HitzewellenDas Klima heizt den Städten ein

Extreme Hitzewellen werden in Österreichs Städten zum wachsenden Problem. Mehr Grün- und Wasserflächen zwischen den Betonlandschaften sollen die Lage bessern, doch die meisten Städte hinken den Folgen der Erwärmung hinterher.

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Grüne Idee: Seit 2014 ragen in Mailand die Türme des Bosco Verticale in die Höhe
Grüne Idee: Seit 2014 ragen in Mailand die Türme des Bosco Verticale in die Höhe © Getty Images/iStockphoto
 

Hält der Sommer Kurs, wird er sich in Österreich unter die fünf heißesten seit Aufzeichnungsbeginn vor 252 Jahren einreihen. Laut den Messungen der Zentralanstalt für Meteorologie (Zamg) lagen die vergangenen zwei Monate 1,7 Grad über dem langjährigen Schnitt. Für Klimaexperten keine Überraschung: Die elf wärmsten Sommer, die in Österreich je registriert wurden, fanden alle seit der Jahrtausendwende statt. Zu spüren bekommt man das vor allem in Städten, wo die Hitze überproportional wirkt und sich auf Wohlbefinden und Gesundheit der Bewohner niederschlägt.

Verantwortlich sind die Massen an Beton und Asphalt. Die Hitze des Tages speichert sich in Gebäudehüllen und Straßen, die nachts die Wärme wie ein gigantischer Heizkörper wieder abgeben. Messdaten zeigen, dass die nächtlichen Temperaturen in den Städten um mehrere Grad über den Umgebungswerten liegen. „Tropennächte werden immer häufiger“, bestätigt Maja Zuvela-Aloise, die bei der Zamg zum Thema Städteklima forscht. Laut den Modellrechnungen der Wissenschaftler können sich etwa Graz und Klagenfurt bis Ende des Jahrhunderts auf vier Grad mehr einstellen, sofern die CO2-Emissionen nicht gedämpft werden. Zum Vergleich: Das entspräche den heutigen Verhältnissen von Rom. Die Zahl der Tage mit mehr als 30 Grad würde sich verneunfachen.

Effektiv ist nur der Mix

Städteplanern bereitet das wachsende Kopfschmerzen. Zwar werden neue Stadtteile mit ausladenden Grünflächen versehen, der Kern des Problems aber liegt im Bestand. „Dort genügt es nicht, ein paar Fassaden zu begrünen oder einige Bäume zu pflanzen. Effektiv ist nur ein abgestimmter Mix vieler Maßnahmen“, sagt Matthias Ratheiser, Geschäftsführer von Weatherpark, einem Unternehmen, das Stadtklimaprojekte in ganz Europa betreut. „Ich empfehle jeder Stadt eine Klimaanalyse, die zeigt, wo Hitzeinseln und Luftschneisen sind und wo es gefährdete Menschen gibt, etwa bei Spitälern oder Altenheimen.“ Daten, über die die meisten österreichischen Städte bislang nur rudimentär oder überhaupt nicht verfügen.

Wesentlich ist für Ratheiser, die natürliche Wasserzirkulation zu nutzen. „Wasser liefert Verdunstungskälte. Manche deutsche Städte gestalten Becken, um das Regenwasser an der Oberfläche zu halten, andere setzen auf den Schwammeffekt.“ Dabei wird der Untergrund aufgelockert, wodurch er mehr Wasser aufnehmen und verdunsten lassen kann. „Das entlastet auch die Kanalsysteme, die durch häufigeren Starkregen langsam an ihre Grenzen stoßen“, sagt Ratheiser.

Parks bringen wenig fürs Gesamtklima

Städtische Parks eignen sich gut als Rückzugsflächen, bringen dem urbanen Gesamtklima aber nur wenig. „Der messbare Einfluss reicht nur ein bis zwei Gassen weiter. Städte brauchen mehr vernetztes Grün“, sagt Ratheiser. Werden entlang von Straßen Versiegelungen aufgebrochen und Schattenspender gepflanzt, steigert das auch die Lust am Gehen oder Radfahren. Denn die empfundene Hitze ist auch Kopfsache. Laut einer von der Stadt Wien veröffentlichten Studie kann allein der optische Eindruck begrünter Straßenfassaden die gefühlte Temperatur um mehrere Grad senken.

Das tatsächliche Potenzial solcher Maßnahmen ist geringer. „Man darf nicht glauben, dass das wie eine Klimaanlage die Stadt komplett abkühlt“, sagt Ratheiser. „Doch die Hitze ist dann besser auszuhalten und nachts sind drei Grad weniger schon realistisch.“

Baumaterial spielt nur eine geringe Rolle

TU-Bauphysiker Peter Kautsch empfiehlt kluges Lüften in der Nacht und automatisierte Jalousien vor Glasfronten.

Nicht nur Architekten und Städteplaner, auch Bauphysiker sind gefordert, wenn es um die Bewältigung von Hitze im städtischen Bereich geht. Peter Kautsch, Professor an der Technischen Universität Graz am Institut für Hochbau, warnt gleich einmal vor einer beliebten Legende: „Viele schwärmen von den massiven Gebäuden in den alten Innenstädten und dass es dort so kühl sei im Gegensatz zu heutigen Wohnbauten. Aber das stimmt leider nur zum Teil: Wenn sich massive Gebäude nach längeren Hitzeperioden erwärmen, dann bekommt man die Wärme überhaupt nicht mehr weg.“

Aus seiner Sicht spielt das Baumaterial überhaupt eine eher untergeordnete Rolle. Zwar nehme Beton im Vergleich zu Ziegel mehr Wärme und diese schneller auf, aber wesentlich ist der Unterschied nicht. Auch die in Putze oder Gipskartonplatten eingearbeiteten neuen sogenannten Phase-Change-Materialien hätten die Erwartungen nicht erfüllt. Sie könnten zwar Spitzen abfangen und puffern, aber die Wärmeenergie müsse doch irgendwie wieder abgeführt werden.

Wichtiger sei die Größe der Räume, und da hätten Altbauten Vorteile: „Hohe Räume mit großem Volumen erwärmen sich nicht so leicht wie kleine Räume. Auch subjektiv empfindet man kleine Räume rascher als unbehaglich.“

Zwei Hebel sieht der Bauphysiker: Zum einen müsse man die Luftzirkulation fördern. Dies sei auch schon mit dem klassischen „Casablanca-Ventilator“ an der Decke machbar. „Er schafft Luftbewegung und führt zu einem angenehmeren Raumklima“, so Kautsch.

Großen Effekt könne man erzielen, wenn man in der Nacht das Querlüften in der Wohnung praktiziert.

Was Windtürme betrifft, wie sie im Orient üblich waren, ist Kautsch skeptisch. Diese Vorrichtungen, die den Wind über einen verkehrten Kamin in die Wohnräume leiten, würden sich oft mit dem Thema Brandschutz spießen.
„Wenn wir mit Glasfronten und großen Fenstern leben wollen, müssen wir uns wohl mit Kühlkonzepten anfreunden“, befürchtet Kautsch. Wichtig wären aber aktive Abschattungseinrichtungen. „Bei nicht genützten Räumen müssten automatisch die Jalousien heruntergehen.“ Auch die Betonkernaktivierung – Rohrsysteme in Decken und Fußböden dienen der Heizung und Kühlung – könne sinnvoll sein. Dunkle Hausfassaden sind Wärmefallen.

Aber nicht jede Idee ist letztlich so gut, wie sie zunächst aussieht. Vor Versprühungsaktionen von Wasser etwa warnt der Bauphysiker: „Da kann es schnell passieren, dass es einfach nur schwül wird.“ Norbert Swoboda

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Sam125
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Lesenswert?

Klima heizt den Städten ein und dafür haben wir hier in Graz, seit einigen

Jahren, einen geänderten Flächenwiddmungsplan, wo jedes noch so kleines Grundstück, voll verbaut werden kann! Dadurch sind nicht nur die Mietpreise und die Grundstückspreise in die Höhe geschnellt, auch verschwindet jede nur mögliche Grünfläche in Graz! Ja Graz wächst Europaweit am schnellsten, aber die Folgen des Wachstums, wie Städteklima und emense Miet- und Eigentumspreise lassen die Grazer Bevölkerung nicht kalt! Es profitieren hauptsächlich einige große Baufirmen und die Stadtgemeinde von diesem Städtewachsum und die jungen Grazer Bürger, ohne "reiche Verwanden", und das "Städteklima ", bleiben auf der Strecke!!