Man glaubt ja, er sei einfach süß. So ein goldener Aufstrich fürs brave Frühstück, das brave Leben. Doch dann sitzt man plötzlich am Seggauberg, in der warmen Nachmittagssonne, zwischen Weingarten und Bienenstöcken, mit Victoria Sturm vom Weingut Hirschmugl und dem Wanderimker Johannes Gruber – und merkt: Honig kann alles, nur fad sein nicht.
Victoria Sturm und Johannes Gruber verkosten Honig
Sturm, die ihre Weingärten kennt wie andere ihre Westentasche, hat längst auch die Bienen für sich entdeckt. „Wie beim Wein“, sagt sie, „entscheidet die Lage.“ Und Gruber nickt. „Die Bienen fliegen nur vier Kilometer – also ist jeder Honig ein kleines, essbares Abbild der Landschaft.“ Und das ist kein Marketingsatz, das ist eine Tatsache mit Flügeln. Dann die Verkostung der Hirschmugl-Honige. Zuerst der Blütenhonig vom Sonnenhang – hell, fein, fast höflich. Ein bisschen Linde schwingt mit, wie ein Gruß vom Sommer. Dann der Kastanienhonig, der wilde Bruder – dunkel, bitter, mit Tannin im Abgang. „Der bitterste aller heimischen“, erklärt Gruber, „aber auf Schwarzbrot mit Butter – göttlich.“
Es wird gerochen, geschleckt, philosophiert. Über Konsistenz und Farbe, über Kristallisation, über Temperatur und über die unbestechliche Ehrlichkeit eines Naturprodukts, das keine Etikette braucht, um Charakter zu zeigen. Doch der Imker aus Leidenschaft bleibt nicht in der Heimat. Er wandert – und bringt Weltgeschichte im Glas zurück. Bedunica-Honig aus Südalbanien – hell, cremig, mit feinem Raucharoma. Da braucht man keine Räucherpistole.
Dann Wildlavendel-Honig aus Südfrankreich – zart, lebendig, grüne Apfel-Säure im Abgang. Nur: Drei Jahre lang kein Ertrag. „Zu heiß“, sagt Gruber. „Die Bienen sterben zuerst.“ Da wird’s still. Und dann kommt er – der Erdbeerbaumhonig. So bitter, dass man kurz glaubt, jemand hätte einen Espresso reingeschüttet.
Und während man den Löffel ableckt, denkt man: Stimmt. In jedem Glas steckt Zeit, Landschaft, ein bisschen Mut und sehr viel Demut. Spätestens da weiß man: Jeder Löffel ist auch eine eindringliche Mahnung, die Natur ernst zu nehmen, bevor sie vers(t)ummt. Und glauben Sie mir eines: Wer hier noch „süß“ sagt, hat nichts verstanden.