Eigentlich mögen Sie keine kitschige Wohndeko, aber zu Weihnachten kaufen Sie Rehe, Elche, Hirsche, Platzteller mit Lebkuchenmännchen, Elfen und Nussknacker? Und der Ugly-Christmas-Sweater darf natürlich auch nicht fehlen: Damit sind Sie nicht allein. Dieses Jahr ist das sogar ein Deko-Trend - aus guten Gründen.
Ein Nussknacker grinst vom Kaminsims, ein Reh ziert das Fensterbrett. Rote Kugeln am Baum spiegeln den Kerzenschein, daneben hängen kleine Schaukelpferde und Holzfiguren. Weihnachtsteller, Rüschen und Spitze schmücken den Tisch. Das ist kein Bild aus (Ur-)Omas Wohnzimmer am Heiligen Abend oder eine Beschreibung der schönsten Schaufenster großer Kaufhäuser im Advent. Das ist einer der alljährlichen Dekorationstrends für Weihnachten.
Feiern wir also wieder Weihnachten, wie es in einer guten alten Zeit war? Trendexpertin Gabriela Kaiser, die die adventlichen Produkte im Handel analysiert hat, sagt sogar: „Dieses Jahr soll das Fest noch so viel schöner werden, als es je war. Denn wir bauen uns jedes jahr das fantastische Weihnachtsfest aus Kinderbüchern und Weihnachtsfilmen nach.“
Bitte schön kitschig!
Doch warum ist das so? Grob zusammengefasst: Trends stehen für gesellschaftliche Entwicklungen. Firmen greifen diese auf und bieten Produkte an, die im Moment gut zu den Gefühlen vieler Menschen passen - also zu ihrem Lebensstil, Wünschen, Hoffnungen und auch Ängsten.
Der Antrieb der Firmen: Treffen sie den aktuellen Geschmack der Menschen, können sie mehr Produkte verkaufen. Daher verschiebt sich auch bei so etwas Klassischem wie den Dekorationen für Weihnachten immer wieder ein wenig das Produktangebot im Handel.
Aktuell steht da viel Nostalgisches, Märchenhaftes und - man muss es so nennen - Kitschiges in den Regalen. Nun gut, könnte man einwenden: Weihnachtsdekoration durfte immer schon genau das sein. Aber, dass in all den verschiedenen Dekorationsstilen so viel davon vorkommt, das ist schon auffällig.
Dafür gibt es laut Trendforschenden mehrere Gründe. Ein ganz wesentlicher ist, dass wir in einer unsicheren Zeit leben, in der Elemente aus der Kindheit uns unbewusst ein gutes Gefühl vermitteln. „Diese Rückbesinnung hat eine tröstende Wirkung – sie schafft Behaglichkeit und Vertrauen“, sagt Trendscout Claudia Herke, die für die Messe Christmasworld die Neuheiten analysiert.
Alte Familientraditionen wiederentdecken
Wer sich jedes Jahr etwas neue Dekoration zum Advent kauft, hat natürlich gemerkt: Die Rückbesinnung auf alte Deko-Elemente gibt es schon eine ganze Zeit lang. „Aber die Pandemie trägt dem natürlich auch Rechnung“, sagt Trendanalystin Gabriela Kaiser. „Wir besinnen uns verstärkt auf uns selber und wir werden sozusagen in unsere Familien zurück katapultiert.“
Damit geht einher, dass viele sich mit alten Familientraditionen beschäftigen oder diese für sich im Erwachsenenalter neu entdecken. Etwa den klassisch dekorierten Weihnachtsbaum mit roten Kugeln, Apfel-Anhängern und kindlichen Figuren. Diese Elemente sprechen sogar die jungen Generationen an, die diese klassische Weihnachtsdekoration in ihrer Kindheit nicht erlebt haben, beobachtet die Expertin.
Das Phänomen gibt es übrigens bei vielen Trends, etwa in den Bereichen Mode und Möbel: Das, was Oma toll fand, mögen die Enkel wieder. Die Elterngeneration dazwischen aber kann gut darauf verzichten.
Der Weihnachtsbaum aus dem Märchenbuch
Die Jüngeren neigen also teils dazu, das Weihnachtsfest auf eine Art und Weise zu inszenieren, die sie selbst gar nicht erlebt haben. „Oder anders gesagt: Sie haben Weihnachten auf diese Weise nur vorgespielt bekommen, etwa in einem schönen Kinderbuch oder in einem alten Film“, sagt Kaiser. „In jeder guten Märchengeschichte ist der klassische Weihnachtsbaum mit roten Kugeln geschmückt. Und am Boden steht das Holzpferd und die kleine Dampfeisenbahn.“
Sie sind nicht die einzigen trendigen Deko-Stücke, die uns auf emotionaler Ebene ansprechen. Naturmotive wie Blätter, Nüsse, Zweige oder Zapfen, Rehe und Hirsche symbolisieren einen „Kontrapunkt zum digitalen Überdruss“, sagt Trendscout Claudia Herke. Sie stehen also für eine Entschleunigung, wie sie etwa auch ein Spaziergang durch einen ruhigen Wald bringen kann.
Statt nur zu Hause zu sitzen, entdecken zu der Zeit des Jahres auch viele Menschen Spaziergänge in der Natur wieder oder haben Sehnsucht danach, mehr Grün um sich zu haben. Das beeinflusst auch die Deko: „Die Menschen holen sich die Behaglichkeit der Natur in ihr Zuhause“, sagt Herke. Und das bewusst gerade auch zum Advent und Winter - einer frostigen Zeit, in der man vergleichsweise wenig Zeit draußen verbringt. Dann holt man sich die Natur erst recht ins Haus und macht sich die Wohnumgebung besonders schön und heimelig.
Üppige Dekorationen - Stichwort „hochdekoriert“
Daher gibt es noch einen Trend: Viele Menschen schmücken derzeit die Wohnräume vergleichsweise üppiger und aufwendiger als noch vor einigen Jahren. Gabriela Kaiser nutzt hierfür den Begriff „hochdekoriert“.
Das erwartet die Trendanalystin auch besonders im Advent dieses Jahres. Denn wir werden nicht nur wieder viel Zeit zu Hause sein. Schließlich entfallen vielerorts erneut die Weihnachtsmärkte, und Firmen verzichten häufig auf Weihnachtsfeiern. Dazu kommt: Wir haben auch noch ein Nachholbedürfnis, sagt Kaiser. „Letztes Jahr gab es zur Weihnachtszeit pandemiebedingt viele Restriktionen, es durften nicht viele Menschen zusammenfeiern. Das letzte Fest war also etwas abgespeckt.“
Und da schließt sich der Kreis: Weihnachten 2021 soll so vieles nachholen und geben können. Deshalb soll es zu Hause einfach schön sein. So wie früher. Oder so wie in den Kinderbüchern. Weil das Herz es gerade braucht.