Donnerstag in Graz: Die Diagonale, das Festival des österreichischen Films, hat bei Sonnenschein und in ausverkauften Kinos den Vollbetrieb aufgenommen. Jubelstimmung herrscht in der Branche aktuell allerdings nicht. Beim Eröffnungsfestakt in der Helmut-List-Halle war die Finanzkrise der Filmförderung ein zentrales Thema. Den dramatischen Hintergrund erläutern Erfolgsregisseur Markus Schleinzer („Rose“) und Produzent Alexander Dumreicher-Ivanceanu im Gespräch mit der Kleinen Zeitung: Der Branche geht gerade das Geld aus.

Das Österreichische Filminstitut, im Vorjahr noch mit insgesamt 65 Millionen Euro für Festivals, Institutions- und Filmförderung ausgestattet, musste heuer eine Budgetkürzung auf 39 Millionen hinnehmen. Für das Förderprogramm Fisa+ zur Internationalisierung des Filmstandorts Österreich, das noch 2024 90 Millionen ausschütten konnte, stehen 2026 nur mehr 55 Millionen zur Verfügung. Eine Folge dessen: Bei der jüngst erfolgten Fördersitzung des Filminstituts „konnten von 44 Einreichungen zur Herstellung nur noch zehn finanziert werden, weil bei einem Antragsvolumen von 32 Millionen Euro nur 5 Millionen im Budgettopf waren“, rechnet Dumreicher-Ivanceanu vor.

Paradoxe Situation

Den Produzenten alarmiert die „paradoxe Situation“ der Branche: „Soeben haben wir in Berlin den größten Erfolg des österreichischen Films aller Zeiten erlebt. ,Rose‘ gewinnt einen Silbernen Bären. Adrian Goigingers ,Vier minus drei‘ gewinnt den Preis ,Europa Cinema Label‘ und legt mit über 13.000 Besuchen am ersten Wochenende einen sensationellen Kinostart hin. Davon abgesehen haben wir in diesem Winter 440.000 Kinobesuche bei ‚Aufputzt is’ gehabt. Und gerade jetzt sind die Filme von morgen mit den aktuellen Budgetkürzungen nicht mehr finanzierbar. Obwohl nachweislich jeder Euro, der in Film investiert wird, per Umwegrentabilität dreifach zurückkommt und eine Tiroler Studie gezeigt hat, dass wir aus einem Arbeitsplatz in der Filmbranche 1,7 Arbeitsplätze mit verbundenen Wirtschaftszweigen generieren.“

„Vier minus drei“ mit Valerie Pachner und Robert Stadlober: 13.000 Besuche am ersten Kino-Wochenende

Für Schleinzer rechtfertigen diese Zahlen einen Umkehrschluss: „Kein Geld in Film zu investieren, heißt den Steuerzahlerinnen und Steuerzahlern Geld zu unterschlagen“, argumentiert er. Darüber hinaus sieht er in der Förderfrage auch eine der kulturellen Identität: „Wer soll denn Geschichten aus Österreich erzählen, wenn nicht wir?“

Eine auch bei der Diagonale-Eröffnung mehrfach vorgebrachte Lösungsmöglichkeit für das Dilemma: die sogenannte Streaming-Abgabe, mit der internationale Streaming-Anbieter mit einem Teil ihrer Umsätze in Österreich zur Finanzierung von heimischem Programm beitragen. Geschätzt belaufen sich die Einnahmen dieser globalen Medienriesen auf 400 bis 600 Millionen Euro pro Jahr, „Geld, das seit Jahrzehnten aus Österreich abfließt, ohne dass irgendetwas davon dem österreichischen Film zugutekommt“, sagt Dumreicher-Ivanceanu.

Eine faire Beteiligung der Streamer könnte das dramatisch verschieben. Über sie wird bereits seit rund einem Jahr verhandelt, sie steht auch im Regierungsprogramm – aber es gibt sie nach wie vor nicht. Genau deshalb fordert nun ein Zusammenschluss der gesamten Filmbranche diese Beteiligung nach Vorbild Frankreichs ein. Schleinzer vertritt den Dachverband der Filmschaffenden mit mehr als 10.000 Mitgliedern, Dumreicher-Ivanceanu als Obmann des Wirtschaftskammer-Fachverbands Film und Musik rund 7000 Unternehmerinnen und Unternehmer. Der gemeinsame Vorschlag der Branche: Die Gelder sollen in eine Abgabe (Levy) sowie eine Investitions- bzw.- Produktionsverpflichtung im Land (Investment Obligation) aufgeteilt werden, die Beiträge sieben bzw. 18 Prozent der Umsätze betragen.

In 16 europäischen Ländern sind derartige Modelle bereits umgesetzt, in Deutschland tritt eine entsprechende Regelung mit 1. Jänner 2027 in Kraft. „Das könnte also auch bei uns sehr schnell beschlossen werden – und noch in diesem Herbst oder spätestens mit 1. Jänner 2027 wirksam werden“, hofft Schleinzer: „Jetzt ist es ein Zeitfaktor!“

Deswegen sei der Appell an die Regierung  auch so dringlich, ergänzt Dumreicher-Ivanceanu: „Wir brauchen ein geschlossenes Vorgehen aller drei Regierungsparteien und eine wirklich schnelle Lösung, damit der österreichische Film die paradoxe Situation überwindet, gleichzeitig seine größten Erfolge zu feiern und in seiner größten Krise zu stecken.“ Zumindest eine der betroffenen Seiten scheint die Dringlichkeit mittlerweile erkannt zu haben: Internationale Streamer haben bereits Bereitschaft bekundet, die Abgabe zu leisten. Umso absurder findet es Schleinzer, dass in der Dreierkoalition offenbar noch immer verhandelt wird, „während uns die Luft ausgeht. Da steht eine ganze Branche auf dem Spiel, mit einer Infrastruktur, die man neu aufbauen muss, wenn man sie jetzt kaputtmacht. Das kann ja nicht das Ziel sein.“