Der Plot ist wirklich gut, das muss man anerkennen: Der Chef des größten Medienapparats im Land muss nach Belästigungsvorwürfen ausgerechnet am Internationalen Frauentag zurücktreten. Roland Weißmann, Generaldirektor des ORF, hat überraschend sein Amt niedergelegt, unter größtmöglicher, auch übernationaler Aufmerksamkeit: dank baldiger Austragung des ESC in Wien und nur wenige Monate vor seiner bis vor kurzem ziemlich wahrscheinlich wirkenden Wiederwahl.

Der Stiftungsrat hat Weißmann anhand der Beweislast ein Ultimatum gestellt und so dafür gesorgt, dass einer mutmaßlich belästigten Frau Gerechtigkeit widerfahren kann. Zugleich klingt hier eine Intrige wie aus, sagen wir, „House of Cards“ oder „Succession“ an – und ist als Plot derart gut, dass er unmöglich aus der ORF-Programmentwicklung kommen kann. Andererseits: An einer hausgemachten Küniglberg-Kabale gibt es wenig Zweifel. (Dann wurde hier also rund um den Frauentag eine Frau zwecks Macht- und Medienpolitik instrumentalisiert. Das wäre der schäbigste Plot-Twist in dieser Intrigenkrimi.)

Vorschläge und Forderungen von allen Parteiseiten

Also worum ging’s? Revancheakte eines geschaßten Silberrücken, vorbereitende Enthauptung für den Durchmarsch eines geschickteren Thronanwärters?  ÖVP-interne Intrige, weil es in der Dreierkoalition längst ausgemacht war, dass ein parteinaher Medienmanager das Rennen macht? Auffällig ist jedenfalls der Eifer, mit dem von allen Parteiseiten prompt Vorschläge und Forderungen unters Volk gestreut wurden: Die einen wollen eine Gremienreform, die andere eine Frau an der Spitze.

Offensichtlich war jedenfalls bekannt, dass sich da was gegen Weißmann zusammenbraut. Nur den Braumeister kennt man nicht. Aber spätestens im August muss ja eine neue Generaldirektion gewählt werden, wenn die Statuten nicht, wie schon gemutmaßt, eine vorgezogene Wahl verlangen.

Letztlich sind die Küniglberg-Kabalen zwar interessant, aber relevant sind sie nicht. Wichtig ist einzig: Wie soll es weitergehen? Vorerst einmal darf es, wie so oft, wenn in dieser Republik der Karren richtig tief im Dreck steckt, eine Frau wieder richten (siehe: Ibiza-Skandal und Kanzlerin Brigitte Bierlein, Burgtheater-Finanzkrise und Direktorin Karin Bergmann). Interimistisch soll Radiodirektorin Ingrid Thurnher den ORF übernehmen, die das sicherlich kann, aber auch absolut keine Ambitionen haben soll, das Amt längerfristig zu führen.

Warten wir also auf den Neuen. Oder die Neue. Aber egal, ob künftig ein Mann oder eine Frau den Küniglberg regiert: Jetzt kommt es darauf an, endlich ein schändliches System umzukrempeln. Seit langem wird über zahlreiche vertuschte MeToo-Fälle im ORF gemunkelt. Will die Anstalt diesen Skandal halbwegs überstehen, muss sie ihre geballte Männer-Macht hinterfragen und eine Unternehmenskultur, die sexistische Übergriffe bisher weder verhindert noch geahndet hat, von Grund auf reformieren. Vor diesem Hintergrund kann man es nur ironisch finden, dass Weißmann sich 2022 mit dem Anspruch um die ORF-Spitze beworben hat, er wolle den Sender „jünger, diverser, weiblicher“ machen. Jetzt muss sein Rücktritt der Anlass sein, dieses Programm endlich umzusetzen.