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Falsche Krebsdiagnose"Ich habe lange gebraucht, bis ich das alles glauben konnte"

Kathrin Schwarzenbacher erhielt die Diagnose Lymphdrüsenkrebs. Eine Fehldiagnose, wie sich nach einem Jahr und sechs Durchgängen Chemotherapie herausstellte.

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Kathrin Schwarzenbacher© Armin Walcher
Kathrin Schwarzenbacher© Armin Walcher © (c) Armin Walcher (Armin Walcher)
 

Sie waren 27 Jahre alt, als Sie die Diagnose Lymphdrüsenkrebs, genauer gesagt T-Zell-Lymphom, erhielten. Was hat Sie damals veranlasst, zum Arzt zu gehen?
KATHRIN SCHWARZENBACHER: Ich habe einen Knoten im Unterbauch gespürt und habe dann eigentlich den Arzttermin meiner Mutter wahrgenommen. Da ist eben dieser eine Knoten entdeckt worden. Deswegen bin ich dann auch weiterüberwiesen worden. Beim übernächsten Arzt ist eine Gewebeprobe entnommen worden, diese kam in die Pathologie. Wenig später wurde uns gesagt, dass es sich um etwas Bösartiges, um einen „unangenehmen Zeitgenossen“ handelt mit einer ungünstigen Prognose. Ein paar Tage später habe ich schon mit den ersten Therapien begonnen.

Haben Sie eine zweite Meinung eingeholt?
Ich möchte unterstreichen, dass ich niemanden an den Pranger stellen oder die Verdienste der Schulmedizin in Abrede stellen möchte, aber bei mir war es eben so. Ja, ich habe eine zweite Meinung eingeholt, aber die Befundung der Gewebeprobe war schlichtweg falsch. Es wurden keine weiteren Maßnahmen gesetzt, die normalerweise hätten gesetzt werden müssen. In meinem Gutachten steht deshalb: „die Einschätzung als T-Zell-Lymphom ist somit in erster Linie auf die fehlende Ausnutzung diagnostischer Möglichkeiten und die fehlende Korrelation mit dem klinischen Bild zurückzuführen“.

Zu Person und Buch

Kathrin Schwarzenbacher arbeitet als Flugbegleiterin in Privatjets, als sie mit 27 Jahren die Diagnose Lymphdrüsenkrebs erhält.

Nach einem Jahr und sechs Zyklen Chemotherapie stellt sich jedoch heraus, dass es sich um eine Fehldiagnose gehandelt hat. Schwarzenbacher zieht vor Gericht und erhält recht.

In ihrem Buch "Tod auf Bewährung. Falsche Diagnose und ein Sieg über das System" (Ecowin-Verlag) erzählt sie ihre Geschichte.

Heute arbeitet sie als Gesundheitswissenschaftlerin. Ein Traum, den sie sich mit einem Teil des ihr zugesprochenen Schmerzensgeldes erfüllt hat.


Also haben auch die anderen Ärzte mit diesem falschen pathologischen Befund gearbeitet?
Ja. Immer wieder hört man, dass man eine zweite oder dritte Meinung einholen soll. Dem stimme ich mit Einschränkungen zu. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass das wenig Sinn hat, wenn man mit dem falschen pathologischen Erstbefund von Arzt zu Arzt pilgert, denn liegt dieser auf dem Tisch, sind die Weichen gestellt.

Wie viele Chemotherapien haben Sie gemacht?
Sechs Zyklen, ich war bei den Chemotherapien auch immer drei Nächte dort. Ich bekam immer sehr hohes Fieber und war in Quarantäne. Zuvor war ich eben pumperlgesund.

Sie haben ja zu einem entscheidenden Zeitpunkt erfahren, dass es sich um eine Fehldiagnose handelte.
Ich habe auf der Rehab einen Mediziner kennengelernt, diese Bekanntschaft war entscheidend dafür, dass ich noch einmal alles infrage gestellt habe. Der Bekannte sagte, dass die ungewöhnliche klinische Situation einfach gar nicht zu der Diagnose passe. Zwei Monate später musste ich wieder zur Untersuchung und es wurde ein Wiederaufleben der Krankheit festgestellt. Man sagte mir, dass die Chancen nun noch viel geringer sind, dass man sie bekämpfen kann. Daraufhin hatte ich einen Hochdosistermin und auch Bestrahlungen waren bereits geplant.

Warum sind Sie der Sache noch einmal so auf den Grund gegangen?
Auf Anraten des Mediziners habe ich dann noch einmal alles von der Pathologie ausheben lassen und Referenzpathologen in Deutschland zurate gezogen, die darauf spezialisiert sind. Die Entnahme des kompletten Knotens folgte. Der ehemalige Mediziner-Freund hat Kontakt nach Deutschland zu einer Oberärztin aufgenommen, diese Onkologin ist auf T-Zell-Lymphome spezialisiert. Sie meinte, dass sie in ihrer 20-jährigen Karriere noch nie so einen Krebs gesehen hat. Sie sagte, dass man unbedingt und sofort alle Therapien stoppen solle.
Wie haben Sie von der Fehldiagnose erfahren?
Zwei Tage später hätte ich die Hochdosistherapie gehabt und dementsprechend ist es mir gegangen. Und dann kam der Anruf, dass alle Therapien abgesagt sind. Eine unglaubliche Euphorie hat sich in mir breitgemacht. Ich hatte zuvor oft Tagträume, dass es sich um eine Fehldiagnose handelt. Ich habe lange gebraucht, bis ich das alles glauben konnte. Erst als ich es schwarz auf weiß in einem Drittgutachten gesehen habe und ich es immer wieder auch mündlich bestätigt bekommen habe, konnte ich es glauben.

Wann stand für Sie fest, dass Sie damit vor Gericht gehen?
Ich habe mich ein Dreivierteljahr danach dafür entschieden. Ich hatte aber Bedenken. Denn dieselben Ärzte retten auch tagtäglich Leben. Es ging mir bei all dem nicht um einen persönlichen Rachefeldzug gegen einzelne Personen oder Institutionen. Ich habe aber gehofft, dass mein gerichtliches Vorgehen auch auf eventuelle Missstände aufmerksam machen und etwas in Gang setzen kann. Und dass anderen womöglich eine ähnliche Situation erspart werden könnte.

Der Gerichtsprozess wurde zu Ihren Gunsten entschieden, Ihnen wurde Schmerzengeld zugesprochen. Was haben Sie damit gemacht?
Einen Teil der Summe habe ich in mein Studium der Gesundheitswissenschaften investiert. Ich habe erst vor Kurzem meine Magisterarbeit abgegeben.

Sind Sie wütend?
Nein, jetzt nicht mehr. Es ist sechs Jahre her. Es hat mich gewissermaßen auch gestärkt. Ich wäre jetzt nicht da, wo ich bin, ein Mensch reift gerade in schwierigen Phasen. Jedoch scheint Positives deutlich schneller zu verblassen und Negatives länger verhaftet zu sein. Am Anfang hatte ich schon eine breite Palette an Gefühlen. Aber inzwischen stehe ich dem, ganz ehrlich, neutral gegenüber. Mir geht es sehr gut, ich bin glücklich und mittlerweile auch in einer neuen Beziehung.

Was raten Sie Menschen, die eine Krebsdiagnose erhalten?
Es ist wichtig, dass man Vertrauen in die Schulmedizin hat, es ist aber auch wichtig, Vertrauen in das eigene Ich zu haben, um eine vorherrschende Meinungsleitschiene wohlbedacht hinterfragen zu können. Man sollte auf jeden Fall eine Zweit- und Drittmeinung einholen. Ich würde im individuellen Fall aber auch das Biopsat hinterfragen und eventuell an ausgewiesene referenzpathologische Institute senden.

Beim Experten nachgefragt

Onkologe Herbert Stöger von der Med-Uni Graz erklärt den im Regelfall klaren, aber oftmals auch schwierigen Weg von der Verdachtsdiagnose zur endgültigen Diagnose.

Wie läuft eine Befundung bei Krebsverdacht ab?
HERBERT STÖGER:
In den meisten Fällen ist der Hausarzt die erste Anlaufstelle. Dieser kann das breite Feld der Onkologie aufgrund des enormen Wissenszuwachses aber gar nicht lückenlos überblicken. Deswegen ist es oft auch eine Frage des Zufalls, wohin die Patienten weitergeleitet werden. Es gibt aber Faustregeln, wie die Größe eines Knotens und die damit verbundenen Symptome, die darauf hindeuten, dass man den Patienten gleich an ein Krebszentrum weiterverweisen sollte. Die Abklärung bei einem Tumorverdacht ist etwas ganz Spezielles und soll nach strikten Regeln ablaufen. Trotz aller gebotenen Vorsicht kann es aber immer wieder zu Diskrepanzen und Missinterpretationen kommen, die vielfach in der Natur der Fragestellung liegen und nicht auf mangelnde Sorgfalt zurückzuführen sind. Es ist extrem selten, aber auch die Medizin ist nicht hundertprozentig, so wie das meiste im Leben nicht hundertprozentig ist. Unsere Hauptpflicht ist aber die Sorgfalt, um Fehler zu vermeiden.

Wann wird ein Referenzpathologe hinzugeholt?
Wenn es sich um besonders seltene Tumore handelt, ist es ein Standard, einen für diese Tumorart spezialisierten Referenzpathologen beizuziehen. Der Pathologe bekommt eine Zuweisung, je besser diese ist – auf dem Zuweisungszettel stehen z. B. Dinge wie „Verdacht auf“ und wo es genau liegt –, desto zielgerichteter kann der Pathologe arbeiten. Üblicherweise wird jede Gewebeprobe von zwei Befundern bearbeitet. Da ist derjenige, der den Befund primär erstellt, und ein zweiter, der kontrolliert, ob der Befund richtig und stimmig ist. Gerade in der Onkologie sind wir besonders vorsichtig und konsequent, weil die Therapien, die wir machen, entsprechend belastend sein können, Nebenwirkungen haben und auch nicht ohne Spätfolgen für die Patienten sein können.

Welche Fortschritte hat die Medizin in diesem Bereich in den vergangenen Jahren gemacht?
Wir sprechen heute nicht mehr von personalisierter Medizin, sondern mittlerweile von Präzisionsmedizin. Anhand des zunehmenden Wissens bekommt man auch zunehmend Sicherheit in der Befundung. Wir verlassen uns heute nicht mehr nur auf die bildgebende morphologische Diagnostik, sondern auch auf eine Reihe von zusätzlichen sogenannten Markern auf den Krebszellen. Wir wissen zunehmend mehr über die Besonderheiten der Tumorzellen. So gibt es eine Vielzahl von Merkmalen der Tumorzellen, die man zusätzlich erheben kann, um die Diagnose zu festigen. Aber das setzt voraus, dass ich vor Ort Spezialisten für jegliche Tumorentitäten habe. Deswegen ist es auch in der Diagnose einer Tumorerkrankung enorm wichtig, diese in Zentren durchzuführen.