigen?
Man muss die Hitze reduzieren. Normalerweise sind Städte wärmer als das Umland. Man muss mehr Grün- oder Wasserflächen schaffen oder  Oberflächen so gestalten, dass die Wärme, die aufgenommen wird, nicht  die Gebäude aufheizt. Außerdem muss man die Menschen vor der Sonne schützen mit vielen Schattenmöglichkeiten in den Städten.

 

 

 

 

 

 

 

 

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